Preziosen für einen Tag in der Heimat

Das Interesse an den Preziosen derer von Alvensleben war groß. Immer wieder wurden der Abendmahlskelch (l.) und der Ring sowie der Kelch aus Kloster Neuendorf (r.) auch fotografiert.

Kalbe - Von Elke Weisbach. Das wird einem nicht jeden Tag geboten. Dementsprechend groß war das Interesse. Viele Kalbenser, aber auch Gäste von außerhalb waren am Sonnabendnachmittag in die Kirche der Mildestadt gekommen, um den sagenhaften Ring und den Abendmahlskelch der Familie von Alvensleben in Augenschein zu nehmen und den Ausführungen von Prof. Reimar von Alvensleben zur Familiengeschichte zu lauschen.

Bevor die Gäste aber – darunter auch der Landrat des Altmarkkreises, Michael Ziche, sowie der Bürgermeister der Stadt Kalbe, Karsten Ruth, –  Gelegenheit hatten, beide Preziosen aus der Nähe betrachten zu können, wurde mit Pfarrer Christoph Neumann ein Gottesdienst gefeiert, der allerdings ein wenig den Bezug zum Anlass vermissen ließ. Allein die Anwendung des Abendmahlskelches der Familie von Alvensleben bei der Abendmahlsfeier schlug den Bogen zur Besonderheit des Tages. Dass nämlich beide Kostbarkeiten für einen Tag in die ehemalige Heimat derer von Alvenslebens zurückkehrten, die von ihnen „ganz ohne Zweifel … über Jahrhunderte hinweg als Hoheitsträger im säkularen wie im kirchlichen Bereich, als Schutzpatron wie als Bauherr, als Landschaftsgestalter, Gerichtsbarkeit und Verwalter“ geprägt wurden.

Das machte Bürgermeister Karsten Ruth in seiner Ansprache zwischen dem Gottesdienst und dem Vortrag über die Familiengeschichte von Prof. Reimar von Alvensleben deutlich. Damit nahm Ruth in seiner Rede auch Bezug auf die später am Tag erfolgenden Ausstellungseröffnung im Wachhaus „Die Alvensleben in Kalbe – 1324 bis 1945“ (siehe unten). Denn, so erklärte er, „wer sich öffentlich mit der Historie auseinander setzt, sich im Ergebnis zu ihr bekennt, der läuft nicht selten Gefahr, einen Tanz auf dem Drahtseilakt vollführen zu müssen.“ Der Grad zwischen Geschichtsklitterung, Nostalgie, Konservatismus und realem Bezug könne sehr schmal sein. Warum sich die Stadt dennoch in engem Zusammenwirken mit der Familie von Alvensleben für die Sonderausstellung entschieden habe, liege in der Überzeugung, „dass die Familie von Alvensleben und die Stadt Kalbe gewissermaßen ein symbiotisches Verhältnis verbindet“. Die Ausstellung biete Geschichte zum Anfassen und vermittele neue Erkenntnisse. Er selbst, so Ruth, habe als gebürtiger und an der Stadtgeschichte interessierter Kalbenser durch die Gespräche mit Prof. von Alvensleben seinen Horizont diesbezüglich erweitern können. Er dankte ihm sowie der gesamten Familie von Alvensleben, die mit 25 Familienmitgliedern am Sonnabend vertreten war, für das Engagement und die Bereitstellung der wertvollen Ausstellungsstücke. Auch allen, die zum Gelingen der Veranstaltung beigetragen haben, sprach er seinen Dank aus.

Bevor Ruth allerdings das Wort an Reimar von Alvensleben übergab, wollte er, wie er sagte, „nicht ganz frei von Eigennutz“, noch auf einen besonderen Aspekt hinweisen. Denn wer das Kartenmaterial zum ehemaligen Hoheits- und Gutsbereich betrachtet, werde schnell feststellen, „dass diese über Jahrhunderte bestehende Verwaltungsstruktur in ihren Dimensionen nahezu identisch ist mit unserer heutigen Einheitsgemeinde Stadt Kalbe“. Und Ruth verlieh seiner Hoffnung Ausdruck, „dass dieses Auflebenlassen von offensichtlich bewährten Strukturen in der Zukunft auch für uns seine Rechtfertigung findet und jeglichen potentiellen Reformeifer unserer Landesregierung bezüglich der Einheitsgemeinde verhindert“.

