Das meistgeklaute Buch in Bibliotheken

Martin Goldstein war von 1969 bis 1984 der gefragteste Mann bei Jugendlichen. Als Dr. Sommer beantwortete er deren Fragen. Das Projekt Ökodorf Sieben Linden bei Poppau findet der 83-Jährige sehr interessant. Zuletzt besuchte er dort das Sommercamp.

Poppau - Von Wolfram Weber. Seit zehn Jahren kommt Martin Goldstein regelmäßig in die Altmark. Inzwischen ist die Region Beetzendorf seine zweite Heimat geworden. Das Projekt Ökodorf Sieben Linden und die dort lebenden Menschen findet der heute 83-Jährige sehr interessant.

Unzählige Deutsche, insbesondere aus den alten Bundesländern, kennen ihn: Dr. Sommer. In der Jugendzeitschrift Bravo beantwortete Martin Goldstein unter diesem Pseudonym Fragen insbesondere zum Thema Sexualität. Seit zehn Jahren kommt er regelmäßig in die Altmark. Im Ökodorf Sieben Linden hat er Seminare gegeben, aber auch verschiedene Seminare besucht.

Bei den Fragen, die Martin Goldstein und das Dr. Sommer-Team jede Woche in der Bravo beantwortete, ging es nicht nur um Liebe und Sex, sondern auch um viele andere, die den Jugendlichen unter den Nägeln brannten. So ging es um das Taschengeld und um Fragen wie: Muss ich mit meinen Eltern in die Kirche gehen? Muss ich, weil mein Vater es will und er selbst Mitglied ist, in den Schützenverein eintreten?

Von 1969 bis 1984 war Martin Goldstein Dr. Sommer. Er schätzt, dass etwa 3 000 bis 5 000 Briefe in dieser Zeit jeden Monat in der Redaktion ankamen, erinnert sich der Arzt und Psychotherapeut im AZ-Gespräch. Nach sieben bis zehn Tagen bekamen die Ratsuchenden eine Antwort, von Dr. Sommer unterschrieben.

„Damals arbeitete ich in einer Beratungsstelle“, erzählt Martin Goldstein, „Hätte ich mit meinem Namen die Post beantwortet und in der Bravo geschrieben, wären wahrscheinlich sehr viele Jugendliche gleich zu mir in die Beratungsstelle gekommen, was natürlich nicht gegangen wäre. Wir hatten mehrere Wochen Wartezeit für einen Termin.“ Aufmerksam wurde die Bravo-Redaktion auf Martin Goldstein durch sein 1967 erschienenes Buch „Anders als bei Schmetterlingen“, das er gemeinsam mit dem Grafiker Heinz Edelmann geschrieben hat.

Auch in diesem Sommer war Martin Goldstein wieder im Ökodorf. Der sympathische Senior saß am Rande des diesjährigen Sommercamps. Dort bietet er alias Dr. Sommer den jugendlichen Teilnehmern des Sommercamps Gespräche an. Sein Wissen und seine Erfahrung sind auch heute noch gefragt. In zwei Gruppen nehmen etwa 25 Mädchen und Jungen, von elf bis 13 Jahren und von 14 bis 17 Jahren, an dem Gesprächstermin teil.

Während des Gesprächs mit Martin Goldstein kommen immer wieder Jugendliche mit Fragen zu dem Psychotherapeuten, der bis zum Eintritt in den „Ruhestand“ eine eigene Praxis in Düsseldorf hatte.

Kinder brauchen eine Vertrauensperson, mit der sie gerade in der Pubertät, die sehr oft die größte Krise im Leben eines Menschen ist, sprechen können. Die Eltern haben meist nicht die passenden Antworten und sind oft schlechte Ratgeber, da sie früher selbst mit ihren Fragen alleine gelassen wurden, weiß Martin Goldstein aus seiner langjährigen Arbeit.

„Jetzt als Pensionär, als Arzt im Ruhestand, habe ich Zeit, um mich hier den Problemen und Fragen der Jugendlichen zu widmen“. Ganz wichtig sei es, die Probleme der jungen Leute ernst zu nehmen.

Symbolisch sieht Martin Goldstein, dass beim Thema „verliebt sein“ oft nur von „Asche“ gesprochen wird, aber nicht von der „Glut“.

Nicht ganz ohne Stolz verrät Martin Goldstein, dass sein, 1970 erschienenes Buch „Lexikon der Sexualität“ das meist geklaute Buch in Bibliotheken war. Im vergangenen Jahr erschien sein neuestes Buch „Teenagerliebe“.

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