Jürgen Barth

Nach 23 Jahren Abschied vom Politik-Betrieb

Ein weißbärtiger älterer Mann präsentiert einen Aktenordner mit Zeitungsausschnitten.
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Er würde es wieder tun und in die Politik gehen, zieht Jürgen Barth aus Lockstedt Bilanz. Zum Ende der Legislaturperiode verlässt der 66-Jährige den Landtag von Sachsen-Anhalt.
  • vonStephan Ernst
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Am 6. Juni wird in Sachsen-Anhalt ein neuer Landtag gewählt. Der Wahlkampf kommt in Fahrt. Bisher vertreten zehn Politiker die Altmark im Parlament. Fünf von ihnen können sich gelassen zurücklehnen, denn sie treten nicht mehr an. Die Altmark-Zeitung zieht gemeinsam mit ihnen eine persönliche Bilanz. Heute: Jürgen Barth (SPD).

Altmark/Magdeburg - Jürgen Barth präsentiert einen dicken Ordner mit Zeitungsausschnitten und anderen Dokumenten aus seiner Abgeordnetenzeit. „Wenn ich mal Zeit habe, werde ich mir das alles in Ruhe ansehen“, sagt er. Bald hat er die, denn diese Legislaturperiode ist für den anerkannten Agrarpolitiker die letzte. Im Kreistag und im Stadtrat von Klötze will der Lockstedter politisch weiter mitmischen. Als Kreisvorsitzender und Landespräsidiumsmitglied der AWO bleibt er gesellschaftlich engagiert. Ansonsten seien da inzwischen vier Enkel und ein Grundstück. „Ich habe keine Langeweile“, ist sich Barth sicher.

Alles andere als langweilig war sein politisches Leben, das als Genosse der SED begann. Nach der Wende wurde der studierte Agraringenieurökonom SPD-Mitglied und erlebte als solches Höhen und Tiefen für sich und seine Partei. Gleich im ersten Anlauf im Jahr 1998 holte er überraschend im Wahlkreis das Direktmandat. Darauf ist er noch immer stolz. Es war die „goldene Zeit“ der Sozialdemokraten unter Ministerpräsident Reinhard Höppner. Vier Jahre später der Absturz. Die SPD flog aus der Regierung, Barth aus dem Parlament. 2006 gelang mit Ach und Krach der Wiedereinzug. Damals reichte der Listenplatz 25. Seither lichteten sich die Reihen der sozialdemokratischen Parlamentarier immer mehr.

Barth schaffte es jedoch bei den folgenden Wahlen, sein Abgeordnetenmandat zu verteidigen. Seit 2016 ist er der einzige Altmärker in der nur noch elfköpfigen Fraktion. „Der letzte Mohikaner“, wie er selbst sagt. Der 66-Jährige hofft, dass dieser Stamm nicht ausstirbt. Zumindest für Juliane Kleemann in Stendal und Oliver Stegert im eigenen Wahlkreis sieht er bei der bevorstehenden Wahl gute Chancen. Insgesamt ist er wenig optimistisch, dass ein grundlegender Wechsel gelingt. Er würde es natürlich gern sehen, wenn es zu einem rot-rot-grünen Bündnis käme. „Die Zahlen geben das aber nicht her“, bedauert Barth. Es werde wohl keine andere Möglichkeit bleiben, als die Kenia-Koalition fortzusetzen.

Barth hadert nicht mit dem eigenen Abschied. Er geht auf eigenen Wunsch. Dem Vorurteil, als einzelner Abgeordneter nichts bewegen zu können, tritt er entgegen. In seiner ersten Legislaturperiode habe ihn das und er einiges beim Thema Abwasserverbände bewegt. Ebenso habe er eine Aktie daran, dass das Schulamt in Gardelegen blieb, Klötze eine Außenstelle des Polizeireviers behielt, die Gedenkstätte Isenschnibbe Teil der Landesstiftung wurde und das Forstamt Letzlingen erhalten blieb. „Man kann Türen öffnen, Kontakte herstellen“, sagt er. Dazu lud Barth alljährlich politische Freunde zu den inzwischen legendären Motorrad-Sommertouren ein und düste mit ihnen durch die Altmark.

Im Negativen wurmt es ihn, dass es nicht gelungen sei ein Regional-Budget einzuführen und so die Finanzkraft und Eigenverantwortung der Landkreise zu stärken. Der eisernen Sparpolitik der vorigen Legislaturperiode unter dem sozialdemokratischen Finanzminister steht er heute (selbst-)kritisch gegenüber. Das habe zu den Verlusten seiner Partei beigetragen. Insgesamt habe die Politik an Ansehen bei den Bürgern verloren und das Klima im Landtag sei besonders in dieser Legislaturperiode rauer geworden, bedauert er.

Rückblickend bereut er seinen Weg als Berufspolitiker nicht. „Alles in allem hat es Spaß gemacht“, so Barth. „Ich habe es gern gemacht, für die Bürger und die Region.“ (Christian Wohlt)

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