Am südwestlichen Zipfel der Altmark liegt zwischen Gräben, Wiesen und Wäldern der Ort Buchhorst

Die „Hauptstadt“ des Drömlings

Buchhorst. Eigentlich ist kein Wetter für eine Dorftour: Der Himmel ist grau, es ist windig und am Morgen fielen Tropfen vom Himmel, so dass sich die Schwäne an den Gräben vor Buchhorst schon den Regen aus ihrem Gefieder schütteln mussten.

Etwas lustlos sitzen sie an den Drömlingskanälen. Wenigstens watscheln sie nicht auf der Landstraße vor dem Ort herum, wie sie es sonst zu tun pflegen. Die Tiere sind bekannt für ihre wagemutigen Ausflüge auf dem Asphalt. Heute besteht weder für sie noch für die Autofahrer Gefahr. Dennoch ist langsames Fahren angesagt. Denn es geht zunächst in Richtung Bleuenhorst, durch Schlaglöcher und über ein Kopfsteinpflaster. Klaus Gerike ist bei der Tour dabei. Als Ur-Buchhorster kennt er denn Ort und seine drei Ortsteile – Bleuenhorst, Wolmirshorst und Hopfenhorst – aus dem Effeff. In dem 280-Einwohner-Dorf ist er groß geworden, war 40 Jahre Wehrleiter im Ort und nun engagiert er sich im Stadtrat der Einheitsgemeinde Oebisfelde-Weferlingen für Buchhorst. Ein Thema liegt ihm besonders am Herzen: Der Tourismus. Der ließe sich für die Region noch deutlich ausbauen, erklärt er und verweist auf die landschaftlichen Gegebenheiten.

Buchhorst ist umgeben von Gräben, Wiesen und Wäldern und liegt zwischen dem Mittellandkanal und der Ohre. Mit einem Augenzwinkern lässt sich damit Buchhorst als die „Hauptstadt des Drömlings“ bezeichnen. Erstmals erwähnt wird der Ort im Zuge der Drömlingsentwässerung im Jahr 1770, als Regierungskommissare im Auftrag Friedrich des Großen das Moorgebiet bereisten. Die etwas höher gelegene Stelle nannten sie Buchhorst. Die ersten Ansiedlungen erfolgten nach dem Abschluss der Drömlingsentwässerung um Jahr 1801. Gut 150 Jahre später sollte der Ort eine eigene Gemeinde mit seinen Ortsteilen Hopfenhorst, Wolmirshorst und Bleuenhorst werden. Von den entstandenen Gehöften in den Horsten sind heute nur noch wenige zu sehen. Aber: Einige von ihnen fanden neue Besitzer, wurden saniert und sind damit Hingucker zwischen den Wiesen und Gräben geworden. Eines der sanierten Gebäude steht in Bleuenhorst. Ein kurzer Blick, dann geht’s weiter. Schließlich stehen noch viele Ziele auf dem Ausflugsplan. Nächste Station: Die Kaserne der Grenzkompanie von Buchhorst. Ein Mahnmal der jüngeren Geschichte. Ein Streckmetallzaun, wie er an der innerdeutschen Grenze verwandt wurde, dient hier als Grundstückseinfassung. Der Wohnblock befindet sich in Privatbesitz. Vor einigen Jahren, so weiß Klaus Gerike zu berichten, diente er den Arbeitern bei der Vertiefung des Mittellandkanals als Schlafunterkunft. Ein Weg, auf dem nur wieder maximal 30 Kilometer pro Stunde gefahren werden kann, führt zur Zufahrt zum einstigen Beobachtungsturm an der Grenze. Nur noch wenige Steinplatten deuten die Zufahrt an. Vom Turm selbst ist nichts mehr zu sehen. Er wurde abgebaut. „Er war einsturzgefährdet und musste abgetragen werden“, erzählt Klaus Gerike. Aber der Buchhorster hat noch Bilder des Turms. Wie auch von der alten Fußgängerbrücke über den Mittellandkanal. Meterhoch mit Stacheldrahtzaun war sie zu DDR-Zeiten gesichert worden, damit niemand von ihr aus ins Wasser springen konnte, um in Richtung Westen zu schwimmen. An der neuen Brücke entrollt Klaus Gerike eine Vergrößerung einer alten Ansicht, um den Unterschied von einst und heute deutlich zu machen. Ihm ist das wichtig. „Nur im Wissen um unsere Geschichte können wir die Zukunft planen“, sagt er. Und eine Zukunft hat Buchhorst vor allem mit dem Tourismus, ist Klaus Gerike überzeugt. Aus diesem Grund hat er mit Buchhorstern schon einige Projekte angeschoben. Über ein Leaderprogramm entstand ein Toilettenhäuschen für Besucher des Ortes, Info-Tafeln wurden aufgestellt, Bänke und Tische dienen Radfahrern als Rastplätze. Auch Buchhorsts Kreisel, so bezeichnet Klaus Gerike das Rondell an der Hauptstraße scherzhaft, wurde gestaltet. Ein Stück der alten, 1932 über den Mittellandkanal gebauten Eisenbahnbrücke ziert den Kreisel – in blauer Farbe gestrichen und mit einer Aufschrift versehen. Doch bevor die Kreiselgestaltung begutachtet wird, ein Zwischenstopp an der Kreuzung Röwitzer Straße / Hauptstraße. Im Einmündungsbereich befindet sich das Kneipodrom „Abacco“, in dem an jedem ersten Sonnabend im Monat Ladiesnight ist. Gegenüber liegt das Dorfgemeinschaftshaus von Buchhorst, um das sich Elke Behrens kümmert. Sie wohnt nur zwei Häuser weiter. Wie sie zur Aufgabe gekommen ist, weiß sie gar nicht mehr genau, erzählt sie bei der Stippvisite. Als Buchhorst noch eigenständig war, engagierte sie sich im Gemeinderat. „Letztlich war es wohl die Nähe zum Gebäude, die den Ausschlag gegeben hat“, so Elke Behrens. Als Kind hat sie im Dorfgemeinschaftshaus, das früher als Schule genutzt wurde, Rechnen und Schreiben gelernt. „Alle vier Klassen hatten Unterricht in einem Raum“, erzählt sie. Heute hängen in dem Zimmer zahlreiche Geweihe, denn in dem Gemeinschaftshaus tagt die Jagdgesellschaft von Buchhorst. Auch die Senioren nutzen den Raum. Um die Rentnertreffen kümmert sich Heidrun Grabow. Immer einmal im Monat kommen die Senioren zusammen. In den Wintermonaten zu einem gemütlichen Beisammensein im Dorfgemeinschaftshaus, in den Sommermonaten suchen sie sich auch andere Domizile. „Es ist schön, dass sich Menschen für Menschen engagieren“, sagt Elke Behrens und nennt in diesem Zusammenhang Jürgen Schulz, der sich über viele Jahre für Buchhorst stark machte. Klaus Gerike will Hans Lutter, den früheren Bürgermeister von Buchhorst, nicht unerwähnt lassen. Er habe viel für den Ort getan. Auch für die Feuerwehr. Von den Buchhorstern Kameraden kann Klaus Gerike viel erzählen. Aber er will viel lieber etwas von ihnen zeigen: Die zahlreichen Pokale im Gerätehaus, die die Feuerwehrmänner über Jahre bei Ausscheiden gewonnen haben. „Das zeigt, dass sie nicht unerfolgreich waren“, so Klaus Gerike stolz auf die glänzenden Metallbecher deutend. Jetzt aber noch schnell zum Kreisel und der „Brücken-skulptur“. Sie steht sinnbildlich für die vielen Ideen, die Klaus Gerike und die Buchhorster noch haben, über die aber noch nicht gesprochen werden soll. „Das machen wir ein anderes Mal“, so Klaus Gerike. Keine Frage – es gibt noch viel über die Hauptstadt des Drömlings zu berichten. Am Ortsausgang sitzen die Schwäne nun nicht mehr am Graben, sondern an der Straße. Anscheinend planen sie doch noch einen Ausflug auf dem Asphalt. Zur Dorftour kommen sie jedoch zu spät.

Von Norman Reuter

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