„Habe noch nie ,Genosse‘ gesagt“

SPD-Landesvorsitzende Katrin Budde (vorne) und Kreisvorsitzender Jürgen Barth (r.) zeichneten folgende Mitglieder für 20-jährige Mitgliedschaft in der SPD aus (von unten links nach rechts oben): Uwe Hartmann (OV Diesdorf-Dähre), Dr. Hans-Joachim Becker (OV Gardelegen), Andreas Schwerin, Martin Meißner (beide OV Beetzendorf), Gisela Kieckbusch (OV Salzwedel), Eckard Wesch (OV Immekath), Hans-Jürgen Ostermann (OV Salzwedel), Reiner Lehmann (OV Diesdorf-Dähre) und Norbert Hundt (OV Salzwedel).

Klötze - Von Peter Lieske. 20 Jahre Sozialdemokratie im Osten – das sei vor allem ein Grund zum Feiern und weniger, um große Reden zu schwingen. Mit diesen Worten begrüßte Kreisverbandsvorsitzender Jürgen Barth aus Lockstedt etwa 40 Genossen im Restaurant Altmark in Klötze.

Ganz ohne Reden kann ein solches Jubiläum aber nicht gefeiert werden. Und so konnte sich Landesvorsitzende Katrin Budde ein wenig Wahlkampf nicht verkneifen. Dass diese Wende überhaupt möglich war, sei ein Verdienst insbesondere der Sozialdemokraten, denn diese habe es vor der Wende in der DDR nicht gegeben. Sie, wie auch Bündnis 90, seien es gewesen, die auf die Straße gingen, um für Demokratie einzutreten. Und vor allem Willy Brandt sei es zu verdanken, dass es überhaupt zur Annäherung kam, die schließlich in der friedlichen Revolution mündete.

Nach den eigentlich nur kurz gedachten, aber lang gewordenen Grußworten der Landesvorsitzenden kamen nun die Sozialdemokraten des Altmarkkreises der ersten Stunde an die Reihe. Aus jedem Altkreis-Verband durfte ein Gründungsmitglied ans Rednerpult.

Den Auftakt machte Dr. Hans-Joachim Becker aus Gardelegen, der das Glück hatte, persönlich mit Willy Brandt ein paar Worte zu wechseln, wie er berichtete. Bewusst redete er seine Parteifreunde nicht mit „Genosse“ an. Dieses Wort sei ihm noch nie über die Lippen gekommen, hege diese Anrede doch zu viele Erinnerungen an frühere Zeiten. Er sprach von den ersten Treffen von gleichgesinnten Gardelegenern, die anfangs nicht protokolliert wurden. Und so gibt es keinen Hinweis auf die Geburtsstunde der Gardelegener SPD. Dafür aber liegt das Protokoll der ersten Sitzung des SPD-Kreisverbandes am 10. Januar 1990 vor. Vor allem Pfarrer der evangelischen Kirche sahen in der SPD die Partei, die die Interessen der Menschen am besten vertreten könne. So verwies Dr. Becker auf zwei Pfarrer, die Mitglied im Kreisverband Gardelegen wurden, Pfarrer Christoph Neumann aus Kalbe und dem damaligen Letzlinger Pfarrer Rufried Mauer, der an diesem Abend zur Festveranstaltung erschienen war.

Der zweite Redner, Hans-Jürgen Ostermann, zeigte sich erstaunt, dass der SPD-Kreisverband Gardelegen älter ist als der Salzwedeler Kreisverband. Auch er habe seine Mitstreiter nie mit „Genosse“ angeredet. Der spätere und erste Landrat des Altmarkkreises hatte Unmengen Funktionen wahrgenommen, er leitete sogar zu seinem eigenen Erstaunen den Unterbezirk Altmark. An zwei Kuriositäten erinnerte Hans-Jürgen Ostermann aus den Anfängen der SPD im Landkreis Salzwedel. Damals waren Altensalzwedel und Mahlsdorf für kurze Zeit eine SPD-Hochburg. Das habe wohl daran gelegen, dass zum einen die komplette LDPD-Riege sowie zum anderen die komplette Bauernpartei-Riege zur SPD überging. Wenige Jahre später waren aber alle wieder ausgetreten. Hans-Jürgen Ostermann vermutete, dass sie wohl eine politische Heimat in einer Partei suchten, die nicht vorbelastet war.

Weder der Salzwedeler noch der Gardelegener wollten verhehlen, dass es zwischen den Landkreisen vor und nach der Fusion zum Altmarkkreis Befindlichkeiten gab. Dr. Becker stritt damals vehement für den Erhalt des Landkreises Gardelegen. „Das ist lange her“, meinte Hans-Jürgen Ostermann. Ein kollektives Lachen in der Gaststube zeigte, dass die Sozialdemokraten des Altmarkkreises zueinander gefunden haben, auch wenn noch Spuren der damaligen Fusionskämpfe geblieben sind, wie Hans-Jürgen Ostermann am Namen des Kreisverbandes deutlich machte. Dieser heißt auch heute noch so wie der Arbeitstitel des Altmarkkreises vor der Konstituierung des Kreistages 1994 lautete, nämlich „Westliche Altmark“. Mit dem Namen Salzwedel wollte sich damals niemand anfreunden. Das sei so in Ordnung, meinte der Vorgänger von Jürgen Barth. Immerhin war der Salzwedeler 13 Jahre lang SPD-Kreisvorsitzender. Auffallend an diesem Abend: Seine Tätigkeit als Landrat kam gar nicht zur Sprache.

Die Geschichte des Kreisverbandes Klötze kam an diesem Abend nicht zur Sprache, denn dessen Redner las lieber aus seinen Kolumnen über jene Wende-Zeit vor, ansonsten würde er zu weit vom Thema abschweifen. Die Rede ist von Martin Meißner. Der Schriftsteller aus Lockstedt war einer der ersten Sozialdemokraten der Altmark, allerdings damals nicht an eine Organisation gebunden. Heute ist er Mitglied des Ortsvereins Beetzendorf. Nur so viel sei festzuhalten: In seiner unvergleichlichen Art brachte Martin Meißner die Gäste zum Lachen. Alle waren sich einig, dass seiner der schönste Redebeitrag war, da er auf süffisante Weise die damalige Anfangszeit der SPD auf den i-Punkt brachte.

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