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Matthias Mann: „Ich war so gerne Bürgermeister“

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Von: Monika Schmidt

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Der Schreibtisch im Klötzer Rathaus ist inzwischen geräumt. Matthias Mann ist zwar noch bis zum Jahresende im Amt, hatte aber Anfang Dezember schon seinen letzten Arbeitstag.
Der Schreibtisch im Klötzer Rathaus ist inzwischen geräumt. Matthias Mann ist zwar noch bis zum Jahresende im Amt, hatte aber Anfang Dezember schon seinen letzten Arbeitstag. © Schmidt

Klötze. Am 31. Dezember endet die Amtszeit des Klötzer Bürgermeisters Matthias Mann. Er war der erste Bürgermeister der Einheitsgemeinde, die am 1. Januar 2010 gebildet wurde. AZ-Redakteurin Monika Schmidt blickte mit dem Kuseyer auf die siebenjährige Amtszeit zurück.

Interview

AZ: Seit der Wahl sind ja schon ein paar Tage vergangen. Haben Sie die doch offensichtliche Enttäuschung über den Ausgang inzwischen verwunden? 

Matthias Mann: Man sagt ja, dass die Zeit die Wunden halt. Das ist schon so. Es hat sich ein Druck gelöst, die Last von den Schultern ist abgerutscht, das merkt man schon. Die Zeit ist vorbei, man muss sich nicht mit Sachen mehr belasten, die seit September hätten geklärt werden müssen. Die Zeit von der Wahl bis zum Amtswechsel ist auch eine gewisse Ruhephase.

AZ: Hätten Sie im Rückblick etwas in Sachen Wahlkampf anders machen sollen, vielleicht doch Plakate aufhängen oder so. Das war ja ein Vorwurf, der gemacht wurde. 

Mann: Ja. Da nehme ich mich nicht aus, dass man sich der Sache zu sicher war. Es war nicht nur mein Empfinden, sondern das aller, die sich öffentlich geäußert haben. Man sagt, wenn die Leute nicht selber einschätzen können, was du ihnen wert bist, das musst du ihnen nicht noch erzählen. Wenn ich neu einsteige, muss ich mich vorstellen. Dann sehe ich den Sinn und die Notwendigkeit eines Wahlkampfes eher gegeben. Ich wollte einen fortlaufenden Prozess haben. Aber ich gebe Ihnen recht, ich hätte wahrscheinlich etwas mehr Wahlkampf machen müssen. Doch dabei ist immer auch die Frage des Versprechens und Polemisierens, wenn ich weiter mache, wird alles besser und gut, das wollte ich einfach nicht. Aber am Ende ist man immer schlauer.

AZ: Was hätten Sie gerne noch umgesetzt? Es gab ja noch einiges, was eigentlich noch hätte erledigt werden müssen? 

Mann: Ja zum Beispiel der ganze Prozess der IGEK-Planung. Der hätte nicht so ins Stocken kommen brauchen. Aber das ist nun mal so: Wer die Verantwortung in Zukunft trägt, der muss dann auch die Entscheidungen dafür treffen.

AZ: Was ist mit der Eröffnungsbilanz für den doppischen Haushalt? Es war ja immer das große Ziel, die noch in diesem Jahr fertigzubekommen.

Mann: Das war schon im Sommer zu erkennen, dass wir das nicht ganz schaffen.

AZ: Gibt es Ratschläge für Ihren Nachfolger Uwe Bartels, was er unbedingt noch umsetzen sollte?

Mann: Da halte ich mich zurück. Ich hatte ihm angeboten, mit mir ins Gespräch zu kommen, wenn er das für notwendig erachtet. Das ist nicht passiert. Zum Martinimarkt bin ich mit dem Bürgermeister der polnischen Partnerstadt und den Schaustellern auf ihn zugegangen und habe angeboten, beim Rundgang über den Markt mit dem einen oder anderen ins Gespräch zu kommen, da hat er sich ausgeklinkt und kam erst später wieder dazu. Da habe ich noch mal angeboten, mit ihm zu sprechen, eine Art Übergabe zu machen. Wobei man sich das nicht so vorstellen muss, dass gesagt wird: Hier ist die Kasse, nun zähl’ mal durch, ob alles stimmt. Es sind ja in der Verwaltung alles fortlaufende Prozesse, die weiterlaufen. Aber es hätte ja sein können, dass der Nachfolger Interesse daran hat, von mir zu hören, wie das eine oder andere läuft. Aber offensichtlich ist das nicht der Fall.

