Anhörungstermin zum Schweinemaststall: In Kunrau diskutierten Experten und betroffene Bürger

Geruchseinheiten und Dezibel

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Dr. Ralf Petrich: „Man zählt die Schweine und wie viel Tonnen Geruch rauskommen.“

Kunrau. Ungleiche Gegner trafen gestern im Kunrauer Schloss aufeinander: Hier besorgte Bürger, die ihre Befürchtungen hinsichtlich der geplanten Schweinemastanlage zur Sprache brachten.

Dort Antragsteller und Gutachter, die ihren Informationsvorsprung beim ersten Erörterungstermin im Immissionsschutzverfahren ausspielten.

Trotzdem versuchte der Sprecher der BUND-Ortsgruppe, Günter Zogbaum, dem Emissions-Gutachter Rechenfehler nachzuweisen. So habe dieser für seine Prognose nur die Abluftmenge eines einzigen Abluftkamins berechnet. „Aus diesen Gründen ist die gesamte Emmissionsprognose wertlos.“

„Das ist beim ersten Draufschauen nicht leicht zu verstehen“, räumte Dr. Ralf Petrich ein. Doch die Abluftmenge sei nur für die Ausbreitungsgeschwindigkeit von Belang. „Man zählt die Schweine und wie viel Tonnen Geruch rauskommen.“ Wie viel Mief so ein Schwein macht, ist in Sachsen-Anhalt sogar amtlich definiert: 55 Geruchseinheiten pro Großtiereinheit. Prognose: Keine nennenswerte Geruchsbelastung für das Dorf.

Auch der Gutachter des BUND, Knut Haverkamp, hatte die Expertise in Zweifel gezogen. Er verwies darauf, dass die Gebäude bei der Prognose über die Ausbreitung der Gerüche vernachlässigt worden seien. Zudem weiche die Planung um 50 Meter vom Standort ab.

Mehr Gestank als der Schweinestall könnte die ausgefahrene Gülle verursachen. Diese Geruchsbelastung sei jedoch nicht Gegenstand des Immissionsschutzverfahrens, machte die Leiterin des Erörterungstermins, Marita Rienecker vom Landesverwaltungsamt Halle, den verdutzten Einwendern deutlich. Entscheidend sei, dass die Gülle ordnungsgemäß ausgebracht werde. Hierzu hat der Antragsteller Zusagen von Abnehmern über mehr als 1 000 Hektar vorgelegt.

Auch diese Nachweise zweifelten die Einwender an. Gewisse Flächen seien nur mit einem Transport quer durch Oebisfelde zu erreichen. „Wenn Flächen doppelt bewirtschaftet werden, wer prüft das denn“, fragte Ortsbürgermeister Uwe Bock. Roland Predehl von der BUND-Ortsgruppe warnte: „Die Tiere werden mit Antibiotika behandelt, diese gehen in die Gülle. Das Gift Aldecol geht über die Spaltenböden über die Gülle.“ Schon jetzt sei das Grundwasser in der Region teilweise gefährlich mit Nitrat belastet.

Die Sorge vor der Lärmbelastung durch den 1 100 Meter entfernten Schweinemastbetrieb versuchte Gutachter Lothar Förster den Kunrauern zu nehmen. „Es ist völlig auszuschließen, dass Geräusche von Schweinen im Dorf zu hören sein werden.“ Und: „Sie werden die Lüftungstechnik nicht hören“ Schwer für die Anwesenden zu verstehen: Die Geräuschbelastung durch die Anlage selbst wird nach den Lärmspitzen berechnet, während der Lärm durchs Dorf rauschender Schweine- und Gülletransporte gemittelt wird. 1 107 Lkw-Bewegungen im Jahr sind geplant, darunter 159 Tiertransporte, sechs Fahrten pro Tag.

Die Bentheimer und Kunrauer Schweinemast GmbH hatte den Rechtsantwalt Dr. Helmar Hentschke geschickt. Er räumte offen den gewerblichen Charakter der Anlage ein: „Es ist richtig, dass es sich nicht um eine landwirtschaftliche Anlage handelt, da die eigene Futtergrundlage nicht gegeben ist.“ Hentschke bestätigte auch, dass noch keine wasserrechtliche Genehmigung für einen Brunnen vorliege. Gegen die Entscheidung habe man Widerspruch eingelegt, könne aber notfalls auf die öffentliche Wasserversorgung zurückgreifen.

Von Gerhard Sternitzke

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