„Zu weit draußen“: Johannes Groschupf liest Schülern aus Erstlingswerk vor

„Heute weiß ich: Das Leben ist nicht selbstverständlich“

+
Das Erstlingswerk „Zu weit draußen“ von Johannes Groschupf ist zwar schon lange vergriffen, doch für die Beetzendorfer Sekundarschüler las der 53-Jährige gestern Vormittag in der Klötzer Bibliothek nach langer Zeit mal wieder aus dem autobiografischen Roman vor. In den zurückliegenden acht Jahren hat der Autor sieben weitere Bücher auf den Markt gebracht. 

Klötze. „Der Hubschrauber zitterte, als er vom Boden abhob. Unter uns wirbelte der feine Sand auf. Der Pilot steuerte auf eine Anhöhe zu, um dahinter, wo die Felswände steil in die Tiefe stürzten, ins Meer der Luft einzutauchen.

Noch vor der Anhöhe sackte die Maschine ab und kippte seitlich über. Die Passagiere im Innenraum rutschten auf den Sitzen weg und hielten einander erschrocken fest. Ich war plötzlich hellwach. “.

Was der 53-Jährige Johannes Groschupf gestern den Zehntklässlern der Beetzendorfer Sekundarschule aus seinem bereits 2005 erschienenen Erstlingswerk „Zu weit draußen“ vorlas, ist nicht nur höchst spektakulär, sprachlich brillant erzählt und sehr anrührend – es ist in erster Linie auch tiefstes eigenes Erleben, das in dem autobiografischen Roman verarbeitet wurde.

Es ist Mitte 1994: Nachdem knapp drei Jahre zuvor der Algerische Bürgerkrieg ausgebrochen war, sollte das Land im Norden des afrikanischen Kontinents dem Tourismus wieder schmackhaft gemacht werden. Der gebürtige Braunschweiger und in Lüneburg aufgewachsene Neu-Berliner Groschupf, damals als Reisejournalist für Die Zeit, FAZ und die Frankfurter Rundschau auf der ganzen Welt unterwegs, nahm an einer fünftägigen Pressereise im Süden Algeriens teil, auf der er unter anderem die unendlichen Weiten der Sahara, bezaubernde Oasen sowie den ungetrübten Blick auf den beeindruckenden Sternenhimmel der Wüste kennenlernte.

Doch als es nach der Besichtigung uralter Höhlenmalereien, am letzten Tag der Reise, mit dem Hubschrauber wieder zurück zum Ausgangspunkt, der Oase Djanet, gehen sollte, stürzt das Fluggerät ab. Außer dem damals 30-jährigen Journalisten entkam niemand der insgesamt 13 Passagiere dem daraufhin folgenden Feuerinferno. Wie durch ein Wunder entgeht Groschupf (im Roman „Jan Grahn“) dem Tod mit schwersten, den Körper zu 80 Prozent bedeckenden Verbrennungen.

Mit kurzen, prägnanten Sätzen beschreibt Groschupf, wie er die Szenerie des verunglückten Helikopters in die Höhe aufsteigend von oben überblickt („Wenn ich es nicht selbst erlebt hätte, hätte ich nicht geglaubt, dass es so etwas gibt“) und sich, zurück in den Leib begebend, mit letzter Kraft in Sicherheit bringt. Nach zwei Wochen im künstlichen Koma wachte der studierte Germanist in einer Stuttgarter Spezialklinik wieder auf. Neben den ungeheuren Schmerzen plagt den Ich-Erzähler in Anbetracht der ungewissen Zukunft vor allem die Angst davor weiterzuleben: Die berufliche Karriere ist unsicher, die Ehe steht vor dem Aus, seinen zwei kleinen Kindern im Alter von zwei und vier Jahren will er dem Anblick am Krankenbett nicht zumuten. Nach einem Jahr Krankenhaus kehrt Jan Grahn nach Berlin zurück, in eine Welt, deren Mitleid er nicht will und deren Erwartungen er nicht erfüllen kann.

Einfühlsam geschrieben erfährt der Leser, wie vor allem die Liebe und Zuneigung der Kinder den Romanhelden nach dem anfänglichen Fall in die Sozialhilfe Stück für Stück zurück in das Leben holt.

Tief beeindruckt von dem Gehörten wollten die Sekundarschüler wissen, wie es dem wahren „Jan Grahn“ heute geht. „Körperlich gut“, versicherte Johannes Groschupf 23 Jahre nach dem Unglück. Doch seine Haltung zum Leben habe sich in der Zeit gewandelt. „War ich früher leicht mürrisch und oft zufrieden, weiß ich heute, dass es nicht selbstverständlich ist, auf der Welt zu sein“, erklärte der heutige Jugendbuchautor. Das merke er jeden Tag. Und dennoch: „Die Angst vor dem Tod hat mich verlassen“, sagte gestern der 53-Jährige, der das vor allem auch auf seine Nahtoderfahrung nach dem Absturz zurückführt.

Von Matthias Mittank

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare