Abnehmender Feldvogelbestand im Drömling: So mancher Piepmatz landet frittiert auf Ägyptens Märkten

Gefahr lauert auch im Nahen Osten

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Eine Wachtel, der kleine Hühnervogel ist auch im Drömling beheimatet, hat sich in einem von Vogelfängern aufgestellten Netz an der Mittelmeerküsten des Gazastreifens verfangen. Gleich nebenan in Ägypten bilden ähnliche Netze die weltweit größte Vogelfanganlage. 

Drömling. Es ist ruhig geworden im Drömling. Die großen Schwärme nordischer Gänse aus Osteuropa hatten nur kurz Zwischenrast im Niedermoorgebiet eingelegt und sind wegen des bislang relativ milden Winterverlaufs alsbald weitergezogen.

Drei- bis viertausend mögen noch da sein, so schätzt Naturpark-Mitarbeiter Wolfgang Sender – diese verteilen sich jedoch in der Fläche. Dafür können Vogelfreunde derzeit noch verhältnismäßig viele Kraniche antreffen. 500 der großen Schreitvögel halten sich momentan im Drömling auf – viele von ihnen stammen aus der Region und werden, so lange sie noch Nahrung finden, gar nicht mehr in den Süden ziehen. Daneben erfreute erst vor wenigen Tagen der Anblick von 150 nordischen Singschwänen das Naturschützer-Herz.

Doch um jene Vögel, die im Winter nach Mitteleuropa kommen mache sich Wolfgang Sender weit weniger Sorgen, als vielmehr um solche, die im Sommer hier brüten und nun zum Teil weggezogen sind. „Der Bestand an Feldvögeln hat überall in der Region spürbar abgenommen – das ist Fakt“, erklärt der Naturpark-Mitarbeiter im Gespräch mit der AZ.

Nicht nur im Winter, wenn die hiesigen Brutvögel zum Teil weg- und die nordischen Zugvögel bereits durchgezogen sind, nehmen die Vogelstimmen im Drömling ab. Auch der Bestand während der Brutzeit hat in den vergangenen Jahren merkbar abgenommen. 

Verantwortlich dafür sei, davon ist der Wassensdorfer überzeugt, unter anderem auch die moderne Landwirtschaft. Denn immer größere, monotonere und von Unkraut freigehaltene Schläge bedeuten immer weniger so genannte Ruderalstreifen, in denen sich Wildkräuter und damit auch Insekten – die Hauptnahrung vieler kleinerer Vogelarten – entwickeln können. Fehlende Feldraine bedeuten zudem auch weniger Nahrung im Winter in Form von Sämereien. „Das neue Blühstreifen-Programm im Land ist da nur ein bisschen Makulatur“, verspricht sich Wolfgang Sender maximal punktuelle Effekte.

Eine weitere große Gefahr für den hiesigen Vogelbestand – und das ist weit weniger bekannt – lauert in rund 3000 Kilometern Entfernung im Nahen Osten. Denn entlang der ägyptischen Mittelmeerküste auf einer Strecke von 700 Kilometern – von der libyschen Grenze im Westen bis zum Gaza-Streifen im Osten – sollen sich jährlich während des Herbstzugs mindestens zehn Millionen Zugvögel in Netzen verfangen. Ob Wachtel, Neuntöter, Pirol, Nachtigall oder der in Mitteleuropa ausgesprochen seltene Wiedehopf: Die Ausbeute der weltweit größten Vogelfanganlage wird meist frittiert als Leckerbissen auf Märkten angeboten. „Das ist eine große Bedrohung, auch für viele Vögel, die im Drömling brüten“, weiß der Naturpark-Mitarbeiter.

Etwa Dreiviertel der gefangenen Vögel, darauf macht der Naturschutzbund (Nabu) in Berlin aufmerksam, werden auch nach ägyptischem Recht illegal gewildert. Zudem habe Ägypten auch die internationalen Naturschutzkonventionen unterzeichnet, die den Netzfang von Vögeln grundsätzlich verbieten. Doch seitdem der als Delikatesse geltene Fang auch in den reichen Golfstaaten verkauft wird, was Nachfrage und Preise deutlich angekurbelt, habe das bereits seit der Antike traditionell betriebene Geschäft der Vogelfänger deutlich zugenommen. Daneben lässt auch die Armut im krisengeschüttelten Ägypten die Zahl der Vogelfänger steigen.

Solange es nicht humanitär in Ägypten vorangehe, so befürchtet Wolfgang Sender, werde sich am massiven Vogelfang nicht viel ändern.

Von Matthias Mittank

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