Experte stellte sich den Fragen der Klötzer Stadträte, blieb aber viele Antworten schuldig

Das Land verträgt bis zu 1000 Wölfe

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Andreas Berbig von der Landesreferenzstelle für Wolfsschutz stellte sich im Stadtrat den Fragen der Politiker. Erst wenn es eine „stabile Population“ mit etwa 1000 geschlechtsreifen Tieren gibt, sollte regulierend eingegriffen werden.

Klötze. Die Klötzer Stadträte hatten sich das wohl anders vorgestellt.

Von den 13 Wolfsrissen im Land passierten sechs in der Umgebung von Klötze. Aber der Nachweis für ein Rudel fehlt. Fotos: Archiv

Wie es um den Wolf in Klötze bestellt ist und ob die Spaziergänger tatsächlich den Wald lieber meiden sollten – das waren die Ausgangsfragen für den Antrag der SPD-Fraktion, die beiden Wolfsbeauftragten der Klötzer Jägerschaft in den Stadtrat einzuladen. Doch Eckhard Wegwarth und Joachim Klabis erteilten dem Bürgermeister in Gesprächen Absagen. „Ich habe dafür Verständnis“, betonte Matthias Mann. Beide hatten erinnert, dass sie von der Jägerschaft dafür bestellt seien, mögliche Wolfsrisse und -spuren zu begutachten, aber sich nicht in die politische Diskussion einmischen. Sie könnten die Frage nicht beantworten, ob die Kinder in den Wald gehen dürfen. „Ich habe dafür Verständnis und respektiere das“, so Matthias Mann.

Aber Andreas Berbig von der Landesreferenzstelle für Wolfsschutz stellte sich den Fragen der Stadträte – blieb allerdings manche Antwort schuldig. So wollte Franz-Hermann Wegner wissen, ob in osteuropäischen Ländern Wölfe geschossen werden dürfen. Andreas Berbig beantwortete die Frage nicht, gab aber zu, die Antwort zu wissen. Das sorgte bei den Stadträten für Unmut.

Zumal der Wolfsschutzbeauftragte zu Beginn seines Vortrags erklärte, dass im Raum Klötze gar kein Wolf nachgewiesen sei. „Für diese Region steht der Nachweis für ein dauerhaftes Rudel noch aus“, so Berbig. Im Zichtauer Forst gebe es ein Paar, in der Colbitz-Letzlinger Heide ein Rudel. Etwas später in seinem Vortrag informierte Berbig, dass es im Altmarkkreis in diesem Jahr sieben Übergriffe mit 16 toten Schafen gegeben habe, bei denen Wölfe als Verursacher nicht auszuschließen sind, sechs Vorfälle gab es dabei im Umfeld der Purnitzstadt, nämlich zwei in Klötze und je einer in Ristedt, Immekath, Kalbe und Kakerbeck. In Sachsen-Anhalt insgesamt wurden in diesem Jahr bis Ende September 23 Fälle gemeldet, bei 13 Vorfällen sind Wölfe nicht auszuschließen. Die Stadträte erkannten einen Widerspruch an der Häufung der Vorfälle in der Einheitsgemeinde und dem Fehlen eines Wolfsnachweises für Klötze. „Es ist eine Invasion in der Region Klötze zu erkennen“, stellte Andreas Berbig fest. Denn von 13 Fällen insgesamt im Land gab es sechs in Klötze, fünf im Jerichower Land und einen im Bördekreis.

Betroffen von den Wolfsrissen sind in erster Linie Schafe, 23 wurden bislang getötet, dazu zwei Rinder und sechs Tiere in einem Gehege.

„Warum brauchen wir den Wolf?“, fragte Franz-Hermann Wegner. 200 Jahre gab es ihn schließlich auch nicht. Die Bevölkerung sei strapaziert, sie akzeptiere die Ansiedlung des Wolfes nicht, so Wegner. Dass der Wolf polarisiert, ist auch Andreas Berbig klar. Er breite sich aus, weil er in den meisten Ländern geschützt sei. Ob es Bestrebungen gebe, den Wolf ins Jagdrecht aufzunehmen, wollte Marco Wille wissen. Die gebe es, aber erst, wenn es eine „stabile Population“ gibt. Diese bezifferte er mit 1000 geschlechtsreifen Tieren in Deutschland und Polen. „Davon sind wir noch weit entfernt“, betonte Andreas Berbig. Horst Wienecke bereitete das Sorgen. Er erinnerte, dass beim Biber ähnlich argumentiert wurde. „Und jetzt ist der Drömling voll davon. Vor 20 Jahren waren es noch ein paar, jetzt sind es 65“, so Wienecke. Die Kosten, um die Biberschäden zu reparieren, tragen die Grundstücksbesitzer. „Das wird beim Wolf in Zukunft auch kommen“, befürchtete der Vorsteher des Unterhaltungsverbandes Obere Ohre.

Als Pädagoge wünschte sich Jörg Kägebein von dem Wolfsberater eine klare Aussage, was passiert, wenn bei 20 Kindern im Wald durch das Sichten des Wolfes Panik ausbricht und sich Kinder verletzten. „Welche Versicherung greift da. Wer trägt die Fürsorgeaufsichtspflicht?“ Da Andreas Berbig nur aus dem Bauch heraus antworten konnte, forderte Jörg Kägebein eine schriftliche Stellungnahme zu dieser Frage nachzureichen. „Die Kindereinrichtungen haben einen Bildungsauftrag, das Wissen über den Wald und die Natur zu vermitteln“, erklärte der Pädagoge. Dieser kann nicht erfüllt werden, wenn es wegen der Angst vor dem Wolf keine Exkursionen in den Wald mehr gebe. „Ich kann keine Gründe erkennen, mit Kindern den Wald zu meiden. Der Wolf ist die geringste Ursache, die im Wald passiert“, vermutete Andreas Berbig aus dem Bauch heraus.

Kindereinrichtungen meiden den Wald, auch Spaziergänger und Pilzesucher sind verunsichert. Die Gelegenheit, ihre Sorgen und Ängste mitzuteilen und Fragen an den Wolfsschutzbeauftragten zu stellen, ließen die Einwohner der Einheitsgemeinde am Mittwochabend im Stadtrat ungenutzt. Bis auf Andreas Lenz aus Quarnebeck, dessen Fragen einem anderen Themenkomplex galten, blieben die Zuschauerreihen im Klötzer Ratssaal einmal mehr leer.

Von Monika Schmidt

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