BI zeigt Dokumente im Magdeburger Wirtschaftsausschuss, die Entsorgung belegen sollen

Brüchau: Radioaktive Abfälle im Fokus

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Mit Trommeln, Megaphonen, Bannern und Protest-Schildern demonstrierten gestern vormittag knapp 50 Brüchauer und Kakerbecker sowie noch andere Unterstützer für eine Entsorgung der Bohrschlammgrube Brüchau.

Brüchau / Magdeburg. Schon mehrfach wurde in Ausschüssen in Magdeburg die Sanierung der Bohrschlammdeponie Brüchau besprochen. Doch im Zuge der gestrigen Sitzung des Wirtschaftsausschusses kamen Informationen zu Tage, die so noch nicht kommuniziert wurden.

Nämlich, dass dort radioaktive Schlämme und radioaktiver Schrott eingelagert wurden.

In Brüchau startete am Donnerstagmorgen der Bus, der die knapp 50 Demonstranten aus dem Ort sowie aus Kakerbeck zum Magdeburger Landtag brachte, wo demonstriert wurde.

Wasserbau-Ingenieur Bernd Ebeling, der in der kurzfristig auch für die Öffentlichkeit zugelassenen Sitzung für die Bürgerinitiative „Saubere Umwelt und Energie Altmark“ redete, erklärte den Ausschussmitgliedern, dass in Brüchau radioaktiv kontaminierte Reinigungsrückstände aus Rohrleitungen und Anlagen der laufenden Erdgasproduktion eingelagert wurden. Er zog unter anderem eine Strahlenschutzordnung von 1995 der einstigen Betreiberfirma „Erdöl-Erdgas Gommern GmbH“ (Niederlassung Salzwedel) der Brüchauer Deponie sowie ein Gutachten des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit von 2007 hinzu, aus dem hervorgeht, dass aktive Schlämme, die an Sammelstationen anfielen, in „größeren Mengen“, wie es dort heißt, in die Deponie nach Brüchau gebracht wurden. Dies widerspreche den Aussagen von Frank Ranneberg vom Wirtschaftsministerium (Referat für Bergbau, Geologie und Rohstoffsicherung) in einer E-Mail an Christfried Lenz (BI) vom Juli 2017, in der es heißt, dass „keine radioaktiven Abfälle, die in den Geltungsbereich der Strahlenschutzverordnung fallen, in die Deponie verbracht“ wurden. Ebeling führte außerdem an, dass Zeitzeugen – ehemalige Mitarbeiter der Deponie und Bürger – ausgesagt hätten, dass Erdgasschrott wie radioaktiv belastete Bohrköpfe, Sprühkolonnen usw. in der Grube entsorgt worden waren. Dies alles sowie die erhöhten Werte des radioaktiven Stoffes Radium in Deponiebrunnen ergäben „ein schlüssiges Bild“, so Ebeling.

Mal probieren? An einer „Bar“ wurde symbolisch aufgezeigt, welche Stoffe unter anderem in der Deponie lagern.

„Das ist natürlich ein Ding. Wir haben das schon lange vermutet, aber aus öffentlichen Dokumenten war es nicht zu entnehmen“, so die Grünen-Abgeordnete Dorothea Frederking nach der Sitzung. Und auch der Abgeordnete der Linken-Fraktion, Andreas Höppner, fragte schon während der Sitzung, wieso dies bisher noch keine Erwähnung fand. „Das ist für mich eine Neuheit“, so Höppner gegenüber der Altmark-Zeitung. Vorher sei eine Entsorgung radioaktiver Stoffe nicht deutlich geworden, auch nicht von behördlicher Seite. Für beide Landtagsabgeordnete stehe somit fest: Eine komplette Auskofferung der Deponie sei der einzig richtige Weg.

Die Frage der Dichtigkeit der Deponie sehen Höppner und Frederking als beantwortet: „Aus unserer Sicht (Die Linke, Anm. d. R.) ist die Undichtigkeit erwiesen. Keiner kann garantieren, dass die Deponie dicht ist und bleibt“, so Höppner. Auch Dorothea Frederking sagt: „Für mich scheint nur der Rückbau der Deponie als Lösung geeignet.“ Doch vorher seien weitere Untersuchungen zur Qualität und Quantität des Gruben-Inventars unbedingt erforderlich. Dies habe auch der Geschäftsführer der Landesanstalt für Altlastenfreistellung des Landes Sachsen-Anhalt, Jürgen Stadelmann, klargemacht. So seien auch für die eventuelle Auskofferung exakte Daten zum Inventar nötig. Weitere Untersuchungen zur Dichtigkeit hält Dorothea Frederking allerdings nicht für notwendig: „Es gibt mehrere Belege, dass die Deponie undicht ist“.

Anders sieht das der wirtschaftspolitische Sprecher der CDU-Fraktion im Landtag, Ulrich Thomas. So sei von den zuständigen Behörden aufgezeigt worden, dass das Wasser nur in sehr tiefen Bereichen belastet sei und dies auf einen früheren Fehler bei der Entsorgung zurückzuführen sei. „Die Radioaktivität ist gering und fällt bei der Reinigung immer an“, so Thomas. Auch die Aussagen von LAGB-Präsident Kurt Schnieber über langjährige, insgesamt 1500 erfasste Probenuntersuchungen würden zeigen, dass „akut keine Gefahr für die Gesundheit“ bestehe. Man solle deshalb keine unbedachten Aussagen treffen, sich die entsprechende Zeit nehmen „für ein transparentes Verfahren“, um „mit gebotener Sorgfalt eine langfristige und nachhaltige Lösung zu finden. Eine schnelle Lösung ja, aber keinen Schnellschuss“, so Thomas gegenüber der AZ. Die Entsorgung der radioaktiven Schrottteile sieht auch er kritisch: „Das ist bedenklich und sollte in die Gesamtbetrachtung mit einbezogen werden.“

Für die Bürger vor Ort ergriff in der Sitzung der Brüchauer Jürgen Bammel das Wort. Er berichtete davon, welche großen Ängste in Brüchau und der Region herrschten. So gebe es ständig Widersprüche, die von den zuständigen Behörden nicht klar aufgeklärt würden. Teilweise herrsche auch eine Resignation unter den Bürgern, die durch die bisherigen Vorgehensweisen der Verantwortlichen vermuten, dass „sowieso die da oben unter einer Decke stecken und zusammenhalten“, so Bammel gegenüber der AZ. „Die Politiker sind von uns gewählt, sie müssen sich für uns einsetzen“, ist nicht nur der Brüchauer der Meinung. Andernfalls dürfe man sich nicht wundern, wenn die Menschen künftig ganz andere politische Vertreter wählten. Ihre Meinung machten gestern knapp 50 Brüchauer und Kakerbecker vor dem Landtag kund, die dort mit Schildern und Bannern demonstrierten.

Ursprünglich sollte sich auch die Betreiberfirma „Engie“ in der Sitzung äußern. Doch die Teilnahme wurde kurzfristig abgesagt. Ein „Affront“ gegen den Ausschuss, sagte Andreas Höppner. Engie hätte sich zur Radioaktivität äußern und zur Problemlösung beitragen können. Für Dorothea Frederking sei die Absage „ein Zeichen für Wegducken. Einer der hauptverantwortlichen Akteure kommt zu so einer wichtigen Sitzung nicht, das ist schon krass.“ Engie müsse sich außerdem auch mit der Stimmung und der Angst der Bürger auseinandersetzen, so die Landtagsabgeordnete.

Der Termin mit Engie soll nachgeholt werden.

Von Hanna Koerdt

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