Roquette-Geschäftsführer wird mit seinem Team auf europäischer Ebene aktiv werden

Klötzer setzt Algen-Standards

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Jörg Ullmann, Geschäftsführer der vor 17 Jahren errichteten weltweit ersten Glasröhren-Mikroalgenfarm in Klötze, möchte mit seinem Team Standards in Sachen Algen-Produktion setzen. Nach dem Verfassen des ersten Algen-Kapitels für das Nachschlagewerk „Handbuch Lebensmittelhygiene“ will der Diplom-Biologe nun auch auf europäischer Ebene aktiv werden.

Klötze. Gerade einmal rund 65 Jahre alt, nimmt der industrielle Anbau von Algen eine immer rasantere Entwicklung. Betrug die Menge der weltweiten Algenproduktion im Jahr 2005 noch 11,6 Millionen Tonnen, sind es mittlerweile mehr als doppelt so viel.

„Bereits heute stecken in rund 70 Prozent aller Lebensmittel Algen“, weiß Jörg Ullmann, Geschäftsführer der Algenfarm Roquette Klötze, die sich auf die Erforschung und den Anbau von Mikroalgen spezialisiert hat. Zahlreiche technologische und Produktinnovationen, die auch in Klötze mitentwickelt wurden, zeigen, dass das Ende der Fahnenstange noch lange nicht erreicht ist. Algen sind als Farbstoffe einsetzbar, können den Salzgehalt in Lebensmitteln reduzieren, liefern bestimmte Nährstoffe wie Proteine, Fettsäuren und Vitamin B12 oder können Butter und Ei in Backwaren ersetzen.

Was dem Wachstumsmarkt bislang in Deutschland wie auch weltweit fehlte, sind jedoch einheitliche Standards, sowohl was die Bezeichnung von Algen, die Produktion und Verarbeitung als auch deren Qualität betreffen. „Wenn ich im Restaurant einen Tangsalat bestelle, weiß ich praktisch überhaupt nicht, was da drin ist – ebenso unpräzise wäre zum Beispiel die Bezeichnung Säugetierschnitzel“, gibt Ullmann ein Beispiel. Auch die Transparenz in Sachen Algen-Anbau lasse nach Ansicht des Algenfarm-Geschäftsführers noch zu wünschen übrig. So müssen Algen nach wie vor nicht mit dem Ursprungsland deklariert werden. Weiteres Manko: Beim zulässigen Jod-Gehalt von Algen gibt es keine Einheitlichkeit. Hält das Bundesamt für Risikobewertung bei getrockneten Algenprodukten einen Jodgehalt von mehr als 20 Milligramm je Kilogramm für nicht verkehrsfähig, betrage der Grenzwert in Frankreich 2000 Milligramm. „Zwischen den Empfehlungen liegt der Faktor 100 – hieraus ergibt sich dringender Handlungsbedarf, zumal ein Grenzwert von 20 Milligramm Jod je Kilogramm fast alle getrockneten Meeresalgen als verkehrsunfähig einstufen würde“, erläutert Ullmann, der in Sachen Algen-Standards seit Ende 2015 sehr aktiv ist.

So konnte dank des Klötzer Algen-Fachmanns erst kürzlich das 3000 Seiten starke und in drei Bänden erscheinende „Handbuch Lebensmittelhygiene“ – das Standardwerk für Ämter, Institutionen und Lebensmittellabore – um das Kapitel Algen erweitert werden. Die gut 40-seitige Abhandlung gibt einen umfassenden, jedoch, wie Ullmann betont, keineswegs abschließenden Überblick über das Thema Algen. In regelmäßigen Abständen sind Überarbeitungen der einzelnen Abschnitte geplant. Die erste wird es wohl bereits im kommenden Jahr geben.

Parallel dazu gibt es derzeit auf EU-Ebene ebenfalls Bestrebungen, Standards für Algen zu entwickeln. Insgesamt fünf Jahre werde das Verfahren des Europäischen Komitees für Normung (CEN) voraussichtlich dauern. Über das Deutsche DIN-Institut mit involviert, sind auch die Experten aus der Klötzer Algenfarm, vertreten durch Ullmann. Die ersten Treffen in Brüssel fanden bereits in den zurückliegenden Wochen statt. In mehreren Arbeitsgruppen wird es zukünftig unter anderem um die Themen Namensgebungen, Klassifikation, Verarbeitung und Analysemethoden von Algen gehen. Neben dem Lebensmittel-Bereich stehen aber auch Futtermittel und Nicht-Lebensmittel-Anwendungen (beispielsweise Kosmetika) im Fokus. Zur ersten nationalen Zusammenkunft des deutschen Experten-Gremiums geht es für den Klötzer Geschäftsführer in der kommenden Woche nach Berlin. Dann werde sich, so Ullmann, entscheiden, für welche Themenkomplexe sich die Experten aus Klötze empfehlen werden. Auf der Ebene des CEN-Verfahrens werden die Klötzer später mit Vertretungen aus anderen algenproduzierenden EU-Ländern wie Frankreich, Portugal, Schweden, Österreich, Italien und die Niederlande an einem Tisch sitzen.

„Was uns in diesem Zusammenhang besonders freut, ist die Tatsache, dass das Thema Algen und Qualitätsstandards nun endlich auch ganz oben angekommen ist“, blickt der Diplom-Biologe aus Klötze mit Vorfreude auf den in den nächsten Jahren anstehenden europaweiten Austausch.

Von Matthias Mittank

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