Wenn aus Wolken Spiegeleier werden

Helmut Jaap von der Alzheimer-Gesellschaft Sachsen-Anhalt erklärte bei seinem Vortrag in Klötze, wie sensibel mit an Demenz Erkrankten umgegangen werden sollte.

Klötze - Von Monika Schmidt. Alzheimer ist eine Persönlichkeitsveränderung. Und gerade das macht den Umgang für Angehörige mit den Demenzerkrankten so schwer. Wie Alzheimer entstehen kann und wie Angehörige mit den Dementen umgehen können, das erklärte Helmut Jaap von der Alzheimer-Gesellschaft Sachsen-Anhalt am Dienstagabend in der evangelischen Familienbildungsstätte (EFA).

Betroffene Angehörige, aber auch Mitarbeiter von Pflegediensten waren dazu in die Einrichtung gekommen. Für die Angehörigen ist nicht nur der Demenzfall in der Familie eine Belastung, es sind häufig auch Probleme mit Krankenkassen, Ärzten und Gerichten, bei denen sie dringend Unterstützung brauchen. Diese kann beispielsweise eine Angehörigen-Selbsthilfegruppe bieten. Die Alzheimer-Gesellschaft hat damit in anderen Regionen des Landes gute Erfahrungen gemacht, nun möchte Helmut Jaap eine ähnliche Gruppe in Klötze ins Leben rufen. „Das ist eine gute Form für ratsuchende pflegende Angehörige, die sonst nirgendwo Gehör finden“, erklärte er. In der Gruppe gibt es zum einen fachgerechte Hinweise, zum anderen aber auch den sehr wichtigen Austausch mit anderen Betroffenen, mit denen sich ausgetauscht werden kann. Gerade auf dem „flachen Land“ gebe es viele versteckte Probleme. Vielfach werde über die Erkrankung nicht gesprochen, weil sich der Betroffene und seine Angehörigen schämen. Dass das ein falscher Weg ist, betonte Helmut Jaap ausdrücklich. „Wir müssen über Demenz reden wie über Aids und Krebs“, machte er deutlich. Um die Sprache der Leute in der Altmark zu treffen, „brauchen wir Mitstreiter vor Ort“. Als ersten Ansatz für die Gründung einer Angehörigengruppe stellte er eine Schulungsserie vor, die bei Interesse Ende April in der EFA starten kann. An sechsmal zwei Stunden wird er bei dieser Schulung viele Probleme, die Alzheimer für die Familie mit sich bringt, detailliert ansprechen. Ziel soll es sein, aus der Schulung eine Gruppe für Angehörige aufzubauen.

„Es gibt zehn Formen der Demenz“, berichtete Helmut Jaap bei seinem Vortrag. Alle Erkrankungen im Kopf, also auch Schlaganfall und Parkinson, sind eine Form der Demenz. „Alzheimer steht an der letzten Stelle der zehn Formen, weil sie unheilbar ist“, erklärte der Leiter der Magdeburger Alzheimer-Beratungsstelle. Dass der Mensch ab 65. Lebensjahr alle zehn Jahre zwischen zehn und 20 Prozent seiner körperlichen und geistigen Fähigkeiten verliert, sei normal. Bei an Alzheimer Erkrankten beginne dieser Verlust jedoch schon ab dem 35. Lebensjahr. Je älter der Mensch wird, desto eher besteht die Gefahr, Alzheimer zu bekommen. Aber nicht jeder Senior ist betroffen. „Wonach die Natur auswählt, ist noch unklar“, sagte Helmut Jaap.

Bei Demenzerkrankungen funktioniert das Zusammenspiel zwischen den Denkzellen im Gehirn, den Synapsen, nicht mehr richtig. Je weiter die Krankheit voranschreitet, desto weniger funktioniert die richtige Verteilung der Informationen im Gehirn. Das betrifft aber nur das Denken, betonte Helmut Jaap. Das Gefühl bleibt den Erkrankten erhalten. Sie fühlen also, dass etwas nicht stimmt, können das aber in ihrem Gehirn nicht mehr richtig sortieren. Diese Persönlichkeitsveränderung ist ein Problem, dass den Umgang mit den Erkrankten schwierig mache. Die Angehörigen sind traurig, weil sie das Gefühl haben, alles Gute ist aus den Erkrankten verschwunden und nur die bösen Eigenschaften sind geblieben. „Das Denkhirn geht verloren, aber das Gefühlshirn bleibt bis zum Tod erhalten“, erinnerte Helmut Jaap. „Der Demente fühlt seine Defizite und sträubt sich mit Händen und Füßen dagegen, dass es jemand merkt“, beschrieb Helmut Jaap ein weiteres Problem. Einige Themen riss er kurz an, so den Umgang mit dem Führerschein des Dementen und die Einsicht überhaupt, an Alzheimer erkrankt zu sein. Die Beratungsstelle in Magdeburg und die künftige Angehörigengruppe können helfen, Strategien für den Arztbesuch und die Abgabe des Führerscheins zu entwickeln, erklärte er. Der Beratungsstellenleiter appellierte an die Angehörigen, bei den ersten Anzeichen einer Persönlichkeitsveränderung rechtzeitig zunächst den Hausarzt und dann einen Neurologen aufzusuchen. Eindrucksvoll beschrieb er anhand des Beispiels eines Malers, wie sich die Sicht des Dementen auf seine Umwelt verändert: „Wenn aus Wolken Spiegeleier werden“. Das ist auch Thema einer Ausstellung, die über die Alzheimer-Gesellschaft ausgeliehen werden kann.

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