Ein Jahr USA (6): Austauschschüler Robert Behrend über die Wetterlaunen im US-Bundesstaat Wisconsin / bis -45 Grad

So kalt, dass die Wörter im Mund erfrieren

Auch in Wisconsin beliebt: Schlittenfahren – zumindest solange die Temperaturen nicht die Minus-40-Grad-Marke knacken.

Klötze / Menomonee Falls. Ein Jahr verbrachte Robert Behrend aus Klötze als Austauschschüler in den USA. In der AZ berichtet der Beetzendorfer Gymnasiast über seine Erlebnisse:.

Die schöne Seite des nordamerikanischen Winters.

Wenn ich von den USA träumte, dann über das Sonnenschein verwöhnte Kalifornien, die tosenden Niagara-Wasserfälle, die Wüsten in Nevada oder den Grand Canyon in Arizona. Als ich hörte, ich komme in den Norden der USA, hatte ich keine wirklichen Vorstellungen, was mich an Wetter erwarten sollte. Kanada liegt von meinem vorübergehenden Wohnort rund elf Stunden entfernt. Die Vermutung bestand, dass es kalt werden würde. Der vergangene Winter stellte sich sogar als der härteste seit Jahrzehnten heraus.

Die klimatische Großwetterlage ist in Nordamerika von Extremen geprägt. Wenn es in Menomonee Falls regnete, dann goss es wirklich wie aus Kannen. Im Gegensatz zu Europa finden dort gewaltige Wetterschauspiele statt. Meine amerikanischen Freunde empfanden es als normal, in Wassermassen durch die Straßen zu watscheln. Sie waren auch bei Fluten stets guter Laune. Ich fragte meinen besten Freund Connor, ob die sinnflutartigen Regenfälle jedes Jahr ein Normalzustand wären. „Ähh“, murmelte er auf den Boden schauend, um kein Wasser in seine Gummistiefel zu bekommen, „Hin und wieder kommt das eben vor!“ Lächelnd öffnete er seinen Mercedes Pickup-Truck und meinte: „Darum fahren hier ja alle all-radangetriebene Trucks!“

Verwundert stieg ich auch ein. Wir kamen gerade von einem abgesagten Fußballspiel, bei dem wir hätten spielen sollen. Das Spiel fand nicht statt, denn Blitze zuckten und die Wassermassen überspülten das Spielfeld. Ungefähr zehn Prozent unserer Spiele musste verlegt werden, denn das Wetter machte nicht mit. Am selben Abend beobachtete ich den erhellten Himmel, über den ständig grelle Blitze schnellten und die Gegend nie verdunkeln ließen.

Ich lächelte, denn das Wetter war eines der Themen, mit denen jede Kultur alleine aufwächst und ein anderes Empfinden für Extreme entwickelt. Niemand störten die Naturspektakel, denn mit genau diesen Szenarien ist man aufgewachsen. Für einen Austauschschüler allerdings war es faszinierend, die kleinen Unterschiede zwischen den Kulturen zu erkennen. Ich würde sogar sagen, dass die Momente in drastischen Wetterlagen die schönsten waren.

Ich ahnte schon nichts Gutes, als es in Menomonee Falls allmählich kühler wurde. Der erste leichte Schnee fiel Anfang November. Alle waren vom prächtigen Winterwunderland fasziniert. Schnell legte sich aber die Euphorie. Um die Weihnachtszeit wurde es eiskalt. Die Temperaturen sanken unter minus 20 Grad Celcius. Außerdem strichen strenge Nordwinde über den Nordosten der Vereinigten Staaten und sorgten für Bitterkälte und Chaos.

