„Nicht nur der Lehrer ist zuständig“

Referentin Heike Szebrat.

Kalbe - Von Conny Kaiser. Warum schneidet Skandinavien, vor allem Finnland, immer so hervorragend bei den PISA-Studien ab? Eine Frage, der Heike Szebrat einmal etwas genauer auf den Grund gehen wollte. Die Pädagogin aus Arneburg hat das Land im Rahmen einer Studienreise besucht und dort erstaunliche Erkenntnisse erlangt. Die vermittelte sie nun auch jenen Lehrerkollegen, die sich für eine altmarkweite Fortbildungsveranstaltung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaften in Kalbe angemeldet hatten.

Finnland kümmert sich um seinen Nachwuchs. „Das fängt schon im Mutterleib an.“ Das werdende Leben erfahre Betreuung. Und wenn das Kind dann da sei, werde es mit einem Startpaket im Wert von rund 250 Euro begrüßt. „Das bezahlt der Staat“, sagt Heike Szebrat.

Die stellvertretende Rektorin der Stendaler Diesterweg-Sekundarschule weiß, wovon sie da redet. Nicht erst, seit sie das nordeuropäische Land 2008 im Rahmen einer Studienreise besucht hat, sondern spätestens, seit ihre Tochter ein Austauschjahr in Skandinavien verbracht und sie selbst eine finnische Austauschschülerin betreut hat. Die hat ihr die Augen dafür geöffnet, was im Vergleich zu Deutschland „anders“ läuft im Norden.

Und Szebrat wiederum war gestern dafür zuständig, rund 60 altmärkischen Kollegen im Rahmen einer Fortbildungsveranstaltung in Kalbe zu verdeutlichen, wo es im deutschen Bildungssystem hakt. Dass es hakt im Vergleich zum skandinavischen Pendant, zeigen die PISA-Ergebnisse. Deutschland platzierte sich dort bislang unter „ferner liefen“, Finnland hingegen stets auf Spitzenpositionen.

„Dort hat man erkannt“, so Heike Szebrat, „dass für die Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen nicht nur der Lehrer zuständig ist, sondern dass es ein ganzes Netzwerk von Partnern braucht, die regelmäßig an der Bildung des Kindes teilhaben. Die Schule steht im Mittelpunkt der Gesellschaft.“ Es gebe multiprofessionelle Teams in den Bildungseinrichtungen, die sich um die Umsetzung dieser Idee kümmern würden. Zudem werde das Wort Klassenlehrer in Finnland ganz anders definiert als hier. Dort hätten die Kinder über mehrere Jahre tatsächlich nur eine Bezugsperson, die sie unterrichte. Der Lehrer würde nicht jede Stunde wechseln. Zudem würden die Kinder länger gemeinsam lernen.

Ein ganz entscheidender Punkt ist für Szebrat auch das Vertrauen, das in die Schüler investiert wird. In Finnland beispielsweise gebe es keine abgeschlossenen Fachkabinette. Dort könnten sich die Kinder auch in den Pausen an die Schulcomputer setzen.

Interessant ist bei der ganzen Sache, dass die Finnen, die jetzt für Deutschland als positives Beispiel herhalten, in den 60er und 70er Jahren eben genau hier „gespickt“ haben, wie Heike Szebrat es formuliert. Denn das Bildungssystem der DDR und die dort stattfindende ganzheitliche Betreuung von Kindern war es den Skandinaviern durchaus wert, abzuschreiben und bei Kritikern dafür einen Tadel zu kassieren. „Sie haben quasi das Skelett“ des DDR-Bildungssystems „übernommen und dann ihr eigenes Fleisch drumgebastelt“, so die Arneburgerin. Deshalb sei ihr einiges, was sie 2008 in Finnland kennen gelernt habe, auch durchaus bekannt vorgekommen. Und ähnlich dürfte es gestern einigen ihrer zuhörenden Kollegen ergangen sein.

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