„Bitte vorher anrufen“

Stippvisite in der Klötzer Kinderarztpraxis: Kein Corona, aber 90 Influenzafälle

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Erfüllen in der Praxis für Kinder- und Jugendmedizin in Klötze ihre Dienstpflicht: Evelyn Sobotta (v.l.), Dr. med. Kathrin Gerlach, Dr. med. Heida Ewertowski, Kathrin Boesenhagen und Melanie Jürges.

Klötze – Die Corona-Pandemie stellt das Alltagsleben auf den Kopf. Während normale Erwerbstätige in Kurzarbeit geschickt werden oder angehalten sind, ihre jüngeren Kinder zu Hause zu beaufsichtigen, müssen Menschen anderer Berufsgruppen ihre Dienstpflicht erfüllen.

Erzieher zum Beispiel oder Ärzte und medizinisches Personal.

Für die Altmark-Zeitung nahmen sich Dr. med. Heida Ewertowski und ihr Team Zeit, einen Einblick in den gegenwärtigen Alltag der Praxis für Kinder- und Jugendmedizin in Klötze zu gewähren.

„So etwas habe ich noch nie erlebt“

Seit 1994 praktiziert Dr. Heida Ewertowski als niedergelassene Ärztin in ihrer Praxis an der Neustädter Straße. „Aber so eine Situation wie jetzt habe ich noch nicht erlebt“, sagt die 67-Jährige. Damit spricht sie auch für ihr heute anwesendes Praxisteam: die medizinischen Fachangestellten Evelyn Sobotta und Melanie Jürges, Gesundheits- und Krankenpflegerin Kathrin Boesenhagen, deren Kind derzeit von ihrem Lebensgefährten betreut wird, sowie Assistenzärztin Dr. med. Kathrin Gerlach. Die 35-jährige angehende Kinder- und Jugendmedizinerin absolviert noch bis Ende April ihr Weiterbildungsjahr in der Praxis, „und um unsere Kinder kümmert sich jetzt mein Mann“.

Die Sprechzeiten auf dem Praxisschild sind mit der Bitte um vorherigen Anruf überklebt.

Mit ihrem Alter zählt Dr. Ewertowski in Sachen Corona selbst zur Risikogruppe. Daran gedacht, die Praxis vorübergehend zu schließen, habe sie aber keinen Augenblick. „Es gibt ja neben Corona auch noch die vielen anderen Patienten, die versorgt werden müssen“, sagt sie. Grippe-Infizierte zum Beispiel.

90 bestätigte Grippefälle

Seit die Schulen und Betreuungseinrichtungen geschlossen haben, gestaltet sich der Arbeitsalltag für Ärztinnen und Arzthelferinnen, zum Team gehört noch Diana Phillip, die im Moment nicht da ist, dennoch anders. „Anfang vergangener Woche war es erschreckend ruhig“, erinnert sich Evelyn Sobotta über das geringe Patientenaufkommen. Immerhin war die Wochen zuvor kaum ein Tag pünktlich zu Ende gegangen und das Wartezimmer immer voll gewesen. „Allein von Januar bis jetzt hatten wir an die 90 bestätigte Grippefälle“, erklärt Dr. Ewertowski. Und dann waren auch noch weitere junge Patienten mit anderen Infekten oder Krankheiten zu behandeln.

Mit kleineren Infekten werde nun kaum noch jemand vorstellig. „Wenn sie sowieso zu Hause sein müssen, brauchen sie vielleicht keinen Krankenschein für ihren Arbeitgeber“, ist eine Überlegung im Praxisteam. Anderseits hätten bereits etliche Eltern von der Regelung Gebrauch gemacht, sich per Telefon einen Krankenschein für ihr Kind ausstellen zu lassen. Bis zu sieben Tage ist das möglich. „Wir kennen unsere Patienten-Eltern recht gut und trauen ihnen zu, selbst einschätzen zu können, ob ein Arztbesuch jetzt nötig ist oder nicht“, sagt Dr. Ewertowski.

Diejenigen, die in der Praxis vorstellig werden, haben nur noch einzeln Zutritt zur Anmeldung und in den Wartebereich. Die meisten Akutfälle würden vorher telefonisch angemeldet. „Darum bitten wir jetzt auch, um unnötige Gefährdungen für auszuschließen“, so die Ärztin. Im Telefonat werden dann alle Fragen und die Vorgehensweise erörtert. Bei geplanten Untersuchungen, wie den Vorsorgen, „verlegen wir diese soweit es möglich ist, auf spätere Termine“. Wenn das nicht möglich sei, „wird die tägliche Sprechzeit jetzt so angepasst, dass gesunde und erkrankte Kinder strikt voneinander getrennt sind“.

Kein Corona-Kind in Klötze

Ein Patient mit Corona-Verdacht wurde bis jetzt in der Praxis nicht vorstellig. „Es gab nur einen Anruf einer Mutter, deren Kind in einem Ort zu Besuch war, wo es Corona-Fälle gab. Die Mutter haben wir dann an die Telefonnummer 116 117 verwiesen.“ Verdachtsfälle annehmen oder behandeln könnten die Ärztinnen in Klötze ohnehin nicht. „Wir haben bis heute keine Schutzausrüstung“, zeigt sich Dr. Ewertowski verärgert.

Als sie vor Wochen auf eigenes Bemühen von den Lieferanten nichts mehr bekommen konnte, habe es von der Kassenärztlichen Vereinigung die Information gegeben, dass Schutzmasken und -bekleidung ebenso wie Desinfektionsmittel zur Verfügung gestellt und verteilt würden. „Das ist bis heute aber nicht erfolgt.“ Und allmählich würden zumindest die Flächendesinfektionsmittel in der Praxis knapp. „Die brauchen wir aber, um nach jeder Behandlung zum Beispiel die Liegen zu desinfizieren“, erklärt Evelyn Sobotta. Jetzt wolle sie in den Apotheken erfragen, ob diese die Desinfektionsmittel selbst herstellen.

„Das Schlimme an Corona ist, dass es keine Therapie und keinen Impfstoff gibt“, macht Dr. Ewertowski klar. Zwar könnten anfängliche Symptome der Grippe ähnlich sein, „aber es ist ja ein völlig anderes Virus, das anders bekämpft werden muss“. Mit Anweisungen und Empfehlungen wie in Corona-Verdachtsfällen zu handeln ist, werde die Praxis von verschiedensten Institutionen geradezu überflutet. „Es ist so viel Papierkram, aber es fehlt ein bisschen die Einheitlichkeit“, hat Dr. Kathrin Gerlach festgestellt. Es fehle das Zentrale, das Einheitliche und Kompakte.

Was die vielen Influenza-Erkrankungen betrifft, gibt es Therapien und Impfungen. „Ich hoffe, dass sich die Leute im September daran erinnern, wie schlimm die Grippewelle in diesem Jahr war, und dass sie dann auch zur Impfung kommen“, sagt Dr. Ewertowski. Denn schwerwiegende Verläufe – mehrere Kinder mussten sogar stationär behandelt werden – könnten so verhindert werden. Dass Grippe-Schutzimpfungen krank machen würden, sei eine völlig falsche Behauptung. „Das ist ein Tot-Impfstoff, der nicht krank machen kann. Er verursacht vielleicht mal Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen oder erhöhte Temperatur, die aber meist schnell abklingen.“

VON MEIKE SCHULZE-WÜHRL

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