Ortschaftsräte schließen sich Kritik aus Immekath an / Neue BI im Beetzendorfer Raum vor Gründung

Kunrauer gegen Leitung und Haken

+
Die neue 110-kV-Freileitung soll 107 etwa 25 Meter hohe Masten mit einem Abstand von 300 bis 350 Metern umfassen.

Kunrau / Beetzendorf. Gegen die von der Avacon geplanten neuen 34 Kilometer langen 110-kV-Freileitung vom Kunrauer Umspannwerk über die bestehenden bzw geplanten Umspannwerke in Jeeben und Leetze in Richtung Salzwedeler Netz mehrt sich die Kritik in den betroffenen Orten.

Nachdem vor zwei Wochen die Immekather im Rahmen einer Projektpräsentation im Ortschaftsrat ihrem Unmut kundtaten (AZ berichtete), zogen nun die Kunrauer Räte am Dienstag nach. Auch sie bekamen das Projekt vom Avacon-Kommunalreferent Andreas Forke vorgestellt.

Die Kunrauer stören sich nicht nur an den Masten, sondern auch an einem Haken, den die Leitung nördlich des Dorfes macht.

Als Hauptargumente für die neue Leitung nannte dieser neben einer erhöhten Versorgungssicherheit in der westlichen Altmark auch eine gesteigerte Aufnahmefähigkeit der Netze. Stichwort: überschüssiger Strom aus erneuerbaren Energien. So würde die sogenannte Grünstromquote im Altmarkkreis Salzwedel derzeit 160 Prozent betragen. Heißt: Kreisweit werde durch Windparks, Biogasanlagen und Fotovoltaikanlagen 60 Prozent mehr Strom erzeugt als verbraucht. Im Klötzer Raum betrage diese Quote sogar 260 Prozent. Bereits heute, so erklärte Stephan Radtke, technischer Leiter bei der Avacon, könnten die Netze den grünen Strom nicht komplett aufnehmen. Windräder, die eigentlich mehr Strom produzieren könnten, müssten abgeregelt werden. Als reiner Netzbetreiber habe die Avacon aber die gesetzliche Pflicht, sämtlich erzeugten regenerativen Strom aufzunehmen.

Dass, wie in Immekath und Kunrau gleichermaßen kritisiert, die Leitung nicht als Erdkabel verlegt werden könne, liege in erster Linie am Kostenfaktor, so Forke. So müsste für ein Erdkabel (1 bis 1,2 Millionen Euro) drei- bis viermal so viel berappt werden wie für eine Freileitung (280 000 bis 320 000 Euro). Zudem würden auch eine längere Lebensdauer sowie geringere Reparatur- und Ausfallzeiten für eine Freileitung sprechen.

Eine Regelung der Bundesnetzagentur, die auch Forke als überholt ansieht, spreche ebenfalls für die kostengünstigere Variante. Demnach würden sich die anfallenden Kosten für Bau und Betrieb der Leitung in den Netzentgelten vor Ort niederschlagen. Ein Punkt, der Kunraus Ortsbürgermeister Uwe Bock fassungslos machte: „Wir werden dafür bestraft, dass hier mehr Energie erzeugt als verbraucht wird?“ Dass andere, die diesen Strom verbrauchen, nicht zur Kasse gebeten würden, sei unverständlich.

Auch am Verlauf der Freileitung nahe Kunrau schieden sich die Geister. So stand ein Haken, den die Leitung vom Umspannwerk an der L 23 in Richtung Rappin schlägt, besonders in der Kritik. Dies sei jedoch eine Vorgabe der Raumplanung, so Forke, und resultiere aus der Lage des Windparks Kusey-Neuferchau. Aus Sicht der Kunrauer sei das jedoch ein weiterer Punkt, der für ein Erdkabel spreche. Schließlich könne dieses geradlinig durch die Landschaft verlegt werden. Zumal sich die Avacon nur durch „Karnickelsand“ buddeln müsste. Auch die Möglichkeit, das bereits vorhandene Erdkabel zwischen Kunrau und Nettgau (Glunz) zu nutzen, wurde ins Feld geführt. Dessen Kapazität sei für das Vorhaben der Avacon jedoch nicht ausgelegt, entgegnete Radtke.

Dass die nördlich von Kunrau gelegene freie Landschaft überhaupt mit Masten bebaut werden dürfe, verwunderte nicht nur den Ortschef, der daran erinnerte, dass sich die Gemeinde Mitte der 1990er Jahre an dieser Stelle für einen Windpark mit acht Anlagen ausgesprochen hatte. Der Plan sei vom Landesverwaltungsamt unter anderem damit abgelehnt worden, dass es sich um eine Einflugschneise für Vögel handele. „Und nun geht es auf einmal doch?“, wunderte sich Bock.

Einwohner Ralf Schumann wurde, wie er sagte, den Eindruck nicht los, dass die Veranstaltung nur noch Form halber über die Bühne gehe und alles entschieden sei. Dass die Unterlagen für das nötige Planfeststellungsverfahren noch gar nicht eingereicht wurden, erklärte Forke.

Als Nächstes soll am Montag, 6. März, im Neuferchauer Ortschaftsrat über die geplante Trassierung informiert werden. Am Dienstag, 28. März, ist der Beetzendorfer Gemeinderat an der Reihe. Bis dahin, wie Enrico Lehnemann von der sich seit Jahren gegen neue Windkraftanlagen wehrenden Bürgerinitiative (BI) „Pro Jeetzetal“ ankündigte, solle eine BI gegen die Freileitung ins Leben gerufen werden. „Spätestens aber an diesem Abend“, so der Groß Gischauer.

Von Matthias Mittank

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare