MFG, mit freundlichen (Abschieds-)Grüßen

Techniker Thomas Grzywotz (l.) hatte „eine Woche lang die letzten Reste Schokolade gesammelt“ und übergab sie nun zum Abschied dem langjährigen Projektleiter Volker Winkel, der zuvor eine emotionale Abschiedsrede gehalten hatte.

Letzlingen - Von Conny Kaiser. Das war es also. Endgültig. All jene, die da glaubten, Volker Winkel habe im Kampf um Unterstützung nur geblufft, als er nach neun Jahren das Ende der Musical Factory Gardelegen verkündete, sind von ihm am Sonntagabend eines Besseren belehrt worden. Mit einer emotionalen Abschiedsrede nach dem Ende der letzten Vorstellung von „Die 12 Geschworenen“ hat er im Letzlinger Kulturhaus das Buch des bis dato erfolgreichsten Kultursensembles der Region Gardelegen zugeklappt. Für immer.

Sophia Roisch konnte ihre Tränen nicht zurückhalten, wurde von Freund René Müller in den Arm genommen und getröstet. Beide gehören zu den langjährigen Akteuren der Musical Factory Gardelegen. Und nicht nur für sie hieß es am Sonntagabend Abschied nehmen.

Gerade war der letzte Vorhang für „Die 12 Geschworenen“, jenes Theaterstück, in dem unterschiedliche Generationen von Laiendarstellern miteinander spielten, gefallen. Und es war auch der letzte Vorhang für die Musical Factory Gardelegen, kurz MFG. Vor rund zwei Wochen hatte Projektleiter Volker Winkel das Ende bereits angekündigt (wir berichteten).

Und nun trat er also noch einmal auf die Bühne, „um sich zu verneigen“, wie er sagte. Vor dem Publikum, das seit 2002 zu Tausenden in die Vorstellungen der MFG gekommen war, vor den Sponsoren, ohne die die Umsetzung so manch aufwändiger Idee niemals möglich gewesen wäre, und vor den Familien, „die oft auf ihre Söhne und Töchter verzichten mussten.“

Jene Söhne und Töchter, die zu diesem „verrückten Haufen“ gehörten, der zuweilen sogar bereit war, seine Ferien und Urlaubstage zu opfern, um die Projekte der MFG umzusetzen. Ganz besonders hob Winkel dabei die Techniker Eike Schartmann und Thomas Grzywotz hervor. Letzterer revanchierte sich, indem er Winkel am Ende seiner Rede Schokolade übergab. Aber nicht irgendeine, sondern eine Packung, für die „eine Woche lang die Reste gesammelt“ worden seien, so Grzywotz augenzwinkernd. Offenbar hatte der Chef in stressigen Situationen häufiger mal einen ganz speziellen Heißhunger entwickelt.

Der Hunger danach, künstlerisch zu agieren und auch scheinbar wahnwitzige Ideen – erinnert sei an „Dryland“ – umzusetzen, er einte Winkel mit all seinen Mitstreitern. Allen voran Karin Schartmann, ohne die die MFG niemals aus der Taufe gehoben worden wäre. Denn sie hatte als Schülerin den Mut, es einfach mal mit einem eigenen Musical auszuprobieren. Und sie hatte zum Beispiel in Choreographin Franziska Kobert und in deren Mutter, der Kostümdesignerin Bettina Kobert, tatkäftige Helfer gefunden.

Winkel bedankte sich in seiner Rede bei ihnen, aber auch bei der Stadt Gardelegen, die den Mut gehabt habe, dem „verrückten Haufen“ für „Dryland“ einfach mal das Freibad zu überlassen. Speziell nannte er hier Bürgermeister Konrad Fuchs und Hauptamtsleiter Klaus Richter. Ein Dank ging aber auch an die Gemeinde Letzlingen, deren Kulturhaus der MFG in den vergangenen Jahren eine hervorragende Heimstatt geworden war.

Und dann richtete sich Winkels Blick ins Dunkel des Saales, wo er jenen Menschen wusste, „der mir die Schlüssel zu einer Tür gegeben hat, durch die ich endlich Sachen sehen konnte, auf die es ankommt“, so der MFG-Chef.

Unumwunden hatte der 36-Jährige vor rund zwei Wochen erklärt, dass er auch mal an die Familienplanung denken wolle und deshalb nach Lösungen suchen müsse, die es ihm erlauben würden, diesen Wunsch sowie berufliches und künstlerisches Engagement unter einen Hut zu bringen. In Gardelegen hatte er diese Lösung nicht gefunden.

Gefunden hat er hier jedoch Menschen, die bereit waren, ihm und seinen künstlerischen Träumen zu folgen und diese auch umzusetzen. Um am Ende für sich und andere Erlebnisse zu schaffen, die später mal, wenn es gelte, auf das eigene Dasein zurückzuschauen, in der Rubrik der schönen Erinnerungen zu finden seien. In der Rubrik, so Winkel, „für die es sich zu leben gelohnt hat.“ Und bei diesem Satz mussten nicht nur seine Mitstreiter schlucken.

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