Von Woche zu Woche

Handwerk mit doppeltem Boden

Normal ist, was immer ist: Gewohnheit macht noch den schlimmsten Missstand erträglich. Man gewöhnt sich an das, was man ohnehin nicht ändern kann.

So scheint jedenfalls die Kreishandwerkerschaft Altmark zu denken. 30 Prozent eines Lehrlingsjahrgangs brechen im Lauf ihrer drei- oder dreieinhalbjährigen Ausbildung ab, noch einmal 30 Prozent rasseln durch die Abschlussprüfung. Mit anderen Worten: Von 100 Lehrlingen, die hoffnungsvoll in ein Berufsleben im Handwerk starten, bleiben nur 50, die Hälfte, übrig. Nichts Außergewöhnliches. „Das ist normal“, kommentiert man mit einem Schulterzucken. Man stelle sich einmal vor, die Sekundarschulen müssten einräumen, dass die Hälfte ihrer Schüler das Abschlusszeugnis verfehlt! Schulleiter würden erklären, das sei ein durchschnittliches Ergebnis. Normal. Es ginge ein Aufschrei durchs Land. Diese Reaktion wäre auch angemessen, wenn es um die Ergebnisse der Handwerks-Ausbildung geht. Wenn 50 Prozent der Handwerkslehrlinge auf dem Weg zum Gesellenbrief auf der Strecke bleiben, dann kann man nicht zur Tagesordnung übergehen. Auch wenn ein Großteil der Durchgefallenen die Prüfung im zweiten Anlauf doch noch schafft.

Bei allen Klagen über „die Jugend von heute“, wenn sie wirklich so ist, wie immer wieder beklagt – unmotiviert, vielfach abgelenkt durch die moderne Unterhaltungsindustrie, dazu mit eklatanten schulischen Schwächen in basalen Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen – muss doch der Schritt von der Klage zur Ursachenforschung und zur Lösungssuche getan werden. Wie kann man sicherstellen, dass eher lernschwache, praktisch begabte Schüler die in ihrem Handwerk notwendigen Grundfertigkeiten im Rechnen und Schreiben erlernen? Wie gelingt es, den Schülern noch mehr Einblicke in die Berufswelt zu geben, damit sie wissen, worauf sie sich einlassen? Und wie kann man Ausbilder pädagogisch schulen, damit sie eine Chance haben, ihre Auszubildenden zu erreichen?

Zu Recht hat die duale Ausbildung made in Germany einen glänzenden Ruf im Ausland. Deutsche Gesellen wissen dank praxisnaher Schulung in Berufsschule und Betrieb nicht nur, wie es gehen müsste, sondern auch, wie es geht. Dieser hervorragende Ruf, der in Sonntagsreden gern bemüht wird, steht auf dem Spiel, wenn es nicht gelingt, die Erfolgsquote in der Handwerksausbildung wieder zu steigern. Dafür gibt es weder ein Patentrezept, noch wird das Problem zu lösen sein, wenn nicht schon in den Schulen angesetzt wird. Auch Schuldzuweisungen an einzelne Beteiligte, etwa die Schulen, helfen nicht weiter. Und es wird ja tatsächlich schon viel getan, ob mit Berufspraktika während der Schulzeit, Ausbildungsmessen oder ausbildungsbegleitenden Hilfen für schwache Lehrlinge. Offenbar reicht es nicht. Guter Rat ist jetzt teuer. Nur eines darf man nicht: sich mit dem Status quo zufriedengeben.

Von Gerhard Sternitzke

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