Osterburgs Urgestein Fritz Timoschenko unvergessen / Tochter ordnet Nachlass und findet letztes Manuskript

„Andere machen daraus einen Roman“

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Eines der letzten Fotos zeigt Fritz Timoschenko mit seiner Tochter Petra vor dem Haus in Osterburg.

Osterburg. „Es waren Männer wie mein Vater, die diese Stadt und das Umland geprägt haben.“ Petra Lagemann blättert bewegt im Nachlass ihres Vaters. Fritz Timoschenko ist fast auf den Tag genau vor drei Jahren gestorben.

Das altmärkische Urgestein mit ukrainischen Wurzeln, wie er sich mitunter selbst bezeichnete, arbeitete mehr als vier Jahrzehnte in der Maschinen-Ausleih-Station (MAS), die Hälfte davon als Leiter. „Er war bekannt wie ein bunter Hund.“ Immer mehr griff er auch zum Stift, schrieb persönliche und lokale Geschichte und Geschichten auf. Ein letzter Beitrag, der über seinen Lehrer Roderich Müller handelt, blieb unveröffentlicht. Timoschenko wurde fast 93 Jahre alt.

Die wenigen Zeilen stehen auf einem einzigen Blatt. Lagemann liest für ihren Vater mit leicht zittriger Stimme: „Meine Eltern als Tagelöhner durch den Anreiz, einen halben Pfennig mehr zu verdienen, nahmen Arbeit in der großbäuerlichen Wirtschaft Hochstedt-Herzfelde auf.“ Der Knabe ging quer durch niedergetretene Getreidefelder zur Schule nach Schönberg nahe der Kirche. Müller unterrichtete alle Kinder von der ersten bis zur achten Klasse. Mehr ging nicht. „Ich erinnere mich noch heute an meine Mitschüler Geiersbach, Filatow, Kirsch, Erich Riebe, Karl und Käthe Haverland, Runge, Plau, Gottschalk ...“

Das Schulzeugnis des Knaben Timoschenko. 

Lagemann atmet durch. Sie zeigt der AZ das Schulentlassungszeugnis ihres Vaters, von Lehrer Müller, der kurz nach der politischen Wende in der DDR mit 91 Jahren starb, unterschrieben. Timoschenkos Nachlass sei viel größer als ein paar Zettel und fülle locker mindestens zwei Kisten. Manuskripte, Fotos, Zeitungsartikel, Bücher und historische Dokumente bilden ein Stück Zeitgeschichte, für das sich auch ein Heimatmuseum interessieren könnte. „Ein kleiner Schatz, weil er sich eben auch für andere Menschen und das große Ganze interessierte.“ Ihr Vater habe zum Ende noch seine Biografie schreiben wollen, es blieb bei Bruchstücken. „Er hatte extra ein Diktiergerät geschenkt bekommen.“

1922 in Falkenberg geboren, der Vater, ein Ukrainer, gerät im Ersten Weltkrieg in deutsche Gefangenschaft, er bleibt und kehrt nicht in den Osten zurück, verliebt sich in eine Dienstmagd in Neukirchen. „Andere machen allein schon daraus und aus diesem Stoff einen Roman“, meint Lagemann und lächelt. Ihr Vater Fritz wächst in der Altmark auf und lernt dazu. „Landwirtschaftliche Lehre, Traktorist, Landesbauernschule, Diplom-Agrarökonom, Ingenieurschule, Leitungspraktikum, MAS-Chef und dazu bei den Kampfgruppen vorn dabei.“ Eine Bilderbuchkarriere in der DDR. „Mein Vater sah immer etwas Gutes im Sozialismus.“ Auch so hätten ihn die Menschen in Osterburg und Umgebung gekannt. Über Politik lasse sich streiten, über die Größe der Familie nicht. „Er konnte sich über seine Frau, zwei Töchter, sechs Enkel und am Ende 13 Urenkel freuen.“

Mit der ukrainischen Spitzenpolitikerin Julia Timoschenko habe die Familie übrigens nichts zu tun, jedenfalls sei nichts anderes bekannt. Als diese Frau Ministerpräsidentin ihres Landes wurde und auch danach reichlich Schlagzeilen produzierte, interessierten sich plötzlich besonders viele Altmärker für Timoschenkos Lebensgeschichte. Im Gespräch mit der AZ keine zwei Jahre vor seinem Tod am 4. März 2015 ließ der Hobby-Historiker die Frage übrigens immer verschmitzt ein klein wenig offen.

Von Marco Hertzfeld

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