Landwirte verbringen immer mehr Zeit am Schreibtisch

Klötze: Bauern wünschen sich Anerkennung

Moderne Landmaschinen erleichtern heutzutage die Arbeit, Dokumentationspflichten hingegen sind wahre Zeitfresser.
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Moderne Landmaschinen erleichtern heutzutage die Arbeit, Dokumentationspflichten hingegen sind wahre Zeitfresser.

Klötze – „Was dem Boden entnommen wird, muss ihm auch zurückgegeben werden.“ Wer sollte das besser wissen, als Annegret Jacobs vom Bauernverband Altmarkkreis Salzwedel.

Und da ärgert es sie verständlicherweise ebenso wie Raimund Punke, Geschäftsführer der Milcherzeugergenossenschaft Klötze (MEG), und den Leiter der Pflanzenproduktion der MEG, Ronald Haase, wenn in der Öffentlichkeit die Landwirte als Verursacher verunreinigter Flüsse dargestellt werden.

Landwirte als Buh-Männer

Düngen ist ein Thema, über das sich Fachleute wie Laien gleichermaßen schon lange streiten. Die vermeintlichen Schuldigen für eine überdüngte Natur waren schnell ausgemacht. Die Landwirte haben den Schwarzen Peter. Immerhin sind doch sie es, die den Dünger auf ihre Felder aufbringen, die mit stinkenden Güllewagen über Anbauflächen fahren, aus denen aus den Düsen meterweit übelriechende Flüssigkeiten schießen. Doch genau an diesem Punkt wehren sich die Landwirte. Und wie ein Ortstermin der AZ auf einem Feld bei Klötze beweist, zu Recht.

Gemächlich zieht der Trecker seine Runden. Hinten angehängt ist der Gülleanhänger. Die Ausspritzdüsen gleiten bodennah über das Feld. Nur wer genau in die Fahrspur des Traktors schaut, erkennt, dass dort gerade Gülle verteilt wird. Von Gestank keine Spur. Und doch hält sich in der Bevölkerung die Meinung, es würde stinken, wenn die Bauern güllen.

Im Gegensatz zu früher haben sich die Zeiten aber geändert, die Technik ist ausgereifter geworden, moderne Landwirtschaft hat sich zu Hightech entwickelt.

Fluch und Segen

Das allerdings ist für die Landwirte Fluch und Segen zugleich. Während der Opa einst noch seinen Trecker bestieg und einfach auf das Feld aufbrachte, was an Gülle vorhanden war, wird die Menge an Dünger heutzutage aufs Kleinste berechnet. Und wenn Außenstehende denken, die Arbeit würde erst auf dem Feld beginnen, dann irren sie gewaltig.

Bevor ein Landwirt seinen Trecker besteigt, verbringt er Stunden am Computer. Die Düngemittelverordnung hat inzwischen aus landwirtschaftlichen Betrieben eine kleine Verwaltung gemacht. „Es gibt nichts, was nicht protokolliert und dokumentiert werden muss“, berichtet Ronald Haase. Im Vorfeld muss er analysieren, Proben nehmen, untersuchen lassen und schauen, was an Nährstoffen noch im Feld ist. Und am Ende muss er errechnen, wie viel Dünger wieder auf das Feld darf. „Wir geben dem Boden nicht mehr dazu, als das, was wir auch entnommen haben“, bestätigt auch Raimund Punke. Eine Düngebilanz ergibt sich letztlich aus vielen Faktoren, die in die Berechnung einbezogen werden müssen. „Das ist ein enormer Bürokratieaufwand“, betont Ronald Haase. Es sei Wahnsinn, was ein Landwirt heutzutage an Dokumentation zu erledigen habe. „Der Zeitplan wird immer enger.“ Im Grunde ist den Landwirten alles bis ins kleinste Detail vorgegeben, sogar, wann sie aufs Feld fahren dürfen.

Verordnung regelt jede Kleinigkeit

Mit Blick auf vergangene Zeiten sagt Raimund Punke, er sei erstaunt, dass die Menschen damals überhaupt überlebt haben. Denn glaubt man den unzähligen Vorschriften und Verordnung, die heute gelten, dann müssen die Vorfahren so ziemlich alles falsch gemacht haben. Diese Aussage ist natürlich eher mit einem Augenzwinkern zu betrachten und Punke betont: „Natürlich haben die nichts falsch gemacht.“ Er weiß auch, dass Veränderungen immer nötig und oftmals auch richtig sind.

Aber auch ohne Düngemittelverordnung würde jeder Landwirt „einen Teufel tun, seinem eigenen Boden zu schaden.“ Die Düngemittelverordnung vermittelt aus Sicht der Landwirte aber genau das Gegenteil. „Darin ist alles geregelt.“ Also auch Dinge, die jeder Landwirt ohnehin weiß und beherzigt. Nun aber muss er es auch noch ganz genau dokumentieren und verliert dadurch kostbare Zeit.

In der Bevölkerung führt die Bürokratie oftmals zu dem Glauben, dass Landwirte ohne eine entsprechende Verordnung die Böden verseuchen würden. Gleichzeitig verweist die Politik grundsätzlich nur auf das, was falsch gemacht wird. „Es wird unnötiger Druck ausgeübt“, bemängelt auch Annegret Jacobs. „Und Landwirte immer nur eins auf die Nase. Dabei sind Bauern auch Menschen, die die Natur lieben.“

Sowohl Raimund Punke als auch Ronald Haase und Annegret Jacobs wünschen sich im Namen ihres Berufsstandes – besonders aber auch von der Politik – mehr Verlässlichkeit. VON BIRGIT STEPHANI

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