„Müssen mit niedergelassenen Ärzten reden, wie wir das nun organisieren“

In der Region Kalbe hat sich die Zahl der niedergelassenen Ärzte reduziert.

Kalbe - Von Conny Kaiser. Auch wenn der Bürger es in der Vergangenheit anders wahrgenommen hat – statistisch gesehen war die Einheitsgemeinde Kalbe mit Hausärzten nicht unterversorgt. Seit dieser Woche gibt es jedoch eine neue Situation. Und zu der nahm gestern Martin Wenger, Hauptgeschäftsführer der Kassenärztlichen Vereinigung in Sachsen-Anhalt, Stellung.

„Wir müssen jetzt eine Neubewertung vornehmen. Unsere Sorge gilt ganz klar der Zukunft“, so Martin Wenger mit Blick auf die hausärztliche Versorgung in der Region Kalbe. Denn die ist seit dieser Woche noch angespannter, als sie es ohnehin schon war. Der Grund: Dr. Horst Kleine ist verstorben. Der Internist praktizierte als Hausarzt in der Milde-Stadt. Seine Patienten müssen sich nun nach einem anderen Mediziner ihres Vertrauens umsehen.

Allerdings: Immer wieder ist davon die Rede, dass die Kapazitäten längst ausgeschöpft sind, einige Hausärzte in der Region gar keine neue Patienten mehr annehmen. Die durch die Bürger gefühlte Unterversorgung, wie sie während der heftigen Debatte um die Schaffung eines Medizinischen Versorgungszentrums (MVZ) in Kalbe diskutiert worden war (wir berichteten), dürfte sich also noch verschärfen. „Wir müssen deshalb mit den anderen niedergelassenen Ärzten reden und schauen, wie wir das Ganze nun organisieren“, so Martin Wenger. Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Sachsen-Anhalt, deren Hauptgeschäftsführer er ist, zeichnet für die Sicherstellung der Versorgung sowie für die Abrechnung der ärztlichen Leistungen verantwortlich.

Besondere Sorge, so Wenger, bereite die Altersstruktur der niedergelassenen Mediziner in der Region Kalbe. Das Gros ist dem Rentenalter nah oder hat es längst erreicht. So wie Dr. Helmut Bender, der erst vor kurzem verkündet hatte, dass er seine Pläne, mit 75 Jahren das Stetoskop endgültig an den Nagel zu hängen, ad acta gelegt habe. Er wolle, so er gesund bleibe, noch vier statt drei Jahre praktizieren. Dann nämlich wäre Dr. Daniel Graf, der derzeit seine Facharztausbildung im Süden des Landes absolviert, soweit, dass er sich als Allgemeinmediziner und Internist in Kalbe niederlassen und somit auf Benders Patiententstamm zurückgreifen könnte. Graf hat der KV Sachsen-Anhalt bereits seine Bereitschaft signalisiert, in seine Heimatregion Kalbe zurückzukehren. Und er sei nicht der einzige. „Wir haben von insgesamt drei jungen Ärzten gehört, dass sie sich in der Region niederlassen möchten, wenn sie ihre Ausbildung abgeschlossen haben. So etwas ist sehr selten.“ Denn meist komme der Kontakt erst zustande, wenn der Zeitraum der Niederlassung schon sehr nahe gerückt sei, so der Hauptgeschäftsführer der KV Sachsen-Anhalt.

Doch auch wenn sich diese positive Entwicklung abzeichnet, gilt es, noch einen mehrjährigen Zeitraum zu überbrücken, in dem der gefühlte Hausärzte-Mangel zu beseitigen ist. Gefühlt deshalb, weil er sich statistisch nicht belegen lässt. Das machte Martin Wenger gestern noch einmal ganz klar.

Wie er gegenüber der AZ verdeutlichte, käme rein rechnerisch in der Einheitsgemeinde Kalbe auf 1 480 Einwohner ein Hausarzt. Doch „als bundeseinheitlicher Planungswert (Zielwert) werden in Landkreisen wie dem Altmarkkreis Salzwedel 1 470 Einwohner je Hausarzt angenommen.“ Es klaffe also keine große Lücke zwischen dem Ist und dem Soll.

Dennoch gelte es nun, ein Konzept zu erarbeiten, „mit dem wir die Situation stabilisieren können.“ Denn die Altersstruktur der Hausärzte werde ja nicht besser. Eventuell müsse für die Zukunft auch über die Einrichtung einer so genannten Filialpraxis nachgedacht werden, in der nicht ein einzelner, sondern mehrere Ärzte die Versorgung übernehmen würden. Etwas Ähnliches gibt es derzeit in Letzlingen. Hier praktizieren abwechselnd und übergangsweise zwei Ärzte, die eigentlich schon im Ruhestand sind. A und O bleibe jedoch, so Martin Wenger, junge Mediziner für die Arbeit im ländlichen Raum zu gewinnen.

Genau an dieser Stelle war auch Kritik an den Kalbenser MVZ-Plänen laut geworden. Denn der alleinige Wille, ein Medizinisches Versorgungszentrum aufzubauen, bedeutet nicht automatisch, dass sich dafür auch Fachärzte finden. „Auch die Actmedic“ – hierbei handelt es sich um den potenziellen Investor – „hat nicht gesagt, dass sie Ärzte hat.“ Im Gegenteil: „Wir sind da von ihr gefragt worden“, wie Martin Wenger sagte. Allerdings stehen Fachärzte nicht Schlange, wenn es um die Versorgung auf dem Lande geht. Trotz intensiver Bemühungen der KV konnte diese Situation in der Vergangenheit nicht wirklich entschärft werden und bereitet auch für die Zukunft große Sorgen. Übrigens ein bundesweites Phänomen.

Bei der ganzen Diskussion um das MVZ in Kalbe „reden wir ja auch nur über die Hülle. Doch die macht noch keine Versorgung“, so Martin Wenger. Nüchtern eingeschätzt müsse man sagen: „Hier ist Schritt drei vor dem ersten gemacht worden.“

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