Holger Böwing kehrt morgen in seine Geburtsstadt zurück: Roman über Kindheit in Klötze

„Bin schon innerlich aufgewühlt“

+
Holger Böwing ist gebürtiger Klötzer. In seinem zweiten Roman „Fabler“ hat er seine Kindheit und Jugend in der altmärkischen Kleinstadt thematisiert. Morgen stellt er der 54-Jährige sein Buch in der Klötzer Bibliothek vor.

Klötze. Es wird eine Heimkehr, die von beiden Seiten gespannt erwartet wird. Holger Böwing, ein gebürtiger Klötzer, kommt am morgigen Donnerstag, 27. September, zu einer Lesung nach Klötze.

Auf Einladung der Buchhändlerin Ramona Metzing stellt er um 19 Uhr in der Stadt- und Kreisbibliothek seinen zweiten Roman „Fabler“ vor. Darin beschreibt er seine Kindheit und Jugend in der altmärkischen Kleinstadt, auch wenn es sich, wie Holger Böwing betont, nicht um eine Autobiografie, sondern um Fiktion handelt.

Die AZ sprach mit dem Leiter einer Schule für geistig Behinderte in Herrnhut über sein Buch und seine Erwartungen an die Lesung in Klötze.

Nachdem Ihr erster Roman „Jakob Leising“ 25 Jahre in der Schublade auf eine Veröffentlichung warten musste, wie lange dauerte es, bis „Fabler“ das Licht der Welt erblickt hat? Haben Sie den Roman ebenfalls schon vor vielen Jahren geschrieben ?

Ich habe am „Fabler“ seit etwa acht Jahren gearbeitet. Davon brachte ich zwei mit Recherchen zu, vier mit der Niederschrift und zwei mit kritischer Überarbeitung unter Mithilfe meines Lektors. Da „Jakob Leising“ sich gut verkauft hatte, fand sich mein Verlag sofort für das neue Projekt bereit.

Wie sind Sie dazu gekommen, Bücher zu schreiben. Beide Romane scheinen ja eng mit ihrem Leben verbunden zu sein. Hilft das Schreiben beim Verarbeiten eigener Erlebnisse ?

Ich betrachte das Schreiben eindeutig als einen therapeutischen Akt.

Erstmals mit Geschriebenem in die Öffentlichkeit getreten bin ich seinerzeit übrigens, weil die Klötzer Bibliothek auf Initiative Ramona Metzings Literaturwettstreite veranstaltete. Da gab es 60 Mark der DDR zu gewinnen. In diesem Zusammenhang lernte ich dann auch den Erfolg zu schätzen.

Während sich „Jakob Leising“ eher mit ihrem beruflichen Umfeld beschäftigt, bezieht sich „Fabler“ ja mehr auf das Leben in der altmärkischen Kleinstadt. Können die Leser und Zuhörer aus Klötze im Buch bekannte Figuren wiederfinden ?

Es wird sich nicht vermeiden lassen. Und da ich der Mehrheit dieser Figuren große Liebe und Dankbarkeit entgegen bringe, soll es mir recht sein. Dennoch will ich anmerken, dass es sich bei dem Roman nicht um eine Autobiografie handelt.

Ist es anders, für eine Lesung in die alte Heimatstadt zu kommen – in der dann zufälligerweise auch noch der Roman spielt? Mit welchen Erwartungen gehen Sie an die Lesung am Donnerstag in der Bibliothek heran?

Ich bin jetzt schon innerlich aufgewühlt und werde es am Donnerstag sicher noch mehr sein. Vermutlich werde ich Menschen begegnen, die ich teilweise seit 35 Jahre nicht mehr gesehen habe. Und gemeinsam werden wir uns auf eine Zeitreise begeben. Dieses Kopfkinoerlebnis wird zum Lachen, zum Weinen, zu Empörung und zu Zustimmung anregen. Und so soll es sein, denn ich würde das Anliegen meines Romanes verraten, wenn ich nur die netten Passagen herauspickte.

Besuchen Sie Klötze noch regelmäßig ? Gibt es noch Kontakt zu alten Bekannten oder Schulfreunden ?

Ich habe Klötze beziehungsweise die Altmark während der letzten Jahrzehnte nahezu ausschließlich zu Klassentreffen und Beerdigungen besucht. Diese beiden Anlässe hielten sich von der Anzahl her die Waage. Zu wenigen Schulfreunden, die allerdings ebenfalls die Heimat verließen, gibt es lockeren Kontakt.

Wie Ihre Hauptfigur im Roman haben auch Sie über die Kirche „Zugang zum wirklichen Leben“ gefunden, wie es in einer Rezension heißt. War es in ihrer Jugend schwer, sich zum christlichen Glauben zu bekennen? Gab es dadurch Einschränkungen in Ihrem Lebensweg ?

Da ich von meiner Mutter dazu angehalten wurde, meine kirchlichen Aktivitäten nicht jedem auf die Nase zu binden, erlebte ich keine Einschränkungen auf meinem Lebensweg. Und genau das war wohl auch der Sinn der Geheimniskrämerei… In Herrnhut erst traf ich etliche Leute meiner Generation, denen Abitur und Studium verwehrt wurden, zum Beispiel weil sie Pfarrerskinder waren.

Der Kirche sind Sie treu geblieben. Seit 1991 leiten Sie eine Förderschule der Evangelischen Brüder Unität in Herrnhut. Welche Veränderungen hat es durch die politische Wende in der DDR in Ihrer Arbeit gegeben, wie haben sich die Jugendlichen, mit denen Sie täglich zu tun haben, verändert ?

Mit jedem Jahr nach der Wende stieg und steigt die Anzahl von Kindern und Jugendlichen mit Förderbedarf im emotional-sozialen Bereich rapide. Die Ursachen dafür sind komplex, meines Erachtens aber letztendlich in jedem Fall gesellschaftlicher Natur. Dieser Entwicklung nicht nur durch „kosmetische“ Maßnahmen zu begegnen stellt eine riesige und keineswegs nur durch die Schulen zu bewältigende Herausforderung dar.

Planen Sie schon einen nächsten Roman? Und wird er wieder autobiografische Züge tragen?

Im Laufe der Jahre sind zahlreiche Erzählungen entstanden. Der Verlag und ich planen mittelfristig einen Sammelband. Konkrete Pläne, einen Roman zu schreiben, gibt es noch nicht, aber die Lust darauf schon. Durch meine pädagogische Arbeit habe ich es tagtäglich mit (Kinder)Schicksalen zu tun, die zum Himmel schreien. Auf literarische Weise stellvertretend für wenigstens eines dieser Kinder die Stimme zu erheben, wäre die Mühe wert.

Von Monika Schmidt

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare