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Ein Raum für kreatives Chaos in Kalbe

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Von: Hanna Koerdt

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Marko Kühnel sitzt auf dem Billardtisch in seinem Unordnungsamt in Kalbe
Marko Kühnel hat das ehemalige Fitnesscenter an der Gartenstraße gekauft und gestaltet es um. In seinem Unordnungsamt, wie er es genannt hat, sollen künftig Konzerte und Co. stattfinden. © Hanna Koerdt

Ein Unordnungsamt gibt es seit kurzem in Kalbe. Hier sollen Bands und andere kreative Köpfe vorgeladen werden, um die Kulturlandschaft der Mildestadt zu bereichern, sagt der Eigentümer Marko Kühnel.

Kalbe – Kalbe hat ein neues Wappentier: Ein Waschbär schaut frech von der Fahne des Unordnungsamtes der Stadt Kalbe. Diese Spaß-Behörde soll künftig ein Platz für Kultur und das „kreative Chaos“ sein, sagt der Kalbenser Marko Kühnel, der das Areal an der Gartenstraße gekauft hat.

Fünf Jahre lang lag das Grundstück, auf dem sich einst ein Karatezentrum, zuvor auch mal ein Veterinäramt, zuletzt aber eine Pizzeria befanden, im „Dornröschenschlaf“, erzählt Marko Kühnel. „Als Kalbenser hat man ja manchmal Scheuklappen auf“, denn eigentlich war es eine Freundin der Familie Kühnel, die bei einem Treffen meinte, dass das Grundstück ja einiges Potenzial biete. Darüber dachte Marko Kühnel nach, sprach mit seiner Frau Nicole über Ideen und Möglichkeiten für das Areal und „dann haben wir es gekauft, ohne so genau zu wissen, was da vor uns liegt“, erzählt der Kalbenser.

Seit knapp einem Jahr gestaltet und baut er die Gebäude und das Außengelände um. Eines der ersten Dinge, die er schuf, war ein Volleyballplatz auf dem Hof. Bei gutem Wetter wird jeden Sonntag gespielt. In der früheren Pizzeria soll die neue Wohnung der Familie entstehen, das ehemalige Sportcenter aber soll nicht nur die Frisierstube von Nicole Kühnel beherbergen, sondern auch ein Veranstaltungsort werden, in dem in unregelmäßigen Zeitabständen „Konzerte in jedem Genre, aber auch Kinderkino, Lesungen oder auch kleine Theaterstücke stattfinden“, stellt sich Marko Kühnel vor. Dauerhaft „Remmidemmi“ werde es aber nicht geben, betont der Kalbenser – das Unordnungsamt wird kein regelmäßiger Probenraum für Bands und keine dauer-geöffnete Kneipe sein. Denn schließlich sind er und seine Frau beide berufstätig und das Grundstück befindet sich in einem bewohnten Gebiet mit Nachbarn. Einen Testlauf mit einem Konzert für geladene Gäste gab es im September bereits, um zu sehen bzw. zu hören, ob die Schalldämmung des Veranstaltungsraums funktioniert. Die Nachbarn waren informiert und berichteten hinterher, dass sie vom Konzert nicht viel mitbekommen hatten, eher „die Gespräche, die draußen geführt wurden“, erzählt Kühnel.

Im Unordnungsamt, in dem sich dann das Meiste in der „alten Zechprellerei“ – wo eine Bar und ein Billardtisch stehen – und im „Weltraum“ – in dem die Bühne steht – abspielen wird, soll der Kreativität Raum gegeben werden. Ein wenig soll es anknüpfen an die Zeiten des Kulturbahnhofs, deren Veranstaltungen, wie zum Beispiel das Entgleisfestival, die Kühnels auch mitorganisierten. Damals noch in einem dafür geschaffenen Verein. Auf einen solchen verzichtet das Paar diesmal, denn dann braucht es „keine zehn Köpfe für Entscheidungen. Nicole und ich haben alleine den Hut auf“. Es gibt aber viele Freunde, die ihnen trotzdem gerne bei allem helfen und von der Idee begeistert sind. Und einige, die hoffentlich künftig im Weltraum auftreten, denn durch das Engagement für den Kulturbahnhof hat das Paar noch immer Kontakt zu Musiker- und Künstler-Freunden in ganz Deutschland.

Auf den Namen Unordnungsamt kam Marko Kühnel durch einen solchen Aufkleber, den er beim Fusion-Festival sah. Es amüsierte ihn, dass der eigentliche Begriff quasi in sein Gegenteil verdreht wurde. Noch 50 andere Namensideen schwirrten ihm im Kopf herum, aber „ich konnte gar nichts dagegen machen, dass das Wort immer blieb“, so Kühnel. Der Name sei „ironisch, mit einem seriösen Anstrich“, findet Kühnel und erklärt: „Einer muss sich ja auch darum kümmern, dass die Unordnung nicht so schlecht dasteht, dass das kreative Chaos seinen Platz hat“. Und so lässt er auch schon seiner Kreativität freien Lauf, zum Beispiel in der Gestaltung des Weltraums oder auch mit „Knöllchen“ für zu gerades Parken und Postkarten, auf denen der Waschbär verordnet, dass man sich bitte daneben benehmen soll. Der Waschbär integriert sich hier im Übrigen auch: Er steht für Frechheit, Neugier und Chaos, trägt aber als Unordnungsbeamter eine Krawatte, die für Ordnung und Seriosität steht.

Als Konkurrenz zu den Angeboten des Künstlerstadtvereins sieht Marko Kühnel, der mit Nicole auch Mitglied in dem Verein ist, das Unordnungsamt nicht. „Das hat uns eher noch bestärkt. Wir genießen die Kultur, die dort geboten wird, das ist außergewöhnlich für eine Kleinstadt. Eine Erweiterung des Angebots kann für Kalbe nur ein Plus sein. Die Vielfalt der Kultur macht´s spannender“, findet Marko Kühnel.

Im Frühjahr soll es einen Flohmarkt auf dem Grundstück geben, den Nachbarn und Interessierte auch zum Kennenlernen nutzen sollen. Und dann soll auch das erste offizielle Konzert folgen. Aber vorher müssen noch ein paar bürokratische Herausforderungen genommen werden und sich die Corona-Situation wieder entspannen. Denn auch für ein Unordnungsamt gibt es dann doch ein paar Regeln.

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