Auskofferung und nichts anderes

Thema „Silbersee“: Politik, Behörden, BI und Bürger kommen nur schwer zusammen

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Im Podium: Kurt Schnieber (LAGB, v.l.), Andreas Scheck (Neptune Energy), Wirtschaftsstaatssekretär Thomas Wünsch und Wirtschaftsminister Armin Willingmann.

Kakerbeck – Bis auf ein paar Ausnahmen, vorwiegend am Podium, gingen alle Hände in die Höhe, als am Montagabend im vollen Kakerbecker Dorfgemeinschaftshaus Christfried Lenz, der Sprecher der BI „Saubere Umwelt und Energie Altmark“, eine Resolution zur Abstimmung stellte.

Ihre Aussage: Es wird eine Auskofferung der Giftschlammgrube gefordert. Denn ausschließlich durch diese könne nie wieder eine Gefahr für Mensch und Natur von ihr ausgehen.

Alle Arme gingen nach oben: Die Bürger fordern eine Auskofferung der Bohrschlammgrube Brüchau.

Fast schon „überwältigend“, so Kalbes Bürgermeister Karsten Ruth, war die Zahl der Anwesenden bei der dritten sogenannten Kalbe-Runde, die für alle Beteiligten Transparenz in den Untersuchungsstand der Brüchauer Bohrschlammgrube geben soll. Ruth begrüßte im Podium unter anderem Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Armin Willingmann und Dr. Andreas Scheck, Geschäftsführer der Betreiberfirma Neptune Energy Deutschland.

Überwältigend zwar, doch wundern würde er sich ob des großen Interesses nicht, so Ruth, der die Versammlung gemeinsam mit der Grünen-Landtagsabgeordneten Dorothea Frederking leitete. Seit 2015 ist der „Silbersee“ Gegenstand hitziger Debatten, hinsichtlich der geeigneten Art und Weise seiner Stilllegung. Betrieben wird die Grube, in der ab 1971 rund 290 000 Tonnen bergbaulicher toxischer Abfälle (etwa 180 000 Tonnen Flüssigkeiten wurden seither wieder entnommen) sowie rund 5000 Tonnen bergbaufremder Abfälle eingelagert wurden, seit 2012 nicht mehr.

2017 wurde ein Sonderbetriebsplan erarbeitet, der eine Reihe von Untersuchungen zu Beschaffenheit und Inhalt der Grube festlegt, um dann erst die Sanierung zu entscheiden. Im Sommer 2018 liefen geoelektrische Messungen auf dem Gelände. Es seien Anomalien an mehreren Stellen aufgetaucht, die die elektrische Leitfähigkeit des Deponats beeinflussen. erklärte Andreas Scheck. Jetzt wird weiter untersucht, ob die Ursache dafür ist, dass salzhaltige Flüssigkeiten nach unten austreten oder ob dort metallische Gegenstände liegen.

Für Christfried Lenz stellt sich diese Frage nicht mehr. Er verwies auf das Gutachten der Messungen: „Aufgrund der sehr niedrigen Widerstandswerte liegt eine Ursache durch Infiltration des salinaren Überstandswassers nahe“, heißt es darin. Aus den Anomalien ziehe „der eine solche, der nächste eine andere Schlussfolgerung“, so Salzwedels Landrat Michael Ziche. Er brachte die Stimmung damit auf den Punkt.

Teils wurde am Montagabend Neptune Energy, Kurt Schnieber, Präsident des Landesbergbauamtes, und Armin Willingmann unterstellt zu lügen und alle Untersuchungen darauf auszurichten, dass die finanziell billigere Stilllegungsvariante ausgewählt werden darf. Beteuerungen, dass Geld hier keine Rolle spiele, werden offensichtlich als Floskeln wahrgenommen. Fakt sei, so erklärt Jürgen Stadelmann, der Leiter der Landesanstalt für Altlastenfreistellung, auf Nachfrage der Altmark-Zeitung, dass die 20 Millionen Euro, von denen bisher für die Auskofferung gesprochen wurde, „lange nicht reichen werden, das wissen wir“.

Allerdings liege Brüchau damit trotzdem preislich nur im Mittelfeld, was Kosten für Sanierungen der Bohrschlammgruben in Sachsen-Anhalt angeht. Am Montagabend wurde auch erneut gefragt, warum die Grube unter das Bergbaurecht und nicht Abfallrecht fällt. Denn laut Abfallrecht müsse sie beräumt werden. Kurt Schnieber verweist gegenüber der AZ allerdings darauf, dass er sich lediglich an das Gesetz halte, es aber nun mal nicht mache – „die Leute müssen den Gesetzgeber fragen“, so Schnieber.

Die psychische Belastung insbesondere bei den Brüchauern ist groß. Sie haben Angst um ihre Gesundheit wie auch um ihre Existenzen. Angesichts all der widersprüchen Aussagen, die aus den beiden „Silbersee“-Lagern artikuliert werden, und der langen Zeit, die vergangen ist, ohne dass eine Entscheidung der Sanierung feststeht, ist ihr Misstrauen und die Forderung nach der Auskofferung wohl nachvollziehbar.

Ob diese tatsächlich die beste Idee ist, wurde am Montagabend allerdings auch infrage gestellt. Im Publikum saß Toxikologin Prof. Dr. Heidi Foth aus Halle und erklärte, dass es für die Umwelt durchaus ein viel dramatischerer Eingriff sein könnte, Mobilität in den Grubeninhalt zu bringen, als ihn einzuhegen und zu belassen. Aus ihrer Sicht müssten erst viele wichtige Rahmenfragen beantwortet werden, damit der Schaden nicht größer werde als der Nutzen.

Eine Kehrtwende, dass sich die Untersuchungen ab sofort auf das Ziel Auskofferung ausrichten, hat es abermals nicht gegeben. Die Untersuchungen laufen wie geplant weiter. 21 von 29 Bohrungen für weitere Messstellen sind erfolgt, die Ergebnisse sollen Anfang 2020 präsentiert werden.

Ganz gewiss muss der Kenntnisstand der eingelagerten Gifte und Stoffe, egal ob Auskofferung oder Abdeckung, geschlossen werden. So berichtete Rolf Horn aus Jemmeritz den Anwesenden der Kalbe-Runde, dass er selbst im Auftrag der LPG in der Grube ganze Fässer, die mit Arsen gefüllt waren, versenkt hatte. „Ich fühle mich nicht schuldig, aber ich habe die Verantwortung, das zu sagen“, so Horn, der dann dazu aufforderte, dass sich jeder, der ähnliches getan hat, es ihm gleich tun sollte.

VON HANNA KOERDT

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