Die Ortsgeschichte neu schreiben

Einen dicken Ordner mit Belegen, warum Steimke plötzlich 26 Jahre älter als bisher bekannt sein soll, hat Ortschronist Hermann Buchmüller zusammengetragen. Fotos (2): Schmidt

Steimke - Von Monika Schmidt. „Ich weiß seit 2006, dass es ein anderes Datum gibt.“ Aber Hermann Buchmüller, der Steimker Geschichtsschreiber, traute sich nicht so recht an die Öffentlichkeit mit seiner Erkenntnis.

Bislang gingen die Steimker davon aus, dass ihr Ort 1238 das erste Mal erwähnt wurde. Dieses Ereignis wurde 1988 mit einem großen Dorfjubiläum gefeiert. Schon damals hatte Hermann Buchmüller Zweifel, dass es sich bei dem in der fraglichen Urkunde benannten Ort um Steimke handelt. Zu vieles passte nicht zusammen. Außerdem gibt es zu viele gleich lautende Orte in der Nähe, sei es nun das Steimke bei Hankensbüttel, Nordsteimke bei Wolfsburg oder das Steimbke bei Niendorf an der Weser. Vor allem eines hatte ihn stutzig gemacht: Der Ort Steimke wurde in der alten Urkunde als „Stenbeke“ bezeichnet. Das bedeutet wörtlich übersetzt „steinerne Bäke“ und passt so gar nicht zu Steimke an der Ohre. „Die Ohre ist ein richtiger Fluss, keine Bäke. Außerdem ist sie sandig und es finden sich keine Steine darin“, erläutert Hermann Buchmüller. Deshalb könne nicht das Steimke an der Ohre gemeint sein, vermutete er. Um die 750-Jahr-Feier des Ortes zu stoppen, war es jedoch zu spät. Hermann Buchmüller gab seine Recherchen jedoch nicht auf, sondern forschte weiter nach dem „richtigen“ Datum für die Steimker Ersterwähnung.

Hilfe bekam er dabei aus einem Nachbarort. Hans-Joachim Reisener, der Ristedter Ortschronist, und Klaus Pacholik hatten bei ihren Recherchen zur Ristedter Kirchengeschichte in Stade Urkunden entdeckt, in denen auch altmärkische Dörfer vorkommen. „Also war ich auch in Richtung Stade unterwegs“, erzählte Hermann Buchmüller. Bei sämtlichen vorherigen Belegen hatten sich die altmärkischen Chronisten auf den „Codex Diplomaticus Brandenburgensis“ gestützt. „Wir waren immer auf die brandenburgischen Annalen aus“, so der Steimker Ortschronist. Erst die Ristedter brachten ans Licht, dass die Bischöfe von Verden auch in der Altmark wirkten und deshalb auch in anderen Unterlagen gesucht werden müsse.

„1112 ist das Datum, in dem Steimke das erste Mal in einer Urkunde erwähnt wurde“, so lautet die neue These von Hermann Buchmüller. Auch wenn er diese These noch recht vorsichtig vertritt. Bestätigt sieht er sich jedoch in den Nachbarn aus Diesdorf, die sich ebenfalls auf diese Urkunde berufen und eine 900-Jahr-Feier für ihren Ort vorbereiten.

Genau das möchte Hermann Buchmüller auch in Steimke anregen. Bereits im August 2008 sprach er im damaligen Gemeinderat vor und wies auf das zu ändernde Gründungsdatum des Ortes hin. Er wollte sich absichern, dass die Gemeinde überhaupt Interesse an einer Feier habe. Damals hieß es, das Jubiläum sei noch weit weg. Nun drängt die Zeit aber langsam, denn zwei Jahre Vorbereitungszeit sind reichlich knapp bemessen.

Schon bei seinen Recherchen in den 1980er Jahren hätte Hermann Buchmüller – mit dem Wissen von heute – Erfolg haben können. Denn er berief sich auf den „Codex Diplomaticus Brandenburgensis“, ein 25-bändiges Werk eines Herrn Riedel. Darin gibt es ein Schlagwortverzeichnis, in dem Hermann Buchmüller nach Erwähnungen von „Stenbeke“ suchte. „Es gibt 18 Veröffentlichungen in dem Band, davon ist die Hälfte falsch“, weiß Hermann Buchmüller jetzt. Der Fehler sei dem Riedel jedoch nicht übel zu nehmen, da eine Vielzahl von kleinen Orten so bezeichnet wurde. Hätte Hermann Buchmüller damals aber nach „Stenbere“ gesucht, wäre er auch im Riedel fündig geworden. Denn „Stenbere“ ist das Steimke an der Ohre, hat der Ortschronist aus einer Urkunde des Verdener Bischofs Reinhard vom 9. August 1112 herausgefunden. Klaus Pacholik aus Ristedt half, den lateinischen Text zu übersetzen. „Stenbere“ wird wörtlich als ein Hof und drei Morgen Land bezeichnet. Das muss der Grundstein für Steimke gewesen sein, ist Hermann Buchmüller überzeugt. In einer zweiten Urkunde von 1178 mit dem neuen Bischof Ulrich ist wieder „Stenbere“ benannt.

Nach Gesprächen mit Lothar Mittag und Steffen Lan-gusch aus Salzwedel weiß Hermann Buchmüller, dass Steimke auch im Riedel verzeichnet ist, unter „Stenberge“. Von „Stenbere“ nach „Stenberge“ ist es nur ein kleiner Schritt. Steffen Langusch half beim Interpretieren der verschiedenen Schreibweisen und erklärte dem Ortschronisten, dass keine der Urkunden mehr im Original vorliegt. Es gibt nur noch Abschriften. Und dabei kann es schon allein durch verschiedene Handschriften zu solchen kleinen Veränderungen in den Ortsnamen kommen. Und „Stenberge“ ist im Schlagwortverzeichnis des Riedel nicht unter Steimke verzeichnet, deshalb hatte er den Verweis nicht entdecken können.

In dem Buch „Die Grafen von Stade“, in dem die Zeit von 900 bis 1144 aufgearbeitet wird, wird Steimke als „Stenberge“ benannt. Dem Buch ist eine historische Karte beigefügt. Und in dieser ist Steimke genau eingezeichnet, direkt an der Ohre im Bromer Bogen. Hermann Buchmüller ist sich sicher, dass er auf der richtigen Spur ist. „Wer es besser weiß, kann sich aber gerne bei mir melden“, will er letzte Zweifel nicht ausschließen. Auf jeden Fall sollten die Steimker langsam mit den Vorbereitungen für ihre 900-Jahr-Feier 2012 beginnen, wünscht er sich.

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