Vor 120 Jahren gründete Albert Wischeropp einen Bäckerladen und noch heute wird nach den alten Rezepten gebacken

So schmeckt die Packebuscher Kindheit

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Blech um Blech um Blech: Axel Egger, der die Bäckerei Wischeropp in Packebusch in vierter Generation führt, hat in den vergangenen Wochen im Akkord Plätzchen gebacken.

Packebusch. Sie schmeckt süß, die Packebuscher Kindheit. Genauer gesagt, schmeckt sie vielen, die im Dorf groß geworden sind, nach zartem Mürbeteig, fruchtiger Marmelade, nach süßer Buttercreme und schokoladiger Glasur. Denn daraus bestehen die Schiffchen, die es seit. .

. ja, seit wann eigentlich? Das Rezept jedenfalls stammt aus dem Jahr 1897. Verkauft wurden die Schiffchen aber wohl erst deutlich später. Jedenfalls gibt es sie noch heute in der Bäckerei Wischeropp. Und wenn Kunden, die hier schon nicht mehr wohnen, aber ihre Familien besuchen, die Bäckerei am Dorfplatz betreten, freuen sie sich: „Die kennen wir noch aus der Kindheit. Sie schmecken wie früher. “.

Die Bäckerei Wischeropp schaut seit September auf eine 120-jährige Betriebsgeschichte zurück. Das Jubiläum wurde nicht groß gefeiert, das 125. dann aber wieder, sagen Petra und Axel Egger. Sie führen den Laden in vierter Generation.

Von Vater zu Sohn

Petra Egger bereitet die traditionellen Schiffchen in der Konditorei zu.

Begonnen hatte alles am 27. September 1897. An diesem Tag eröffneten Albert und Emma Wischeropp ihren Bäckersladen in Packebusch. Verkauft wurden in der Woche, so war es damals, ausschließlich Brot und Brötchen. Und es wurde noch bei Kerzenschein gebacken, erzählte einst Elfriede, die Bäckersfrau der zweiten Wischeropp-Generation, ihrer Schwiegertochter Marlene, der Mutter von Axel Egger. Albert und Emma hatten sieben Kinder, darunter den Sohn Heinrich. Und er trat in die Fußstapfen seines Vaters, erhielt am 7. November 1935 den Meisterbrief und führte ab dem Zeitpunkt das Geschäft. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, musste er allerdings als Soldat an die Front. Also kümmerten sich Heinrichs Frau Elfriede und ihre Schwiegereltern darum, dass es im Laden weitergeht. „Es gab ja keine Supermärkte, es war wichtig, dass der Bäcker im Ort erhalten bleibt. Die Leute brauchten ja Brot“, betont Axel Egger. Und zwar auch im Umland: Emma war noch mit einer Verkaufskiepe unterwegs, dann wurden die Backwaren von einem Pferdewagen aus verkauft, bis 1961 ein Opel gekauft wurde. Heinrich, der nicht allzu lange im Krieg war, starb recht früh und so übernahm 1965 sein Sohn Horst das Geschäft. Er war damals 24 Jahre alt. Er war Bäckermeister und Konditor. Ab da erweiterte sich das Angebot der Bäckerei auch stetig. Für die Wochenenden wurden Blechkuchen gebacken, es gab Cremegebäck wie Mohrenköpfe, Liebesknochen und die köstlichen Schiffchen. Und Torten gab es schließlich auch auf Bestellung, für Feiern und passend gemacht zu verschiedenen Anlässen.

Bäcker und Konditor: Berufung, nicht Beruf

Die Liebe zum Fach entdeckte auch Horsts und Marlenes Sohn Axel Egger früh in sich. Erst wurde er in Stendal zum Konditor ausgebildet und lernte anschließend im Familienbetrieb den Beruf des Bäckers, bis er 1989, nach zwei Jahren Meisterschule in Magdeburg, als 21-Jähriger seinen Meisterbrief erhielt. Er war damit jüngster Bäckermeister im Kreis Kalbe. Auch Petra lernte in Stendal den Beruf der Konditorin, im gleichen Betrieb, allerdings zeitversetzt. 1992 heirateten die jungen Leute. 1995 kam Tochter Annalena zur Welt. Sie ist der Tradition der Familie in beruflicher Hinsicht aber nicht gefolgt. „Sie musste viel auf Mama und Papa verzichten“, sagt Petra Egger. Denn, so schön der Beruf auch ist, so anstrengend und zeitintensiv ist er auch. „Familienausflüge gab es nicht, es sei denn, ein Feiertag fiel mal günstig.“ Drei Wochen Urlaub macht die Familie im Jahr, eigentlich sind es aber doch nur zwei. Denn in der dritten „Urlaubswoche“ wird alles vorbereitet, damit der Laden in einer Woche wieder öffnen kann. Zum Beispiel werden die Rohstoffe angeliefert und der Sauerteig muss angesetzt werden.

Tradition statt Industrie

Zwar mag sich vieles in 120 Jahren verändert haben, aber eines ist doch gleich geblieben. Nämlich, dass hier noch echtes Traditionshandwerk betrieben wird, mit Zutaten, für die man kein Diplom in Chemie benötigt, um zu wissen, was da in den Backwaren enthalten ist. In den vergangenen Jahren haben Unverträglichkeiten und Allergien zugenommen, weiß Petra Egger: „Hier wissen die Leute, was drin ist und sie kommen auch extra hierher und sagen: ‘Euer Brot kann ich wenigstens essen.’“ Keine Fertigsauerteige, keine Backmischungen, keine eingefrorenen Brote und Brötchen vom Fließband eines Konzerns. „Ich will Bäcker sein nach alter Tradition“, sagt Axel Egger. Und so beginnt sein Arbeitstag um 0.30 Uhr. Petra fängt im Konditorei-Raum, wo es deutlich kühler sein muss als in der Backstube, um 5.30 Uhr an. Während sie die Schiffchen zubereitet, oder die Mohntorte, arbeitet ihr Mann in der Backstube mit einem Gesellen und einer Backstubenhilfe. Einen Lehrling hatten die Eggers seit sieben Jahren nicht mehr. Es bewirbt sich einfach keiner. Um Backwaren herzustellen oder einen eigenen Bäckerladen aufzumachen, braucht man in Zeiten von industriellen Großbäckereien, die alles anliefern, auch keinen Meisterbrief mehr, der im Übrigen 20 000 Euro kostet.

In Packebusch, da steht aber eben noch der Bäckermeister selbst in der Stube. Zwar mit modernen Geräten, aber es wird gebacken, statt nur aufgebacken. Im Dezember, da wurden natürlich besonders viele Stollen und Plätzchen gemacht. Wie das Spritzgebäck, das einem auf der Zunge zergeht, so buttrig zart ist es. Oder der Elisen-Lebkuchen, der irgendwie fruchtiger und saftiger schmeckt als der, den man sonst kennt. Auf die alten, gut gehüteten Familien-Rezepte und frische Zutaten ist eben Verlass. Und vielleicht findet sich ja noch ein Lehrling, der diese Traditionen und das Handwerk erhalten will.

Sodass der Geschmack der Schiffchen auch noch weiteren Generationen erhalten bleibt.

Von Hanna Koerdt

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