AZ: Wenn Uwe Bartels im Nachgang noch Fragen hat, zum Beispiel zu Kontakten zum Land oder ähnliches?

Mann: Kein Problem, ich habe ihm die Signale gegeben und bin ja nicht aus der Welt. Ich lege ja nicht den Hebel um und werde auf einmal politisch uninteressiert. Ganz im Gegenteil: Ich werde schon mit Interesse das weitere Fortgehen der Einheitsgemeinde mit beobachten.

AZ: Vor welchen großen Herausforderungen steht denn die Stadt jetzt noch? 

Mann: Wir sind alle keine Glaskugelgucker. Herausforderung ist auch, nicht in eine Friede-Freude-Eierkuchen-Mentalität zu verfallen und zu sagen: Es passiert jetzt nichts mehr und deshalb streiten wir uns nichts mehr. Ganz wichtig ist es, die Entscheidungen transparent zu machen und nicht zu sagen, hier ist die Einheitsgemeinde und da sind die zwölf ehemaligen Ortschaften. Es ist in der Vergangenheit nicht gelungen, dass man trotz Mitgliedschaft im Stadtrat und gleichzeitiger Tätigkeit als Ortsbürgermeister in vielen Fällen nicht das transportiert hat, was der Stadtrat beschlossen hat. Das ist sicherlich auch mir als Vorwurf zu machen, dass diese Kommunikation einfach nicht funktioniert hat. Informationen aus dem Hauptausschuss und aus dem Stadtrat, die für die gesamte Einheitsgemeinde wichtig sind, sind nicht in die Ortschaften transportiert worden. Eher wurden die Ortschaftsratssitzungen nur für eigenständige Themen, teilweise auch für Agitation und Propaganda, genutzt. Das ist dann schwierig.

AZ: Hätten Sie vor sieben Jahren gedacht, dass das so schwierig wird? Eigentlich war das Gebilde doch durch die vorherige VG eng zusammengewachsen. 

Mann: Ich bin eher der Meinung, dass das Grundproblem der Machtverlust einzelner Ortsbürgermeister war, die mit einem Mal nichts mehr zu sagen hatten. Aber auch nichts mehr zu verantworten brauchen. Die Diskussionen jetzt, dass zum Schluss alles besser wird, wenn jedes Dorf wieder einen Gemeindearbeiter bekommt: Wer trägt denn da die Verantwortung, das macht doch keiner. Dieser Machtverlust war für viele ein Weltuntergang. Sie haben aber nichts verstanden aus dem, was damals freiwillig gelaufen ist. 2009 bei der Gebietsänderung stand drin: Keiner darf ohne den anderen irgendwelche Experimente machen – und trotzdem haben das viele gemacht. Ich habe das damals schon gesagt, dass einige ihre Gemeinde an die Wand gefahren haben. Und 2010 stand dann hier ein kunterbunter Hühnerhaufen. Diejenigen, die am wenigsten in die Einheitsgemeinde eingebracht haben, haben auf einmal die größten Wünsche.

Auch der Vorwurf, wir haben nur mit Katastrophen zu tun, trifft so nicht zu. Wir haben hier noch gar keine Katastrophen, wie ein Hochwasser oder so, erlebt. Aber für manche ist es ja schon eine Katastrophe, wenn im Herbst das Laub vom Baum gefallen ist oder wenn im Gehweg ein Stein gewackelt hat. Und auch die Stadtwirtschaft war immer eine Katastrophe. Das hat gemürbt. Und wenn dann auch die eigenen Leute wie in Kusey bei der Ansiedlung von John Deere oder beim Sportplatz mir in den Rücken gefallen sind, dass tut dann schon besonders weh.

Mit vielen Problemen geht man abends ganz alleine ins Bett und wird damit morgens wieder ganz alleine wach, zum Beispiel bie Personalproblemen, Datenschutz oder sozialen Härten. Es ist schon eine ganz schöne Last, die man trägt. Deshalb ist es jetzt auch eine gewisse Entlastung und ein Aufräumen, nicht nur hier in diesem Dienstzimmer, sondern auch in meinem Kopf und meinem Bauch in den letzten Wochen zu verzeichnen gewesen. Ich freue mich darüber, dass in den letzten Tagen aus der gesamten Region und landesweit noch mal eine ganze Reihe da waren, sich mich noch mal besuchen wollten, die sich verabschiedet haben. Da freut man sich dann schon, wenn man nochmal so eine Anerkennung bekommt. Das sind die Leute, die es ehrlich meinen.

AZ: Dann haben Sie es nicht bereut, Bürgermeister von Klötze zu sein? 

