„Training“ für Störenfriede

Schulsozialarbeiterin Nicole Geißler stellte das Projekt „Trainingsraum“ am Montagabend während der Schulgesamtkonferenz vor.Foto. Biermann

Kalben - Von Gesine Biermann. „Wer stört fliegt raus!“ Manchmal müssen auch Lehrer an der Kalbenser Sekundarschule zu solch rigorosen Maßnahmen greifen. Im kommenden Schuljahr sollen Störenfriede allerdings nicht mehr auf Schulfluren herumlungern. Dann wird es hier heißen: „Wer stört, geht in den Trainingsraum!“

Wer dort aber Hantelbänke oder Spinningräder erwartet, liegt natürlich völlig falsch. Trainieren sollen die Jugendlichen hier zwar wirklich. Allerdings eher ihre grauen Zellen. Die nämlich müssen sie bemühen, um sich selbst kritisch einzuschätzen. Dass das möglich ist, sogar in Härtefällen, beweist das Trainingsraum-Projekt, das seit drei Jahren an einer Eilslebener Sekundarschule erfolgreich läuft.

Genau dort hatte sich Schulsozialarbeiterin Nicole Geißler kürzlich mal genauer umgesehen. Wie das Prinzip funktioniert, erläuterte sie nun den Mitgliedern der zweiten Schulgesamtkonferenz.

„Die Grundidee“, so erklärte sie den Lehrern und Schülern, beruhe auf drei Faktoren: „Jeder Schüler hat ein Recht darauf, ungestört zu lernen, jeder Lehrer, ungestört zu unterrichten, und alle haben ein Recht auf Respekt.“

So sollen Fachlehrer künftig nicht mehr lange herumdiskutieren müssen, versprach Nicole Geißler, sondern handeln können. „Die zweite Ermahnung für einen Störer bedeutet, dass er in den Trainingsraum geschickt wird.“ Dort müsse der Schüler oder die Schülerin eine Selbsteinschätzung verfassen und einen Lösungsvorschlag schreiben.

Dass da „dann wohl immer wieder dasselbe“ auf dem Blatt stehen werde, dass könne sie sich zwar gut vorstellen, so Geißler. Dennoch bat sie die Anwesenden, die psychologische Wirkung der Maßnahme nicht zu unterschätzen. „Niemand wird gern ausgegrenzt“, versicherte sie. Und im Trainingsraum müsse sich der Störer auch ganz bewusst mit seinem Fehlverhalten auseinander setzen. Denn wenn der Lehrer nicht mit den schriftlich vorgeschlagenen Verhaltensänderungen einverstanden sei, könne er den Schüler auch wieder in den Trainingsraum zurückschicken.

Wichtig sei aber auch, dass man den Störenfrieden die Plattform entziehe, sich vor den eigenen Mitschülern als besonders cool darzustellen.

Die übrigens, auch das betonte die Schulsozialarbeiterin noch einmal ausdrücklich, würden in der Mehrzahl lieber ungestört lernen. Auch wenn der eine oder andere mal über eine Störaktion kichert. „Ruhe“ gehört laut aktuellen Umfragen zu den wichtigsten Lernbedingungen, die sich Schüler wünschen.

Wie sich die Trainingsraummethode ganz konkret an der Bördekreisschule ausgewirkt hatte, dazu konnten sowohl Nicole Geißler als auch Schulleiter Horst Kühle beeindruckende Aussagen machen. So gibt es hier laut Angaben der Eilslebener nicht nur deutlich weniger Erkrankungen im Kollegium, sondern auch eine ganz erhebliche Steigerung der Schulabschlüsse. „Mit dem Trainingsraum konnten hier im vergangenen Schuljahr alle Hauptschüler – auch jene, die als sehr stör- und somit auch wenig leistungsbereit galten – ihr Hauptschulzeugnis erreichen.“ In Kalbe waren es im vergangenen 7 von 14 Jungs und Mädchen in der Hauptschulklasse, die genau das nicht schafften.

Die neue Methode sei auch deshalb so erfolgreich, vermutete der Rektor, weil hier niemand ausgegrenzt werde. Denn auch im Trainingsraum habe der Störenfried Aufgaben zu erledigen. Die Betreuung, die von der zweiten bis zur siebten Stunde gewährleistet sein müsse, sei indes „gar nicht so schwer zu organisieren“, versicherte Kühle.

So vielen Argumenten konnten sich schließlich auch die Konferenzteilnehmer nicht verschließen. Einstimmig befürworteten sie das Projekt. Ab August 2010 gibt es also mitten im Schulhaus einen Trainingsraum – ohne Hanteln.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare