„Es ist inzwischen fünf nach zwölf“

Brauner Hirsch in Kusey: Erster Lockdown nagt noch heute an der Existenz der Gastronomen

Der Braune Hirsch in Kusey hat viele Stammgäste. Doch auch diese dürfen ab Montag nur noch Essen mitnehmen und nicht vor Ort verspeisen.
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Der Braune Hirsch in Kusey hat viele Stammgäste. Doch auch diese dürfen ab Montag nur noch Essen mitnehmen und nicht vor Ort verspeisen.

Kusey – „Wir kämpfen jeden Tag darum, den vergangenen Lockdown zu verkraften, und halten uns stets an die Hygienemaßnahmen. Und nun das.“

Mit diesen Worten macht sich das Team vom Braunen Hirsch in Kusey Luft zur Entscheidung der Bundesregierung für einen erneuten Lockdown.

Besonders hart trifft es dabei die Gastronomie. Restaurants, Bars, Clubs, Diskotheken und Kneipen müssen schließen, erlaubt sind nur noch Lieferdienste und Essen zum Mitnehmen.

„Wie viel muss man als Gastronom noch ertragen?“ Das fragt sich Thomas Rühm, Pächter der Gaststätte, und befürchtet für seine gesamte Branche: „Bald wird es uns alle nicht mehr geben. Wo sollen wir die Kraft und Motivation und das Geld noch her nehmen, um überhaupt noch weiter zu machen?“

„Maßnahmen sind Wahnsinn“

Sofern Gaststätten nicht ganz schließen müssen, werden bei den meisten die Öffnungszeiten angepasst.

Für ihn ist es inzwischen fünf nach zwölf und er gibt offen zu, dass er in diesen Tagen nicht weiß, wie es weitergeht. „Es ist fast nicht mehr zu schaffen. Diese Maßnahmen, die jetzt beschlossen wurden, sind der Wahnsinn.“ Allerdings lassen Thomas Rühm und sein Team nichts unversucht, die Situation ins Erträgliche zu wenden. Im Klartext bedeutet das: „Wir versuchen, mit dem Außer-Haus-Verkauf irgendwie über die Runden zu kommen. Das heißt, so lange wir gezwungen werden, zu schließen, werden wir ab Sonnabend, 7. November, immer Sonnabend in den Abendstunden und sonntags zur Mittagszeit Essen außer Haus anbieten.

Schon kurz vor dem Lockdown hatte Thomas Rühm im Sinne aller Gastronomen an seine Kunden appelliert: „Hört nicht auf in eure Lieblingsrestaurants zu gehen, trinkt euer Bier weiterhin bei uns in den Kneipen und Restaurants – hört nicht auf unsere Gäste zu sein – wir Gastgeber brauchen euch.“ Mit den jetzt beschlossenen Maßnahmen scheint das ein Hilferuf zu sein, der mehr als nötig ist. Die gesamte Zeit, in der Corona inzwischen den Alltag aller bestimmt, hat besonders das Gastro-Gewerbe viel daran gesetzt, die Kneipen, Restaurants und Bars zu einem sicheren Ort zu machen. Abstandsregeln, reduzierte Tische und beheizte Außensitzgelegenheiten sind nur einige Beispiele – Gastwirte waren teils erfinderisch und steckten den Kopf nicht in den Sand. Sie versuchten, das Beste aus der aktuellen Lage zu machen.

Es geht ums nackte Überleben

Auch, wenn es für viele ums nackte Überleben geht, Thomas Rühm kennt als leidenschaftlicher Gastwirt auch noch andere, emotionale Gründe: „Wir glauben, dass es wichtig ist, mit den Gästen im Kontakt zu bleiben. Wir alle brauchen Orte, an denen wir uns begegnen können und sind weiterhin für euch da – auch wenn dies in vielen Fällen wirtschaftlich kaum oder keinen Sinn macht. Wir sind leidenschaftliche Gastgeber und können nicht aus unserer Haut.“

Seine traurige Prognose: „Viele von uns stehen mit dem Rücken zur Wand und haben kaum eine Aussicht auf bessere Zeiten. Es wird viele von uns leider erwischen, die die Pandemie wirtschaftlich nicht überleben werden und den Weihnachtsbaum nicht mehr im eigenen Lokal aufstellen können.“

Vielen Gastwirten geht es wie Thomas Rühm. Sie verstehen die Politik an vielen Stellen nicht. Denn diese suggeriert den Gästen, dass die Gastronomie nur noch mit Sperrstunden und anderen restriktiven Maßnahmen zu lenken ist. „Wir, die ein Hygienekonzept entwickelt, Mitarbeiter geschult, Umbauten getätigt und große Verluste hingenommen haben, sollen nun also unsere Betriebe abends schließen, damit ihr nach der Sperrstunde zu privaten Feiern nach Hause wechselt?“ Als sich Thomas Rühm dieses fragte, wusste er noch nicht, dass es mit dem neuen Lockdown für die Gastronomie sogar noch schlimmer kommen sollte. „Wir sind nicht der Wirt für das aktuelle Infektionsgeschehen.“

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