Der kleine Räuber ist auf dem Rückzeug

Zehn Jahre Iltis-Monitoring zeigen: Düstere Aussichten

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Ob von Jägern gemeldete Fänge, die sich gut zur Entnahme von Genproben eignen, Fofofallen-Bilder oder Losung – die Iltis-Nachweise im Land sind seit Jahren rückläufig.

Altmark. Einst als fleißiger Rattenfänger geschätzt, zuweilen aber auch als Hühnerdieb verschrien, gehörte der Iltis seit jeher zu jenen Tieren der Kulturlandschaft, die sich gerne in der Nähe menschlicher Siedlungen aufhalten.

Doch um den kleinen Räuber ist es ruhig geworden. Ob in den Dörfern oder in der freien Landschaft – der Iltis ist in der Altmark wie auch anderswo auf dem Rückzug. Das bestätigt auch das landesweite Iltis-Monitoring, mit dem Wildbiologin Antje Weber aus Jeggau 2008 begonnen hatte.

„Es sieht schlecht aus“, fasst die Biologin ihre Erkenntnisse über den Iltis aus mittlerweile zehn Jahren zusammen. Auch wenn sich Antje Weber als Mitarbeiterin des Wolfskompetenzzentrums (WZI) Iden derzeit vorrangig mit einem deutlich größeren Beutegreifer beschäftigt, bei den zahlreichen Freiland-Untersuchungen habe sie nebenbei auch immer den Iltis bzw. seine Hinterlassenschaften im Blick. Besonders charakteristisch: Die wie ein Zopf gedrehte, gut fünf Millimeter dicke und rund acht Zentimeter lange Losung. Doch egal, wo die Jeggauerin unterwegs ist, ob im heimischen Drömling oder im Seehäuser Forst, die Anzeichen für Iltisvorkommen werden immer spärlicher. Auch Meldungen von Jägern, seien es Sichtungen, Totfunde, Fotofallenbilder oder Fallenfänge, trudeln immer seltener im Büro der Wildbiologin ein. In diesem Jahr sind es bislang landesweit gerade einmal drei Meldungen. Besonders düster sieht es in den südlichen Landesteilen von Sachsen-Anhalt aus. Dort scheine es bereits heute weite Landstriche zu geben, aus denen der Iltis verschwunden ist. In der Altmark ist der Räuber wohl noch am weitesten verbreitet.

Das bestätigen auch genetische Analysen an insgesamt 131 Tieren in den zurückliegenden zehn Jahren. Demnach sind die Iltisse im Nordwesten von Sachsen-Anhalt genetisch diverser als im Südosten, wo sich aufgrund des zurückgehenden Bestandes möglicherweise bereits ein sogenannter genetischer Flaschenhals abzeichnet. Jene genetisch verarmten Populationen haben es schwierig, auf veränderte Umwelteinflüsse zu reagieren. Die Analysen an 53 altmärkischen Tieren zeigten zudem, dass es nur wenig genetischen Austausch zwischen einzelnen Teilpopulationen gibt. So konnte die Genetik jener 53 Tiere mit EDV-gestützter Methode meist klar den drei Gebieten Drömling, Klötzer Forst / Zichtauer Hellberge und dem Kalbeschen Werder bei Vienau zugeordnet werden. Nur in zwei Fällen war das nicht so. So konnte ein aus dem Drömling stammender vierjähriger Rüde bei Vienau nachgewiesen werden. „Der ist im Laufe seines Lebens also rund 30 Kilometer abgewandert. Normal sind es nur 10 bis 15“, weiß die Wildbiologin.

Doch was sorgt für den Rückgang dieser Wildart? Den Hauptgrund sieht Antje Weber in der Unterbrechung der Nahrungskette. Die erst kürzlich um fünf Jahre verlängerte Zulassung des umstrittenen Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat spiele dabei eine Rolle. „Mit dem Rückgang vieler Wildkräuter in der Landschaft nimmt auch der Bestand an Insekten ab. Und auf diesen bauen viele Nahrungsketten auf“, erklärt die Jeggauerin. Hinzu komme, dass in der Land- und Forstwirtschaft die Nagerbekämpfung forciert werde, was zur Folge habe, dass der Iltis, der sich zu mehr als 50 Prozent von Kleinsäugern ernährt, immer weniger Beute vorfindet. Damit gehe auch eine Überlebensstrategie des Iltis, nämlich jene, in guten Mäusejahren möglichst viele Nachkommen hervorzubringen, nicht mehr auf. „Bei den Mäusen gibt es Gradationsjahre, also Jahre, in denen sie sich massenhaft vermehren, 2012 war so ein Jahr. Bekämpft wird mittlerweile aber bereits vorbeugend, damit es erst gar nicht zu einer Gradation kommen kann“, bedauert Antje Weber.

Daneben leidet die Reproduktionsrate des Iltis unter Umweltgiften wie den PCB (Polychlorierte Biphenyle), die einst unter anderem als Weichmacher Verwendung fanden. Beim Iltis haben diese zur Folge, dass die durchschnittliche Nachkommenszahl von sieben Jungen in den 1980er Jahren auf heute nur noch vier Junge zurückgegangen ist. „Und die eine lange Halbwertszeit habenden Weichmacher sind überall in der Natur.“

Auch tierische Neubürger machen es dem kleinen Räuber schwer. „Mit dem Marderhund teilt der Iltis ähnliche Lebensräume, mit dem Mink die Nahrung“, weiß die Biologin aus entsprechenden Konkurrenz-Untersuchungen.

Dank des Monitorings wird der Iltis in der derzeit in der Überarbeitung befindlichen Roten Liste wohl bald auftauchen. Auch die seit 2015 und noch bis 2019 geltende ganzjährige Schonzeit könnte verlängert werden. Doch das hilft nicht viel. Um die Tierart im Land zu halten, müsste sich nach Einschätzung der Jeggauerin grundlegend etwas ändern, vor allem in der Landbewirtschaftung. Mehr Ökolandbau könnte helfen, aber wahrscheinlich, so befürchtet Antje Weber, wird es dafür schon zu spät sein. „Wir werden den Iltis, zumindest in Sachsen-Anhalt wohl verlieren.“ Nicht zuletzt auch darum, weil sich kaum einer für die Wildart interessiert.

Von Matthias Mittank

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