Kakerbecker Ortschaftsräte erörtern Schließungsvarianten der Deponie Brüchau / Bedenken wegen Gesundheitsrisiken

Silbersee sollte komplett entsorgt werden

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Der Kakerbecker Ortschaftsrat beriet am Dienstagabend über die Schließungsvarianten der Bohrschlammdeponie Brüchau. Und diskutierte über die gesundheitlichen Gefahren.

Kakerbeck / Brüchau. Die Bohrschlammdeponie Brüchau, in der Region auch als „Silbersee“ bekannt, soll ab 2017 geschlossen werden. Auf welche Weise, darüber wurde am Dienstagabend während der Ortschaftsratssitzung in Kakerbeck diskutiert.

Oberste Priorität, jedenfalls für die Bürger, hat eine Schließungsvariante, die absolut sicherstellt, dass ihre Gesundheit nicht gefährdet wird. Denn über die Gesundheitsgefährdung, die von der Deponie ausgeht, wird in der Bevölkerung gezweifelt.

Von 1972 bis zum 30. April 2012 wurde in der Deponie ölkontaminiertes Material und andere feste und flüssige Produktionsabfälle aus der Erdgasförderung eingelagert. Vor kurzem hatte die Landtagsabgeordnete Dorothea Frederking (Bündnis 90/Die Grünen) bezüglich des Silbersees eine sogenannte „Kleine Anfrage“ an die Landesregierung gestellt, aus der hervorgeht, dass seit 1977 weitere Abfälle aus anderen Industriezweigen der DDR eingelagert wurden. Die Landesregierung hatte dem Antwortschreiben an Frederking auch eine Auflistung der wesentlichen, sich in der Deponie befindlichen, Schadstoffe beigefügt. Darin befinden sich unter anderem 35 Tonnen feste Pestizide, 250 Tonnen reines Quecksilber und vier Tonnen Quecksilberverbindungen, 27,9 Tonnen Cyanide und weiterhin verschiedene Säuren sowie Arsen-, Chrom- und Cadmium-Verbindungen (Quelle: Endbericht zur „Erarbeitung einer Vorzugsvariante zur Schließung der Deponie und Beendigung der Bergaufsicht“).

Christfried Lenz, der sich in der Bürgerinitiative gegen ein CO2-Endlager Altmark engagiert hat und bei der Ortschaftsratssitzung in Kakerbeck anwesend war, hat vor kurzem, wie er berichtete, im Landesamt für Geologie und Bergwesen (LAGB) in Staßfurt Einsicht in die die Brüchauer Deponie betreffenden Unterlagen erhalten. Er führte am Dienstagabend noch viele weitere Stoffe auf, die im Silbersee eingelagert sind.

Eine Gefährdung der Gesundheit soll allerdings nicht bestehen. Seit den 1990er Jahren wurden im Auftrag der Betreiberfirma Gaz de France (GDF) Suez E&P Deutschland in Abstimmung mit der Landesanstalt für Altlastenfreistellung (LAF), dem Umweltamt des Landkreises sowie dem LAGB mehrere Gutachten erstellt und Kontrolluntersuchungen durchgeführt.

Christfried Lenz zitierte aus Gutachten über den Silbersee.

Trotzdem wurde bei der Ortschaftsratssitzung deutlich, dass die Bürger an der Aussagekraft der Gutachten zweifeln. Die Ängste beziehen sich vor allem auf die Abdichtung zum Grundwasser. So äußerten die Ortsräte ihre Vermutung, dass etwas vorgefallen sein müsse, weil vor einiger Zeit eine Spundwand an einer Seite des Sees eingesetzt wurde. „Das, was da steht, glaube ich nicht“, so Horst Schernikau. Christfried Lenz verlas dann auch Auszüge aus den von ihm gesichteten Unterlagen und machte darauf aufmerksam, dass es sich beim Untergrundmaterial nicht um eine „homogene Lehmschicht“ handele, sondern um einen „tonigen, sandigen, schwach kiesigen Schluff (...), also einen Mischmasch“, so Lenz. Noch einige andere Sätze in den Dokumenten würden stutzig machen. Wie zum Beispiel, dass die Bewertung möglicher Fließwege von Schadstoffen im Untergrund wegen des inhomogenen Untergrundaufbaus erschwert seien. Und, so zitierte Lenz aus den Unterlagen, dass die festgestellten Grundwasserbelastungen keine konkreten Gefährdungen für die menschliche Gesundheit darstellen würden, da das betroffene Grundwasser nicht zu Trink- und Brauchzwecken genutzt werde – eine „Pauschal-Formulierung“, so Lenz. Die skeptischen Blicke und das Raunen der Anwesenden im Kakerbecker Dorfgemeinschaftshaus zeigten deutlich die Zustimmung.

Derzeit laufen die Planungen zur Schließung der Deponie. Der Entwurf zu den Schließungsvarianten wurde im Juli unter anderem mit Vertretern der Betreiberfirma, der LAF und LAGB, mit Kreis-Umweltamtsleiter Herbert Halbe, Kerstin Schulz vom Kalbenser Bauamt sowie Kakerbecks Ortsbürgermeister Ulf Kamith in Magdeburg erörtert. Der Planer, so Kamith, sei derzeit dabei, den Entwurf zu überarbeiten. Bisher aber werde eine Oberflächenabdichtung (mehrere Schichten) bevorzugt. Die Kosten würden etwa 3,6 Millionen Euro betragen. Eine Dekontanimierung, also die komplette Entsorgung des Deponiematerials, wurde auf über 20 Millionen Euro geschätzt. Die Kosten für die Stilllegung der Deponie trägt zu 90 Prozent das Land Sachsen-Anhalt und zu zehn Prozent die GDF Suez E&P Deutschland, wie dem Antwortschreiben des Landes an Dorothea Frederking zu entnehmen ist.

Der Ortschaftsrat sprach sich einstimmig dafür aus, dem Kalbenser Stadtrat zu empfehlen, sich für eine Dekontanimierung einzusetzen. „Ein Menschenleben hat keinen Preis“, argumentierte Ratsmitglied Steffen Lötge. Man müsse „von hier aus ein klares Signal senden“, meinte Mirko Wolff, der sich im September für die Grünenpartei als Dirketkandidat (Wahlkreis 2, Gardelegen) für die Landtagswahl aufstellen ließ und in Kakerbeck zu Gast war. Noch stehe die Entscheidung zur Schließungsvariante aus. Aber nötigenfalls würde man auch eine Bürgerinitiative gründen.

Von Hanna Koerdt

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