Osterburgs CDU feiert Mauerfall und lässt Parteifreunden den Wahlskandal

Die andere „Seufzerburg“

Ein historisches Relikt für die Sammlung: Ortsbürgermeister Klaus-Peter Gose bedankt sich mit einem Grenzschild bei Museumsleiter Frank Hoche für dessen Arbeit zum Thema „25 Jahre Mauerfall“.

Osterburg. Was in der Osterburger CDU Rang und Namen hat, ist erschienen. Der Ortsverband hat die Kirchen- und Museumsnacht über einige Monate hin maßgeblich mit organisiert.

Ortsbürgermeister Klaus-Peter Gose erinnert bei der Eröffnung im Museum in persönlichen Worten an die Wendezeit. Matthias Köberle, der Chef des Ortsverbandes, feiert an diesem Tag auch noch seinen Geburtstag. Michael Handtke, Fraktionsvorsitzender im Stadtrat, hat seinen kleinen Sohn mitgebracht. Die Kreisstadt, der Skandal um die gefälschten Unterschriften auf den Vollmachten für Briefwahlunterlagen und die Durchsuchung der dortigen CDU-Parteizentrale – alles scheint mindestens 25 Kilometer weit weg.

Nico Schulz verlässt als Erster die Auftaktveranstaltung. Der Vize-Kreisvorsitzende und Bürgermeister der Einheitsgemeinde sagt auf dem Weg zum nächsten Termin der AZ: „Was da in Stendal passiert sein soll, wirft kein gutes Licht auf unsere Partei. Mit Blick auf 25 Jahre Mauerfall und ein System, dem Wahlfälschung ein zentrales Merkmal war, ist das Ganze erschütternd.“ Über die Rolle von Holger Gebhardt oder die von Wolfgang Kühnel, des Kreisvorsitzenden, sowie über mögliche personelle Konsequenzen innerhalb der Parteispitze wolle er nicht spekulieren. Es gebe viel zu viele Fragezeichen und die Staatsanwaltschaft ermittle auch noch (die AZ berichtete).

Derweil lässt Ingrid Bahß die Besucher an ihren großformatigen Fotografien, allesamt in Schwarz-Weiß, teilhaben. Die DDR-Oberen hatten die Werbenerin in den 1980er-Jahren ausgebürgert. Sie zog nach Köln, lebt dort nach wie vor, hat aber auch ihre alte Heimat neu entdeckt. „Ingrid Bahß hat viel bewegt“, würdigte Frank Hoche, der Leiter des Kreismuseums, gleich zu Beginn der Veranstaltung am Vortag des 9. November. Unter den Gästen befanden sich Akteure der Wendezeit wie Martin Zeigerer (Neues Forum), auch Altbürgermeister Siegfried Dießner war gekommen.

Ortsbürgermeister Gose hat aus seinem Leben in der DDR berichtet. Er sprach vom Vater, dem Polizisten und SED-Mitglied, der die Heirat des Sohnes mit einer Handwerkertochter verhindern sollte, dies aber nicht getan und in der Folge das ganze System hinterfragt habe. Gose redete von Mangelwirtschaft, einem Staat, der den Bürgern entrückt gewesen sei. Er erinnerte an die mehr als 200 Mauertoten und sprach vom wachsenden Drang nach Freiheit.

Bahß’ Bilderreigen hat drei Teile, die dem Seufzen und der eigenen Geschichte verbunden seien. Als Kind habe sie von in Kasernen eingesperrten, isolierten und hungernden Sowjetsoldaten gewusst. So gesehen sei die Ausstellung auch eine sehr persönliche Bilderschau. Bahß fotografierte viele Jahre später in „Klein Moskau“, der früheren sowjetischen Garnison bei Hillersleben nahe Haldensleben, in einem ehemaligen Gefängnis in Kassel und in einer einstigen Stasi-Untersuchungshaftanstalt in Erfurt (die AZ berichtete). Die drei Orte vereine eine tiefe Sehnsucht der Eingeschlossenen nach Freiheit und den schmerzhaften Umstand, „ohne Einverständnis des Systems“ den Ort nicht verlassen zu können. Die Ausstellung der 65-Jährigen trägt den Titel „Die Seufzerburg“, umfasst insgesamt 20 Werke und kann noch bis 21. Dezember besucht werden.

Von Marco Hertzfeld

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