Strafverzeichnis der Jahrstedter Schule von 1901 bis 1910: Einträge für Jungen überwiegen

Vier Schläge für Schwatzhaftigkeit

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Manchmal muss Inge Bohndieck die Lupe und ein Übersetzungsbuch für die Sütterlin-Buchstaben zur Hand nehmen, um die Einträge entziffern zu können. Dabei gibt es auch viel zu lachen.

Kunrau. Wer in diesen Tagen an der Geschäftsstelle des Fremdenverkehrsvereins Jeetze-Ohre-Drömling im Kunrauer Schloss vorbeikommt, hört häufig lautes Lachen.

Warum Inge Bohndieck, die die Geschäftsstelle des Vereins betreut, so viel Spaß hat? Sie übersetzt gerade ein altes Strafregister der Jahrstedter Schule. Und für was die Schüler damals von ihrem Lehrer bestraft wurden, das kann schon für Heiterkeit sorgen: Lachen im Unterricht, Faulheit, Lüge, Trotz und Widersetzung, Stehlen, Schwatzhaftigkeit und immer wieder fehlender Fleiß bei der Erledigung der Hausaufgaben oder der Abschriften von der Tafel. Lehrer Mohr hatte mit den Jahrstedter Schülern so seine Last.

Das „Strafverzeichnis der einklassigen Volksschule Jahrstedt von 1901 bis 1910“ wurde von Helga Ladwig beim Aufräumen auf dem Dachboden gefunden – wie so viele Schätze, die die Drömlingsausstellung bereichern. „Das wäre doch bestens geeignet für die kleine Dorfschule im Schloss“, stellte Helga Ladwig fest und überreichte die ordentlich geführte Kladde an den Fremdenverkehrsverein. Inge Bohndieck ist derzeit dabei, die in Sütterlin verfassten Einträge zu übersetzen. Das ist manchmal gar nicht so einfach, auch wenn Lehrer Mohr die Einträge sehr ordentlich vorgenommen hat.

„Die Jungen überwiegen“, hat Inge Bohndieck festgestellt. Aber auch die Mädchen sind nicht ungeschoren davon gekommen. Ihre häufigsten Einträge: Schwatzhaftigkeit. Manche Namen tauchen häufiger auf, „die kenne ich schon“, schmunzelt die Kunrauerin. Während die Mädchen Schläge auf die Hand bekamen, wurden die Jungen mit Schlägen aufs Gesäß bestraft. In der Regel gab es vier Schläge, zum Beispiel für die schwatzhaften Mädchen. Fürs Stehlen von Geld und Bleistiften, wie der Lehrer vermerkt, setzte es sechs Hiebe. Die höchste Strafe, die er in den zehn Jahren verteilte, waren acht Schläge für Ungehorsam.

„Für die liederliche Ausbesserung der Verbesserung häuslicher Arbeiten“ gab es nur zwei Schläge, wer dagegen „faul im Lernen“ war oder „grobe Fehler im Diktat“ machte, der musste für vier Schläge seine Hände vorstrecken. Mit der Kirche hatten es die Jahrstedter Schüler wohl nicht so. „Faulheit beim Lernen biblischer Geschichten“ gehört zu den häufigeren Einträgen. Auch eine kräftige Stimme schien dem Lehrer wichtig. Für „leises Sprechen“ setzte es Schläge, ebenso für „schlechtes Tafelschreiben“ und „faul im Lesen“. Sechs Schläge sind vermerkt für „störendes Lachen im Unterricht“. Das kann ja nur eines der schwatzhaften Mädchen gewesen sein. „Nein, das ist ja ein Junge“, ist Inge Bohndieck nahezu entsetzt. Das sind die Fälle, wenn sie bei der Übertragung der Strafen in den Computer richtig laut loslachen muss.

Schon früh wurden die Jahrstedter übrigens für das Achten der Natur erzogen. Für das „Zerstören eines Vogelnestes“ wurden die Jungen bestraft. Neben dem Namen des „gezüchtigten Kindes“ ist im Strafverzeichnis das Datum und die Art der Strafe ebenso vermerkt wie eine „kurze Begründung der Notwendigkeit der vollzogenen Züchtigung“. Manchmal sind es so viele Punkte, die Lehrer Mohr ins Register einträgt, dass die ansonsten sehr ordentliche Schrift ganz schmal wird, um in die Spalte zu passen. „Dann muss ich die Lupe zur Hand nehmen, um das Entziffern zu können“, erklärt Inge Bohndieck.

Von Monika Schmidt

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