228 Jungvögel für den Altkreis Osterburg gezählt / Auch Findelkind „Rüdiger“ fliegt nun gen Süden

„Ein Storchenjahr der Superlative“

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„Rüdiger“ nahm bei seiner Pflegemutter Mitte Juni den Schnabel ziemlich voll, obgleich sein Schicksal damals noch ziemlich ungewiss war. Nun ist klar: Auch das Findelkind hat’s geschafft.

Ostorf/Seehausen. „2014 kann mit Fug und Recht als Storchenjahr der Superlative im Altkreis Osterburg bezeichnet werden“, jubelt Dr. Thoralf Schaffer im Gespräch mit der AZ.

Eine in den vergangenen 60 Jahren nie da gewesene Zahl von 106 Weißstorchpaaren, von denen lediglich 14 in diesem feuchtwarmen Sommer nicht erfolgreich brüteten, konnte vor wenigen Tagen zusammen mit 228 Jungvögeln die Reise nach Süden antreten. Der Storchenbeauftragte für den nördlichen Landkreis Stendal ist überglücklich, zumal die Bilanz für andere Gegenden alles andere als positiv ausfalle. Adebars Unterstützer in Seehausen, Osterburg und Umgebung aber können sich hingegen freuen. Der große Schreitvogel fühlt sich dort zunehmend wohl.

Wie sehr der Weißstorch die Herzen der Menschen rührt, zeigt das Schicksal von „Rüdiger“. Als halbe Portion durch seine Geschwister einfach aus einem Nest in Bertkow geschubst, wurde er von einem Mädchen gerettet, auf einem Hof zwischen Osterburg und Stendal von Claudia Kolbe aufgepäppelt und schließlich von Fachleuten in einen Horst in Ostorf zur neuen Familie gesetzt. AZ-Leser konnten Rüdigers Lebensweg mitverfolgen. Henry Zimmermann, vor dessen Haus das Nest auf einem alten Strommast thront, kann auf Nachfrage nun zufrieden berichten: „Zunächst kamen sie abends immer noch zurück, doch seit Ende August sind sie endgültig weg.“ Findelkind Rüdiger und seine beiden Stiefgeschwister haben es allesamt geschafft.

In den 70er- und 80er-Jahren bewegte sich die Anzahl der Paare im Altkreis Osterburg immer in der Größenordnung zwischen 40 und 50, relativ gleichmäßig über die Fläche verteilt. „Mit Beginn der 90er-Jahre begann die Population kontinuierlich zu wachsen, was wohl Jahren im Vorfeld mit gutem Bruterfolg in Polen zuzurechnen ist“, vermutet Dr. Schaffer. Ab diesem Zeitpunkt war jedoch eine deutliche Häufung im gewässernahen Bereich zu beobachten. Zwischen 2000 und 2010 stabilisierte sich der Bestand mit jährlich annähernd 90 Brutpaaren und etwa 150 bis knapp 200 ausgeflogenen Jungvögeln. „Die Schwelle von 200 wurde in den zurückliegenden Jahren aber lediglich dreimal ganz knapp überschritten.“

Durch die seit fünf Jahren im elbnahen Raum zwischen Werben und Wahrenberg organisierte wissenschaftliche Beringung von Jungstörchen über die Vogelwarte Hiddensee versprechen sich Dr. Schaffer und Mitstreiter weitere wichtige Informationen, wie sich die Population entwickelt. Ergänzt wird dieses Projekt durch den Einsatz von Satellitensendern an Störchen, die deutlich mehr Informationen bringen als ein Fußring. Federführend in dieser Sache ist der Storchenhof Loburg in Zusammenarbeit mit der Universität Tel Aviv, Israel.

Die erfreuliche Entwicklung im Altkreis Osterburg sei kein Grund, die Hände in den Schoß zu legen. Der Storch brauche nach wie vor Hilfe. Dr. Schaffer: „Die neuen landwirtschaftlichen Strukturen sind für den Nahrungserwerb der Störche weniger geeignet, als es noch vor Jahrzehnten der Fall war. Alte Bausubstanz, die bisher imposante Storchhorste getragen hat, verschwindet mehr und mehr und wird durch Masten, vorzugsweise aus Beton, ersetzt.“ Diese seien zwar weniger dekorativ, böten aber sicheren Halt für Jahrzehnte und deutlich besseren Schutz vor Waschbären, die gerne einmal eine Brut ausräubern würden. „Es gibt weiterhin viel zu tun und jeder, der dabei helfen will, unseren Störchen die Zukunft in der Region zu sichern, ist als Regionalbetreuer willkommen.“

Der Weißstorch ist der Charaktervögel der elbnahen, wassergeprägten Landschaft schlechthin. „Seit Jahrhunderten ist er fest verankert in Mythologie und Brauchtum. Auch heute noch muss er herhalten, wenn auf die kindliche Frage, woher die Babys kommen, den Eltern nicht so recht die passende Antwort einfallen will“, weiß Dr. Schaffer. Es verwundere also nicht, dass auch im Altkreis Osterburg bereits seit langer Zeit genauer hingesehen wurde, welchen Bruterfolg die anwesenden Paare hatten. „In diesem Jahr können wir auf sechs Jahrzehnte intensiver Weißstorchbetreuung zurückblicken. Über viele Jahre hielt Kurt Maaß aus Seehausen hier die Fäden in der Hand und hat mithilfe zahlreicher Ortsbetreuer Nisthilfen gebaut und Daten erfasst.“ Die Betreuung der Weißstorchpopulation läuft auch heute noch über ein dichtes Netz von größtenteils ehrenamtlichen Naturfreunden.

Von Marco Hertzfeld

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