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Mit der Simson im ersten Gang auf den Gletscher

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Von: Hanna Koerdt

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Björn Bannier, Thomas Archut, Steffen Jahr und Matthias Schwarz beim Ötztaler Mopedmarathon
Die Kalbenser Simson-Fans Björn Bannier (v.l.), Thomas Archut, Steffen Jahr und Matthias Schwarz nahmen am allerletzten Ötztaler Mopedmarathon teil. © Privat

Von Kalbe zum allerletzten Ötztaler Mopedmarathon ging es für Steffen Jahr, Thomas Archut, Matthias Schwarz und Björn Bannier. Mit knapp 2500 anderen Fahrern fuhren sie an drei Tagen durch die Alpen.

Kalbe – Zehn Kilometer von Sölden zum Tiefenbachgletscher und dabei einen Höhenunterschied von einem Kilometer überwinden. Mag nicht nach viel klingen, aber auf einem Moped sind „13 Prozent Steigung eine Ansage“, selbst für Simsons, die im Straßenverkehr 60 km/h schaffen. „Anders ausgedrückt: Wir sind im ersten Gang mit 20 km/h da rauf“, sagt Steffen Jahr. Der Kalbenser nahm gemeinsam mit Thomas Archut, Matthias Schwarz und Björn Bannier am Ötztaler Mopedmarathon, der in diesem Jahr zum letzten Mal stattfand, teil – ein unvergessliches Erlebnis, das sie mit knapp 2500 weiteren Moped-Fans teilten.

Moped-Fans aus der ganzen Welt

Aus Australien, den USA und vielen anderen europäischen Ländern trafen Moped- und Mofa-Fahrer am vergangenen Donnerstag in Sölden ein, um gemeinsam zu feiern und natürlich zu fahren. Nach zehn Stunden Fahrt von Kalbe nach Sölden und drei Stunden Schlaf schlugen die vier Mildestädter ihr Campinglager auf und dann ging es schon los auf die erste Warm Up-Tour: 3400 Höhenmeter wurden auf einer Strecke von 125 Kilometern überwunden. Auf den Straßen waren 50 Prozent nur Simson-Fahrer unterwegs, aber es kämpften sich sogar Tret-Mofas die Berge hoch.

Zehn Kilometer zum ersten Gletscher

Moped-Fahrer stehen an einem Gletscher
Knapp 2500 Fahrer nahmen am Mopedmarathon teil und fuhren von Sölden aus durch die Alpen. © Privat

Am Freitag startete der Marathon richtig: Gemeinsam machten sich alle auf zu einer Slow-Parade: Ein Musik-Truck, dem alle Teilnehmer auf ihren Zweirädern folgten, startete von der Giggijochbahn auf eine zehn Kilometer lange Strecke zum Tiefenbachgletscher. „Wenn du diesen Gletscher nicht schaffst, brauchst du die große Tour gar nicht mitzumachen“, erklärt Jahr. Die Kalbenser starteten im vierten Gang, mussten aber dann auch ganz schnell runterschalten, „sonst kommst du nicht voran“. Schnell wurde klar, dass die Standardübersetzung der Simsons, mit der sie sonst im Straßenverkehr fahren, nicht für diese Fahrten geeignet war, also wurde sie verkleinert, „sonst quält sich der Motor zu sehr. Und es geht nicht darum, schnell hochzukommen, sondern überhaupt hochzukommen“, so Jahr. Vom Tiefenbachgletscher konnten die Fahrer dann selbst auf die Routen – unterwegs gab es immer wieder Checkpoints – starten. Unter anderem ging es zum höchsten Straßenpunkt Europas, der sich auf einer Höhe von 2798 Metern befindet. „Das war der kälteste Teil“, sagt Thomas Archut, „wir waren im Schnee“, die Temperatur betrug zwischen 4 und 5 Grad Celsius. Die Fahrt am Freitag war auch die schönste, sind sich die Kalbenser Fahrer einig, denn es ging Richtung Vent durch viele Tunnel und Galerien mit tollen Ausblicken, „man konnte schöne Kurven fahren und das Moped auch mal laufen lassen“. Besonders vor den Tunneln „war die Luft blau durch die Zweitakter“, erzählt Steffen Jahr.

Über 94 Serpentinen und Kehren auf die Berghänge

Auf der rund 120 Kilometer langen Tour am Sonnabend wurden in Richtung Südtirol und Italien wieder 4155 Höhenmeter überwunden und es ging durch drei Klimazonen. Die Fahrer waren auf insgesamt 94 Serpentinen bzw. Kehren an Berghängen unterwegs. Eine echte Herausforderung: Enge Straßen mit einer Steigung „zwischen zehn und 14 Prozent“, schätzt Matthias Schwarz. Nicht jede Kehre konnte mit 20 km/h gefahren werden, es musste der Schwung mitgenommen werden, um das Tempo zu halten, „wenn du jemanden vor dir hattest, der langsamer war, hattest du ein Problem“, erklärt Steffen Jahr, nämlich, dass das Moped stehen blieb. Es gab aber auch Fahrer, die wesentlich schneller unterwegs waren, denn auf den Straßen fuhr auch der normale Reiseverkehr, vor allem Autos und Motorräder. Die fast noch größere Herausforderung war es, die Hänge wieder runterzufahren. Manche Fahrer ließen sich mit 100 km/h runterrollen, „aber das war uns zu heiß“, sagt Jahr. „Wir haben Trommelbremsen, die können heiß laufen und gar nicht mehr bremsen.“ An zwei Simsons sind die Hinterradnaben so heiß geworden, dass die Abdeckung vom Kettenschutz schmolz. Insgesamt brauchten die Kalbenser Fahrer aber weniger Ersatzteile als gedacht. „Wir sind heil und die Mopeds sind heil, das war das Ziel“, erzählt Jahr.

Mopedmarathon wurde „beerdigt“

Die Tour, auch die Veranstaltungen am Abend mit Livemusik und die „Beerdigung“ des Marathons am Sonnabendabend „kann man nicht in Worte fassen“, sind sich die Fahrer, die in Vahrholz jährlich das 24-Stunden-Simsonrennen organisieren, einig. „Es war faszinierend, mit dem Moped durch die Alpen zu fahren. Diese Natur, die Eindrücke vergisst du nicht. Irgendwie gab es alle 200 Meter was Besonderes“, fasst Steffen Jahr das Abenteuer zusammen. Dazu gehören auch die vielen Fahrer, die man kennengelernt hat. Zum Beispiel einen Teilnehmer, der von Heilbronn nach Sölden schon 400 Kilometer auf dem Moped gefahren ist, bevor der Marathon startete. Auch ein Team aus Tangermünde trafen die Kalbenser in Sölden. „Man hat viele kennengelernt und sich immer wieder getroffen“, berichtet Jahr und sagt: „Wir hatten nur Spaß, auch wenn es anstrengend war und wir uns hochgequält haben“. Und gesättigt ist die Fahrlust lange nicht: Diesen Freitag geht es für sie zum größten Simsontreffen Deutschlands nach Suhl.

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