Anwohner kämpfen gegen Belastung durch Lkw-Verkehr in Klötze

„Habt ihr hier Erdbeben?“

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Veronika und Wolfgang Daehre fordern Tempo 30 für Lkw in der Klötzer Bahnhofstraße. Wenn die Brummifahrer Gas geben, bebt manchmal sogar der Boden in ihrem Haus: „Da kann man sich nicht dran gewöhnen.“

Klötze. Großstadtbewohner kennen dieses Zittern des Bodens, begleitet von einem dumpfen Brummen, wenn eine U-Bahn durchfährt.

Wolfgang Daehre lebt im beschaulichen Klötze, aber wenn gerade wieder ein 40-Tonner durch die Bahnhofstraße donnert, dann klingen die Gläser im Wohnzimmerschrank, das Hoftor dröhnt, und manchmal bebt auch der Boden unter den Füßen. „Da kann man sich nicht dran gewöhnen“, sagt der 67-Jährige. Seit 13 Jahren fordert der ehemalige Gemüsehändler deshalb Tempo 30 für Lkw. Bislang mit wenig Erfolg.

„Die Lkw fahren viel zu schnell. Und das ist hier alles Moorboden“, erklärt Daehre. Deshalb breiten sich die Erschütterungen im Untergrund aus wie auf einem Schwingboden. In den Häusern setzen sie sich fort, werden als Risse in den Wänden sichtbar, zerreißen Fliesen. Tatsächlich quittiert das Haus aus dem Jahr 1880 jede Bewegung des Gaspedals durch die Brummifahrer mit einem dumpfen Vibrieren. „Habt ihr hier Erdbeben?“, werden die Daehres manchmal von Besuchern gefragt.

„Die Häuser sind um 1880 gebaut. Die sind nicht für den Verkehr geeignet“, meint Daehre. „Wenn abends die Lkw durchrauschen, dann kracht es im Gebälk.“ Ihr Schlafzimmer haben die Daehres deshalb schon in den hinteren Teil des Hauses verlegt. Im nächsten Jahr wollen sie Schallschutzfenster einbauen lassen. Aber die Erschütterungen bleiben.

Von Politikern und Bürgermeister fühlt sich Daehre im Stich gelassen. In den Einwohnerfragestunden des Stadtrats hat er schon mehrmals für seinen Tempo-30-Vorschlag geworben. „Das wird von der Stadt ignoriert“, schimpft der Rentner. „Wie lange will man noch warten? Wenn nächstes Jahr die B 71 bei Cheinitz für fünf Monate gesperrt wird, dann haben wir noch das Doppelte an Verkehr! Wer zahlt uns die Schäden an den Häusern?“

Dabei sei für die Anwohner der aktuellen Kreisel-Umleitung sehr schnell eine Lösung gefunden worden. „Sind wir den schlechtere Menschen?“, fragt Daehres Frau Veronika (63).

Bürgermeister Matthias Mann glaubt dagegen nicht, dass die Lkw so schnell sind. Im Straßenverlauf der Breiten Straße und Bahnhofstraße gebe es so viele Einmündungen, Fußgängerüberwege, parkende Autos und den Lidl-Parkplatz: „Da muss mir jemand erklären, wie ein Lkw auf 50 beschleunigt.“ Zudem warte die Stadt auf die vor anderthalb Jahren beantragte Ampel an der Einmündung Salzwedeler Straße.

Manfred Krüger, Regionalbereichsleiter Nord der Landesstraßenbaubehörde, stellt klar, dass der Altmarkkreis die Geschwindigkeitsbegrenzung verordnen müsste. Doch die Hürden sind hoch: „Auf den Hauptverkehrsstraßen will man die Höchstgeschwindigkeit 50 realisieren“, erklärt Krüger. Ausnahmen gebe es eigentlich nur bei Gefahr vor Schulen und Kindergärten. Anwohner einer bestehenden Straße hätten nur wenig Möglichkeiten, Verbesserungen hinsichtlich Lärmbelastung und Erschütterungen einzufordern: „Das muss der Betroffene nachweisen.“

Bürgermeister Mann zieht aber auch grundsätzlich den Sinn immer neuer Schilder in Zweifel: „Dann brauchen wir auch jemand, der das kontrolliert. Wir können noch soviele Schilder aufstellen – wenn die Leute so unvernünftig sind, dann können wir nichts machen.“

Von Gerhard Sternitzke

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