Steimker wandelten Fontanes Ballade fürs Ehrenmal passend um / 50 Meter Dorfrundgang mit Dutzenden Anekdoten

Gedenkspruch frei nach John Maynard

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Hermann Buchmüller begeistert sich für die Geschichte seines Heimatortes und reißt damit seine Zuhörer mit. Zum ersten Dorfrundgang des Heimatvereins gab es zwar nur fünf Stationen im Umkreis von 50 Metern, aber unzählige Geschichten und Anekdoten aus dem Ort.

Steimke. Knapp 50 Meter Fußmarsch betrug der Dorfrundgang, zu dem der Steimker Heimatverein am Sonntagnachmittag eingeladen hatte. Aber auf diesen 50 Metern gab es eineinhalb Stunden lang die geballte Geschichte des Ortes.

So alt wie der Ort selbst und inzwischen ein Naturdenkmal: die Steimker Wappeneichen.

Angefangen von der alten Eiche, die am Eingang zum Bockhorn, dem Ursprung Steimkes, steht. Davor stehen Zollgebäude, Vogtei, das Kriegerdenkmal und die Kirche. Und diese fünf Punkte reichten dem Steimker Ortschronisten und Heimatvereinsvorsitzenden Hermann Buchmüller aus, um in eineinhalb Stunden mit seinen Zuhörern nicht nur in die Geschichte des Dorfes einzutauchen, sondern diese auch durch zahlreiche Anekdoten für die Zuhörer lebendig werden zu lassen.

Hermann Buchmüller lebt und begeistert sich für die Historie seines Heimatortes. Dass die Eiche, die vermutlich zur Dorfgründung 1112 gesetzt wurde, seit Frühjahr vergangenen Jahres als Naturdenkmal ausgewiesen und damit das älteste Denkmal Steimkes ist, „finde ich ganz großartig“, begeisterte sich Buchmüller. „Das ist eine Ehre“, schätzte er ein. Hermann Buchmüller hofft, dass die Eiche noch lange in Saft und Kraft steht und nicht eines Tages wie die Eiche in Jemmeritz ohne Blätter ein trauriges Bild abgibt. Vorteil für die Steimker Eiche: Sie wird von einem Zaun geschützt, so dass nicht jeder direkt dran vorbeigeht. Die Eiche diente den Vorfahren vermutlich früher als Thingplatz, also dem Ort zur Rechtsprechung, vermutet der Chronist.

Das Steimker Zollhaus: Die Grenze zwischen Lüneburg und Preußen lockte bis 1880 viele Schmuggler an.

Mit der Rechtsprechung ist auch das gegenüberliegende Gebäude, die alte Vogtei, verbunden. Steimke war eine von drei Vogteien derer von Bartensleben aus Helmstedt in der Altmark. Fünf Orte aus der Nachbarschaft gehörten direkt zur Vogtei, sie war aber auch für die sogenannten „Brandenburgischen Butendörfer“ in Richtung Westen, wie Ehra, Lessien und Grußendorf, der Gerichtssitz. Unbekannt ist, wann das Gebäude errichtet wurde. Sicher ist, dass es schon 1608 in einer Urkunde mit genauer Inventarbeschreibung benannt wird und damit bestimmt 100 Jahre älter ist, vermutet Hermann Buchmüller. Ab 1850 wurde das Haus als eine von vier Gaststätten im Ort betrieben, meist nur nebenberuflich. So war der Wirt der Vogtei gleichzeitig Stellmacher. Hermann Buchmüller wusste, dass im Zweiten Weltkrieg dort Kriegsgefangene untergebracht waren: Links auf der Kegelbahn 23 Franzosen, rechts in der Scheune Russen. Der Gastwirt fing sich dort das Fleckfieber ein und starb. Die Witwe betrieb die Gaststätte weiter, bis sie aus Altersgründen aufgab. Die Kneipe wurde in die Konsumgesellschaft übertragen und von „Männe“ und Martha Buchmüller – „das sind meine Eltern“ – für zehn Jahre betrieben, „deswegen kenne ich mich so gut aus“, erklärte Hermann Buchmüller.

Nächste Station war das gegenüberliegende Zollhaus, mit dem die Grenze zwischen Preußen und Lüneburg überwacht wurde. Weil in der Salzregion Lüneburg das Salz nur einen Pfennig pro Pfund kostete, in Preußen aber zehn Pfennig, lud das zum Schmuggeln ein. Hermann Buchmüller konnte einige Schmuggler-anekdoten erzählen. „Das war damals fast wie im Film“, erklärte er. Erst als 1880 Hannover dem Zollverein beitrat, hatte sich das Thema Schmuggel in Steimke erledigt.

516 Sitzplätze hat die Steimker Kirche, da sie auch für die umliegenden Orte mitgebaut wurde. Auf einem Sitzplan war damals genau festgelegt, wo wer Platz nehmen durfte.

Auf Details machte der Chronist die Zuhörer auch am Ehrenmal vor der Kirche aufmerksam. Es wurde 1922 errichtet von einem Steinmetz aus Brome „und ist nicht das Kleinste in der Region“, so Buchmüller. Für den Ersten Weltkrieg wurde unterteilt, ob die 36 benannten Steimker Männer in Russland oder in Frankreich fielen. Besonders ist auch der Spruch auf dem Gipfelstein: Hermann Buchmüller erinnert sich, dass der frühere Dorfschullehrer Franz Mettke ihm und anderen Schülern erzählte, dass er um einen Spruch für die Inschrift gebeten wurde. Mettke schlug vor, einen Spruch aus der bekannten Ballade „John Maynard“ von Theodor Fontane umzuwandeln. Seitdem steht frei nach Fontane „Sie starben für uns – unsere Liebe ihr Lohn.“

Denkmalschützer bezeichnen sie als einmalig in Deutschland: Die Sandsteinmauer um den Kirchhof. Eine Platte ist von 1724.

In den 1950er Jahren entbrannte im Gemeinderat ein Streit um das Denkmal, das neben den Namenstafeln rechts und links einen Stahlhelm und ein Schwert zeigt. Das war einigen Steimkern zu viel Verherrlichung des Nationalsozialismus, es wurde sogar vorgeschlagen, das Denkmal zu sprengen. Doch mit einem Trick konnte der Streit beigelegt werden: Die Namenstafeln der Gefallenen aus dem Zweiten Weltkrieg wurden vor die beiden Insignien gestellt. Erst nach der Wende erhielt das Denkmal wieder seine ursprüngliche Gestalt.

Auch zur Steimker Kirche, die nach einem Brand 1805 erst ab 1825 neu aufgebaut werden musste, wusste Hermann Buchmüller viel zu erzählen. So gibt es in den Unterlagen einen genauen Plan, wem welcher der 516 Sitzplätze zusteht, geteilt nach Orten und geteilt in Männer und Frauen: 208 für Männer, 264 für Frauen und 44, auf denen entweder Mann oder Frau sitzen durften.

Von Monika Schmidt

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