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„Wir waren uns alle zu sicher“

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Von: Monika Schmidt

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Matthias Mann kehrt dem Schreibtisch im Klötzer Rathaus den Rücken und ab Januar ins Landwirtschaftsamt zurück. Auch wenn er weiter arbeitet, freut er sich doch auf mehr Zeit für die Familie und die Hobbys. Foto: Schmidt
Matthias Mann kehrt dem Schreibtisch im Klötzer Rathaus den Rücken und ab Januar ins Landwirtschaftsamt zurück. Auch wenn er weiter arbeitet, freut er sich doch auf mehr Zeit für die Familie und die Hobbys. © Schmidt

Klötze. Im zweiten Teil des Interviews wagt der scheidende Bürgermeister Matthias Mann auch einen Blick in die Zukunft von Klötze. Diese gestaltet er nicht mehr mit, ab 1. Januar 2017 ist Uwe Bartels neuer Bürgermeister von Klötze.

Interview

AZ: 2010 kurz nach der Bildung der Einheitsgemeinde waren die Grundlagen mit einheitlichen Satzungen, Hebesätzen, der Ämterstruktur ja eigentlich schon gelegt. Im Prinzip war da schon alles fertig. Danach ist ja fast nichts mehr passiert.

Matthias Mann: Alle Beschlüsse, die ich mit meiner Verwaltung eingebracht habe, sind mehrheitlich umgesetzt worden. Es ist ja nicht so, dass mir einiges um die Ohren gehauen wurde oder von der UWG oder anderen Gegenanträge gekommen sind, da kam gar nichts. Auch kein Vorschlag, mit deiner Philosophie, Bürgermeister, bei der Stadtwirtschaft sind wir nicht einverstanden und wir stellen jetzt den Antrag, in jedem Ort brauchen wir einen Gemeindearbeiter und so wird das finanziert, das kam ja auch nicht. Insofern bin ich zufrieden und habe das gerne gemacht. Ich kannte die Truppen ja schon seit der Wende, habe 1994 die Bildung der Verwaltungsgemeinschaft Jeetze-Ohre-Drömling sowie die Fusionsgespräche mit Klötze und Beetzendorf begleitet. Unser großer Erfolg war, Klötze als Verwaltungsgemeinschaft mit zu übernehmen. Es war mal vorgesehen, dass Klötze die Trägergemeinde mit hauptamtlichem Bürgermeister wird. Da haben wir uns als VG durchgesetzt und die Struktur der Verwaltungsgemeinschaft mit einem Verwaltungsleiter an der Spitze und einem ehrenamtlichen Bürgermeister für Klötze durchgesetzt. Das war nicht selbstverständlich.

Ich habe nie, und den Vorwurf ziehe ich mir auch nicht an, die kleineren Gemeinden irgendwo benachteiligt. Insofern muss man dann aber auch so ehrlich sein in den Ortschaftsräten, dass vieles beim Stadtumbau oder anderen Förderprogrammen eben nur in Klötze möglich ist. Es ist ja auch kein Hehl, Klötze muss eine Daseinsvorsorge für die anderen Orte übernehmen, mit Ärzten, mit Apotheken, mit Einkaufsmärkten und allem. Klar kennen sich die Einwohner von Jahrstedt und Steimke in Brome besser aus als in Klötze, das ist mir auch bewusst. Das ist territorial ganz normal, aber Klötze darf nicht vernachlässigt werden. Es stimmt nicht zu sagen, dass alles nur nach Klötze gegangen ist und nichts in die Dörfer.

AZ: Wäre es sinnvoller gewesen, auch um die Transparenz in den Orten herzustellen, mehrere Ausschüsse im Stadtrat zu machen als nur den Hauptausschuss?

