Eichenprozessionsspinner: Gegen den Schädling helfen nur Spritzflüge oder ein schlechter Sommer

Hilft sich die Natur selbst?

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Für Eichen tödlich, für Menschen schmerzhaft: die Brennhaare der Eichenprozessionsspinner-Raupen. Schon jetzt laufen die Planungen für neuerliche Schädlingsbekämpfungsaktionen.

Klötze. Still steht der Klötzer Forst. Nur mit geübtem Auge lässt sich erkennen, welche Bäume besonders hart vom Eichenprozessionsspinner heimgesucht wurden.

2012 geht als das Jahr in die Klötzer Annalen ein, als Eichenwälder in der gesamten Altmark aus der Luft mit Pflanzenschutzmitteln gegen die gefräßigen Raupen verteidigt wurden, als der Tierpark wegen des Befalls vorübergehend für Besucher gesperrt werden musste und Menschen, die mit den Brennhaaren in Berührung gekommen waren, in Arztpraxen Hilfe suchten. Muss die Altmark jetzt dauerhaft mit dem Schädling leben?.

Im vorigen Jahr wurden rund 300 von insgesamt 500 Hektar Eichenbeständen im Klötzer Forst gespritzt. Mit deutlichem Erfolg, wie Forstamtsleiter Dietmar Schulze berichtet: „Die Eichen, die beflogen wurden, sahen besser aus und trugen eine gute Mast (viele Eicheln, die Red.). Die nicht gespritzt wurden, haben kaum Blätter ausgebildet und hatten auch kaum Eicheln.“ Nur der zweite Trieb rettete die Bäume. Der Förster hofft darauf, dass die Wirkung der Bekämpfungsaktion bis zu zehn Jahre anhält, weil die gesamten Population in den betroffenen Bereichen abgetötet wurde. Allerdings können nicht alle Bestände behandelt werden, weil Abstände zur Bebauung, zu Gewässern und Naturschutzgebieten eingehalten werden müssen.

Ohne Behandlung können Eichen, die mehrere Jahre in Folge kahl gefressen werden, auch absterben. Der Baumart setzen aber auch andere Faktoren zu, die unter dem Begriff Komplexkrankheit Eichensterben zusammengefasst werden. „Das sind Grundwasserabsenkung, Versauerung des Bodens und Ozon“, erläutert Förster Schulze. „Erdnahes Ozon greift die Pflanzenzellen an, die UV-Strahlung zerstört die Spaltzellen.“

Mit welchem Befall im Frühling zu rechnen ist und welche Bestände gegebenenfalls gespritzt werden müssen, wird zurzeit in der Forstlichen Versuchsanstalt Nordwestdeutschland in Göttingen analysiert. Dazu wurden an repräsentativen Waldstandorten die Nester des Eichenprozessionsspinners in den Baumkronen gezählt. Zudem wurde mit Hilfe von Leimringen auch im Klötzer Forst ermittelt, wie viele Weibchen des Frostspanners, eines weiteren Feindes der Eichen, an den Stämmen hochkrabbelten.

Die Landkreise müssen die Schädlingsbekämpfung aus der Luft genehmigen. Im vorigen Jahr wurden 412 Hektar Wald im Altmarkkreis Salzwedel und 436 Hekar im Landkreis Stendal gespritzt. Zum Einsatz kam das chemische Kontaktinsektizid Karate, über Flora-Fauna-Habitat-Schutzgebieten wurde das biologische Mittel Dipel mit dem Bacillus thurigensis ausgebracht. Naturschutzgebiete wurden gar nicht behandelt.

„Schuld an der Geschichte sind wir selbst, weil wir mit unseren Auto- und sonstigen Abgasen das Klima erwärmt haben“, meint Helmut Jachalke vom Betreuungsforstamt Altmark West. Denn der Eichenprozessionsspinner mag es warm und trocken. Deshalb ist er aufgrund der höheren Niederschlagsmengen in Niedersachsen noch nicht so verbreitet. Natürliche Feinde hat der Prozessionsspinner nicht. „Nur der Kuckuck hat die Fähigkeit, die Brennhaare auszuspeien“, weiß Jachalke. Aber so viele Kuckucke gibt es nicht. Eher könnte ein kühler und feuchter Sommer die gefährliche Massenvermehrung stoppen.

Noch schwerer ist der Umgang mit dem Schädling in der Stadt und den Dörfern. „Man kann die Bäume nicht alle absägen oder die chemische Keule nehmen“, sagt der Klötzer Bürgermeister Matthias Mann. „Man kann nur die Bevölkerung über die Gefahren aufklären und davor warnen, sich zu lange unter Eichen aufzuhalten.“ Und in Einzelfällen wird wieder der Schädlingsbekämpfer kommen müssen, um im Schutzanzug die Gespinste von einzelnen Bäumen abzusaugen.

Eine kleine Hoffnung hat der Bürgermeister, der früher selbst in der Pflanzenschutzstelle Beetzendorf tätig war: In den Siebzigerjahren gab es eine Massenvermehrung des Goldafters, einer Schmetterlingsraupe, die vor allem Obstbäume befiel. Sie brach irgendwann von selbst in sich zusammen. Außerdem, so Manns Hoffnung, könnten in einem milden Winter Pilze und Parasiten den Eiern zusetzen. „Die Natur hilft sich teilweise selbst.“

Von Gerhard Sternitzke

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