Ich verbrachte Weihnachten 2013 in Spanien mit meiner Gastfamilie, die mich an das sonnige Mittelmeer mitnahmen. In Wisconsin tobten unterdessen Schneestürme. Die Temperaturen sanken munter unter die minus 40 Grad und nichts funktionierte mehr. Meine Freunde sendeten mir tägliche Updates zur Wetterlage. Um die Jahreswende war es so kalt, dass für Jugendliche der absolute Alptraum eintrat: Handys konnten wegen Frostgefahr nicht mehr in die Jackentasche oder den Rucksack gesteckt werden. Sie mussten zuhause bleiben. Ab – 42 Grad Celcius streikten sämtliche Mobiltelefone oder ihr Akku war in Sekunden leer. Die Anlasser der Autos streikten. Es war sowieso ein halzbrecherisches Unternehmen, bei dem klirrenden Frost, den glatten und nicht selten kaum geräumten Straßen irgendwo heil mit dem Auto anzukommen.

Meine Familie hatte Rückflugtickets für den 3. Januar. An Fliegen war jedoch nicht zu denken. Der Flughafen in Chicago war komplett vereist. Tonnenweise Salz auf allen Start- und Landebahnen hat den Zusammenbruch des Flugverkehrs nicht verhindern können. Das noch südlich von Menomonee Falls liegende Chicago war nicht anfliegbar. Meine Gastfamilie und ich verbrachten noch drei Tage mit Warten an unserem Zwischenhalt London. Bis zum 6. Januar war der Kampf gegen das Eis an der Ostküste unmöglich. In den amerikanischen Medien wurde zu Spenden für Obdachlose und die Einrichtung von Notunterkünften aufgerufen, denn viele arme Menschen erfroren erbärmlich auf den Straßen der Millionenmetropolen. Ich erinnerte mich an die in den USA als Hobos bezeichneten Menschen, die ich in den Chicagoer Straßen gesehen hatte und die verzweifelt um Almosen bettelten.

Am 7. Januar – ich hatte mich schon an das verregnete englische Wetter gewöhnt– konnten wir dann nach Chicago fliegen. Irgendwie war es gelungen, die Oberhand über das Eis zu erlangen. Nach der Landung in Chicago betraten wir den Weltflughafen durch den kaum wärmeisolierten Gang zwischen Flieger und Flughafengebäude. Die sehr wohl zu spürende kalte Außenluft ließ mich automatisch nach Luft schnappen und ich hustete lautstark. Die mit mir gehenden Fluggäste hörten sich wie Menschen an, die aus einem brennenden Flugzeug mit Sauerstoffknappheit entkamen.

Vor dem Flughafengebäude bekam ich die Kälte mit voller Wucht zu spüren. Keine 30 Sekunden befand ich mich samt Gepäck draußen, da fing mein ganzer Körper an zu vibrieren. Ich zitterte nicht nur, ich vibrierte. Man hätte mich auch mit einer Klapperschlange vergleichen können. Mit drei Jacken und etlichen Hosen bekleidet wagte ich mich zur Bushaltestelle außerhalb unseres Terminals. Auf uns wartete nur noch ein Katzensprung nach Menomonee Falls. Als ich den Bus erreicht hatte, übergab ich dem Busfahrer mein Gepäck und wollte mit dem Busfahrer nur ein paar Worte wechseln. Als ich meinen Mund öffnete, schüttelte der ältere Mann seinen Kopf und ich erfuhr den Grund. Später im Bus erklärte er mir, dass das Sprechen draußen in der Kälte nicht machbar sei. Er habe auch schon den Fehler begangen und sein Mund war für eine Weile taub vor der Kälte. Zum Glück hat der gutmütige Busfahrer mich gewarnt. Fasziniert und immer noch zitternd vor Kälte stieg ich samt Familie in den Bus und wir machten uns auf den Heimweg.

Mit Rekordwerten von bis zu - 45 Grad Celcius erlebte ich einen der kältesten Winter in Wisconsin. Nun werde ich auch in Zukunft an die unmenschliche Kälte denken, wenn ich mich zurückerinnere an mein Jahr in den USA.

Von Robert Behrend

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