Mann: Ja sicher. Aber ich arbeite selbst in zahlreichen Ausschüssen mit und auch die Erfahrung aus anderen Kommunen zeigt, dass manchmal diese Ausschusssitzungen überflüssig sind, weil die Ergebnisse im Stadtrat und im Hauptausschuss dann doch wieder andere sind. Wenn die Arbeit ehrlich gemacht wird, ist es richtig und wichtig, dass man die Ortschaften mitnimmt. Aber wenn ich mich zu einer Ortschaftsratssitzung angemeldet habe, war das ja schon fast ein Angriff auf den Weltfrieden. Ausschüsse binden Zeit und Kapazitäten, das muss man auch wissen. Auch in der Verwaltung gibt es dafür nur begrenzt Ressourcen, ob bei den Amtsleitern oder den Protokollanten. Und wenn man bei manchen Ortschaftsratssitzungen das Protokoll nachliest, muss ich ganz ehrlich sagen: Schade um die schöne Zeit, um die vier Stunden, die die Mitarbeiterin abends los war und am Ende nur subjektive Meinungsbildung in den Protokollen niedergeschrieben wird. Und dann kommt von den Ortsbürgermeistern der Vorwurf, warum ist das nicht gemacht worden, das steht doch im Protokoll. Jüngstes Beispiel aus Schwiesau: Seit vier Jahren steht in den Protokollen, dass die Befestigung unter dem Basketballkorb noch nicht gemacht ist und jetzt lese ich nach der letzten Sitzung im Protokoll: Die brauchen wir gar nicht. Wenn sechs Leute im Ortschaftsrat sind, gibt es auch sechs Meinungen. Aber es kann doch nicht sein, dass subjektive Einzelmeinungen im Protokoll festgehalten werden. Dann sollen sie Anträge stellen und Beschlüsse fassen.

AZ: Sieben Jahre Bürgermeister ist eine relativ kurze Zeit. Gibt es etwas, was sie als besondere Erinnerung mitnehmen, wo sie sagen, da hänge ich dran?

Mann: Die Erinnerung ist komplett die funktionsfähige Einheitsgemeinde. Klötze hat sich entwickelt, hat landesweit einen guten Ruf. So hat sich der Verkehrsminister persönlich bei mir verabschiedet. Vor sieben Jahren hat keiner von Klötze etwas gehört und jetzt nach sieben Jahren hat Klötze einen guten Ruf, nicht nur im Landkreis, wo man doch das Empfinden hatte, dass mein Handeln gewürdigt wurde. Es macht mich ein bisschen traurig, enttäuscht mich, dass Leistung, Befähigung und Eignung überhaupt keine Rolle mehr spielt. Protest, Polemik und Pöbelei haben Hochkonjunktur. Da sagt man: Meine Güte. Die Beispiele sind weitreichend, von Brexit bis zu Trump. Ist es das, wo die Menschheit drauflos steuert? Wir waren uns alle zu sicher in dem Gefühl, dass kann doch gar nicht sein.

AZ: Ist das das Ende Ihrer politischen Karriere?

Mann: Nein. Ich wollte zwar die ersten Tage fast nicht mehr aus dem Haus gehen, habe alle Termine abgesagt. Aber dann habe ich mich ganz schnell wieder eingekriegt, auch mit Hilfe meiner Familie und guter Freunde, die mir den Rücken gestärkt haben und gesagt haben, dich brauchen wir weiterhin. Ich werde die politische Entwicklung weiter interessiert beobachten. Man trifft sich im Leben immer ein paar Mal. Bis 2019 bin ich erstmal noch im Kreistag gewählt.

Mit dem Abschnitt Einheitsgemeindebürgermeister verbunden war für mich auch die konsequente Entscheidung, bei den damit verbundenen Ämtern, ob im Wasserverband oder anderswo, den Schnitt zu machen. Das müssen die neuen Verantwortungsträger machen.

AZ: Wäre eine Landtagskandidatur noch mal etwas, was sie anstreben würden?

Mann: Nein, auf Kreis- und Gemeindeebene reicht mir das durchaus. Da würde ich mich gern weiter engagieren. Es hat auch schon einige Angebote gegeben, Ehrenämter zu übernehmen, denn es ist ja nicht so einfach, Verantwortungsträger zu finden.

