Fast wie in Hamburg

Blick eines Neulings auf den Klötzer Martinimarkt

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Das Papieraufdröseln hat sich gelohnt: Mit unseren vereinten Kräften und Losen darf der achtjährige Diego (links) ein Stofftier mitnehmen.

Klötze – Es muss schon einige Monate her sein, dass mir das erste Mal ein Schild mit der Aufschrift Martinimarkt aufgefallen ist. Wie falsch ich das Plakat eingeschätzt hatte, wurde mir erst in den letzten Tagen bewusst.

Immer mehr und mehr Fahrzeuge mit Fahrgeschäften, Buden und allerlei Marktgedöns fuhren an der Redaktion vorbei und sorgten manchmal auch kurzzeitig für Stau.

Meine Kollegin kam aus dem Schwärmen kaum noch heraus. In Spitzenzeiten bis zu 100 000 Besucher. Fünf Tage Party bei Rummel und Feuerwerk? Das musste ich mir ansehen. Also bin ich gestern, zum ersten Mal in meinem Leben, auf den Martinimarkt gegangen.

Meine erste Station war das Riesenrad. Davon bin ich zwar normalerweise kein großer Fan, aber um sich einen guten Überblick über einen Markt zu verschaffen, den man noch nicht kennt, optimal. Und ich muss zugeben: Ich war beeindruckt. Andere Städte ähnlicher Größe können meistens froh sein ein Karussell, eine Getränkebude von der Ortsfeuerwehr und ein paar Grillstände aufzutreiben. Von irgendwo taucht dann am ersten Markttag noch ein Fischbrötchenstand auf und das Dorffest kann beginnen. Dass die kleine Stadt Klötze, in der ich seit August arbeite, so einen Markt auf die Beine stellt, hätte ich vorher nicht erwartet.

Mein zweiter Abstecher führte mich zu einem meiner persönlichen Favoriten. Lose ziehen! Tatsächlich bin ich eigentlich kein großer Freund von Glücksspiel, aber einen großen Haufen Lose kaufen, allen Freunden, die mit einem unterwegs sind, ein paar in die Hand drücken und die Dinger aufdröseln, gehört für mich einfach dazu. Nach 30 Losen hatte ich leider kein Glück. Zwölf Punkte reichten nicht für den maximal kuschligen Riesenhamster, denn ich gerne gehabt hätte. Der achtjährige Diego, der mit seiner Oma kurz nach mir auch ein paar Lose gekauft hatte, hatte mehr Glück. Gerade als er seine abgeben wollte, habe ich ihm meine auch noch zugesteckt. So konnte er sich den kleinen, plüschigen Drachen Ohnezahn aussuchen.

Ungewohnte Optik: Normalerweise bin ich klassischere Luftgewehre gewohnt.

Immer wieder wandert mein Blick zum über 50 Meter hohen VMaxx. Den hätte ich in Klötze überhaupt nicht erwartet. Zuletzt habe ich so ein Fahrgeschäft auf dem Hamburger Dom gesehen. Was damals schon ein großer Spaß war, kann ja in Klötze kaum schlechter sein. Jedoch ist es seit meiner Ankunft kurz nach Marktbeginn noch recht leer. Gefahren ist der VMaxx noch nicht. Ich nahm mir aber vor, später noch einmal vorbeizuschauen.

Ein absolutes Highlight meiner Kindheit waren Fahrgeschäfte wie SoundMachine. In den kleinen Kapseln fühlte ich mich immer, als würde ich wie bei Star Wars in die Gräben des Todessterns eintauchen und einen Tie-Fighter nach dem anderen austanzen. Zum Glück mache ich heute beim Mitfahren keine Geräusche mehr. Andererseits ist es ja ohnehin so laut, dass mich eh niemand hören würde.

Mit einem Spieß auf dem mit Schokolade überzogene Mandarinenscheiben stecken, schlendere ich am Autoscooter vorbei. Der ist zwar spaßig, aber ohne Begleitung nehme ich mir für meine begrenzte Zeit lieber etwas anderes vor.

Im VMaxx sitzt ein gelangweilt aussehender Mann mit roter Jacke, der anscheinend darauf wartet, dass es losgeht. Ich habe, seit ich angekommen bin, noch keine Fahrt mitgekriegt und beschließe noch eine Runde zu drehen. Auf dem Weg begegne ich wieder Diego und seiner Oma, die gerade ein Lan-gosch mit Thunfisch essen. Auch ich kriege langsam Hunger, möchte aber nicht zu viel essen, bevor ich mich in den VMaxx setze. Auf meiner zweiten Runde um den Markt hat er sich noch immer nicht bewegt und der Mann in der roten Jacke beginnt mir leidzutun.

Ich beschließe also, mir das Nächstbeste zu holen, was man auf Jahrmärkten bekommen kann: Eigentlich gesundes Gemüse, das so lange frittiert wird, bis es schmeckt, mit Sahnesoße. Und kaum habe ich es in den Händen, setzt sich auch der VMaxx in Bewegung. Na was hab ich für ein Glück.

VON STEFAN HARTMANN

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