Mann: Ich habe das so gerne gemacht. Für mich war das eine Freude und eine Herausforderung. Es wusste ja 2010 keiner, wie es weitergeht. Ich hatte auch gute Mitstreiter im Stadtrat und in der Verwaltung. Wir haben richtig Veränderungen durchgezogen, aber nie so, dass einer geschädigt wurde oder persönlich darunter leiden musste. Wir haben von der Vier-Ämter- auf eine Zwei-Ämterstruktur heruntergefahren, Karl-Heinz Kull, Bärbel Mücke und Dieter Neuschulz sind weggegangen. Wir haben in den ersten zwei Jahren vieles auf den Kopf gestellt und angepasst, nicht nur die Gebühren und alles, sondern vor allem die Struktur der Mitarbeiter.

AZ: Was ist der größte Erfolg Ihrer Amtszeit, was der größte Misserfolg?

Mann: Der große Erfolg ist, dass nichts weggebrochen ist. Alle freiwilligen Aufgaben sind erhalten, alles, was individuell aus den einzelnen Orten übernommen wurde, wurde angepasst. Wir haben einmal die Satzungen richtig angepasst, aber dann nicht alle zwei Jahre wieder angefangen zu ändern, zum Beispiel bei den Kitabeiträgen oder Friedhofsgebühren. Bei den Kitabeiträgen und den Hebesätzen liegen wir weit unter dem Landesdurchschnitt, das ist für mich schon ein Erfolg. Und wir konnten in Größenordnungen investieren, haben Fördermittel ranholen können. Und wir haben infrastrukturell viel erreicht, zum Beispiel durch neue Gewerbeansiedlungen, den Drogeriemarkt in Klötze. Da gibt es einiges, was als Erfolg dargestellt werden kann.

Misserfolg ist klar: Fricopan ist eine traurige Angelegenheit gewesen. Traurig ist aber auch die Geschichte um den Sportplatz in Kusey gewesen. Und dass man dann für irgendwelche Sachen was zwischen die Hörner bekommt, die man gar nicht zu verantworten hat, das gehört aber nun mal dazu. Insgesamt hielten sich die Misserfolge aber in Grenzen. Die hat man zwar wöchentlich oder manchmal fast täglich, aber das ist nichts, was einen aus der Bahn wirft.

AZ: Gibt es etwas, dass sie so richtig geärgert hat? 

Mann: Mich ärgert wirklich, dass wissentlich bewusst Unwahrheiten in den Ortschaftsräten erzählt werden. Zum Beispiel, und das war ja auch Thema im Wahlkampf vor ein paar Wochen, dass wir auf dem Friedhof in Kunrau keine weiteren Stelen aufstellen wollen. Das ist die Unwahrheit und eine falsche Darstellung. Oder über Jahre hinweg die Problematik mit der Kunrauer BUND-Ortsgruppe, das belastet einen natürlich auch. Das gesamte Niveau der Diskussion dreht sich um die Frage: Wenn die Schweinemastanlage gebaut wird, ist es die Schuld des Bürgermeisters. Wenn der Bau verhindert wird, ist es der Erfolg des BUND. Um diese Schweinemastgeschichte herum hat sich in Kunrau alles Weitere ergeben, vom Laubfall bis zum Schränkefall von der Wand bis zu nicht markierten Löchern in der Landesstraße. Das sind alles Dinge, die einem wehtun. Da erwartet man aber auch, wenn der Ortsbürgermeister gleichzeitig Mitglied des Stadtrates ist und an den Sitzungen teilnimmt, bei denen informiert wird, und er dann diese Informationen einfach nicht weitergibt.

Ähnlich war es bei der jüngsten Ortsbürgermeisterberatung, wo ich eine halbe Stunde lang erzählt habe, dass wir uns 2017 auf eine veränderte finanzielle Situation einstellen müssen, mit Fricopan, mit Sturmschäden, mit Brandschutzauflagen im Kindergartenbereich und der Eröffnungsbilanz. Und dann kommt der Vorschlag, wir brauchen eine Hüpfburg für die Stadt. Dann fällt man wirklich vom Glauben ab und fragt sich, auf welchem Stern die leben. Ich erzähle, dass wir fast 300 000 Euro weniger Gewerbesteuereinnahmen haben, und die hören, jetzt kommt aber das große Geld vom FAG und alles ist gut. Da geht man dann aus so einer Veranstaltung raus und fragt sich: Was hast du verkehrt gemacht?

Das Interview wird mit einem zweiten Teil fortgesetzt.

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