Ich werde weiter arbeiten, ins Landwirtschaftsamt zurückkehren. Ab 1. Januar geht es nahtlos weiter.

AZ: Wenn Sie 2017 noch Bürgermeister wären, was hätte ganz oben auf der Liste zum Erledigen gestanden?

Mann: Die Eröffnungsbilanz, der Haushalt und das Entwicklungskonzept. Das ist wichtig, um zu wissen, in welche Richtung sich die Stadt entwickeln soll. Das muss auch von den Gremien, den Ortschaftsräten und den Ortsbürgermeistern mitgetragen werden. Es ist aber auch eine Chance, um zu wissen als Grundsatz, was wollt ihr überhaupt. Das muss dann auch beschlussmäßig durchgesetzt werden.

Das kreide ich mir ein bisschen an: Ich hätte vielleicht mehr Stadtratsbeschlüsse einfordern müssen, wo ich immer versucht habe, das eigenständig als Kompromiss zu lösen. Einige Male musste ich zu dem Mittel Stadtratsbeschluss greifen, siehe bei der Immekather Ruine, und da ist mir der Stadtrat auch gefolgt. Oder bei der Skaterbahn. Als ich das als Beschluss gebracht habe, hat der Stadtrat mich mehrheitlich unterstützt und es war vom Tisch. Vielleicht hätte man solche strittigen Punkte eher im Hauptausschuss oder im Stadtrat abstimmen lassen sollen. Das hätte man auch bei dem Punkt Gemeindearbeiter machen sollen: Hätte der Stadtrat entschieden, ob man in jedem Ort noch einen Gemeindearbeiter braucht, dann hätte man gewusst, woran man ist. Ich habe mir vielleicht zu viel auf den Tisch gezogen, wo ich gesagt habe, das klärst du eigenständig, wo der Stadtrat hätte entscheiden sollen. Dann hätte ich gewusst, woran ich bin. Ich hatte allerdings auch immer das Gefühl, wenn ich in meinem Bericht über eine solche Entscheidung informiert habe, dass mir nie einer gesagt hat, das ist verkehrt und wir stellen einen anderen Antrag. Das kam ja nicht. Insofern war ich mir in meinem Handeln sicher. Ich hatte das Empfinden, dass meine Strategie mehrheitlich angenommen wurde. Aber zur Absicherung hätte ich mir besser nochmal die Legitimation vom Stadtrat holen sollen. Das kam vielleicht aber auch deshalb nicht, weil die Stadträte gesagt haben, das hat der Bürgermeister entschieden, dann brauchen wir uns politisch nicht aus dem Fenster zu lehnen. Ich habe viel Kritik weggenommen und habe die auf mich gezogen. Ich hab’ lieber mich prügeln lassen als den Stadtrat. Aber das ist nun mal die politische Gratwanderung gewesen, aber das ist nun Geschichte.

AZ: Worauf freuen Sie sich jetzt besonders?

Mann: Auf mehr Freizeit. Die ganzen Abendveranstaltungen, die Wochenenden waren immer ausgefüllt. Ich habe vieles selbst wahrgenommen, weil die beiden Amtsleiter nicht direkt in Klötze wohnen und junge Familien haben, da habe ich Rücksicht genommen und vieles selbst besetzt, Einladungen wahrgenommen. Von sieben Tagen in der Woche war ich an fünf bis sechs Abenden unterwegs. Da freue ich mich – und meine Frau sich auch – dass es abends etwas ruhiger wird und wir auch an den Wochenenden mehr Zeit haben, selbst mal irgendwohin fahren können. Ich habe in vielen Fällen nicht mal meinen Urlaub verbraucht, habe viel Bereitschaftsdienst übernommen und dafür keine freien Tage genommen, so dass es jetzt schon insgesamt etwas entlastender ist, selbstbestimmter wird. Und dann wünsche ich mir wieder mehr Zeit für Hobbys, ein bisschen Musik machen, ein bisschen singen im Chor und die Familie und die fünf Enkel freuen sich auch, wenn Opa mal mehr Zeit hat.

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