Damit übergab Ruth das Wort an Prof. Reimar von Alvensleben, der sich nach diesem hoffnungsvollen Blick in die Zukunft dem Gegenteil, nämlich der Geschichte derer von Alvensleben zuwandte. Die kamen laut den Ausführungen des Professors im Jahr 1324 nach Kalbe, als Ritter Albrecht von Alvensleben das Haus Calbe mit allen Äckern und 21 Dörfern den Brüdern Johann und Heinrich von Kröchern abkaufte. Er begründete die so genannte schwarze Linie, deren Mitglieder heute hauptsächlich in Sachsen-Anhalt und Brandenburg leben. Allerdings gibt es von Alvensleben auf allen Erdteilen. Denn die Familie zählt heute 270 Mitglieder im Familienverband, von denen sich ein Großteil alle zwei Jahre zum Familientag trifft. Dieser fand zum ersten Mal 1479 statt – und zwar in Kalbe. Daneben gibt es heute noch die weiße Linie, während die rote Linie 1554 ausstarb.

Nicht ganz 100 Jahre später, nämlich 1575, wird der sagenhafte Ring zum ersten Mal schriftlich datiert, der dem Geschlecht Wohlergehen garantiert, so lange die Familie den Ring in Ehren hält. In dem Jahr quittierten die Vettern der schwarzen Linie dem Kloster Neuendorf die Rückgabe eines halben Ringes, den ihre Vorfahren aus Kalbe dem Kloster zur Verwahrung gegeben hatten. Wann der Ring allerdings dorthin gegeben wurde, erklärte Reimar von Alvensleben, ist nicht bekannt. Allerdings es habe im 15. Jahrhundert mehrere Nonnen aus der Familie im Kloster Neuendorf gegeben, so zum Beispiel Sophie von Alvensleben, die von 1455 bis 1470 Äbtissin dort war.

Es werde davon ausgegangen, dass der Ring, bevor er ins Kloster gegeben wurde, sich bereits eine Zeitlang auf der Burg Kalbe/Milde befunden habe. Er könnte aus diesem Grund aus dem 14. Jahrhundert stammen, worauf die bekannte Ringsage hindeutet. Und Oda von Bodendieck, die die erste Ahnfrau auf Burg Kalbe war, könnte die Frau von Alvensleben gewesen sein, die der Zwergin bei der Geburt ihres Kindes half und dafür den besagten goldenen Ring als Dank erhielt.

Und die schwarze Linie hat den Ring immer sorgfältig verwahrt. So soll er, wie Reimar von Alvensleben ausführte, beispielsweise im 30-jährigen Krieg in den Altar der Kirche in Siepe eingemauert worden sein. Weitere Stationen des Ringes waren Lübeck, Zichtau und Erxleben, von wo aus er vor den russischen Besatzern 1945 – in dem Jahr wurden alle von Alvensleben enteignet und vertrieben – gerettet wurde. 1946 kam er zur sicheren Verwahrung in den Domschatz von Paderborn. Der Kelch von Alvensleben folgte 1988. Sein Alter sich etwas genauer datieren lässt. Denn es ist, so der Professor, eine Arbeit des Goldschmiedes Henrico Horne, der um 1400 in Gardelegen tätig war und zwei ähnliche Kelche für St. Marien in Gardelegen und für Kloster Neuendorf – diesen stiftete Berta von Alvensleben, Witwe des 1403 verstorbenen Gebhards von Alvensleben auf Kalbe – signiert hat. Die älteste schriftliche Überlieferung stammt aus dem Jahr 1605. Demnach ließ ein von Alvensleben „vor ziemlich langen Jahren“ einen silbernen Kelch anfertigen und mit der Hälfte des Alvenslebenschen Ringes vergolden. Er galt als verschollen bis er bei einem Magdeburger Juwelier entdeckt und zurück gekauft wurde. 2008 wurden beide Familienkleinode aus dem Exil zurückgeholt und dem Domschatz von Halberstadt übergeben.

Reimar von Alvensleben machte auch noch Ausführungen zu den verschiedenen Sagen, die sich vor allem um den Ring ranken, der schlicht gehalten ohne Verzierung mit einer Kordel an einem Johanneskopf befestigt ist. Seiner Meinung nach seien er und auch der Kelch als Symbole zu verstehen. Sie stehen für den Wert des Bewahrens eines Erbes, womit nicht das materielle, sondern das geistige und kulturelle Erbe geeint sei, „das über viele Generationen hinweg weitergegeben wird und das der Familie letztendlich ihre Identität gibt.“ Und das gelte auch für Dörfer, Städte und Landschaften.

Der Professor beendete seine Ausführungen mit dem Hinweis auf eine neu erschienene Chronik über 17 Generationen von Alvensleben, die in Kalbe gelebt haben, und bauliche Untersuchungen über die Burg Kalbe. Das Material dafür hat Dr. Udo von Alvensleben von 1920 bis 1960 gesammelt. Nun wurde es von der Familie aufgearbeitet, mit Bildern versehen und gedruckt. Und die erste Ausgabe überreichte Reimar von Alvensleben an Bürgermeister Karsten Ruth.

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