„Man schiebt die Kindersitze hin und her“

Erstklässler aus Badel, Thüritz und Jeggeleben kommen nicht nach Hause

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Einer muss draußen bleiben: Jan Lukas Thorenz kann nicht in den Brunauer Hort gehen, weil er von dort nicht mehr nach Hause käme. Denn das Auto der elterlichen Fahrgemeinschaft ist voll. Die Kinder kommen anders in ihre Dörfer zurück.

Brunau. Sie planen von Tag zu Tag, sagen Denise Kaiser, Jaqueline Thorenz, Yvonne Roese, Simone Meier und Marcel Roese. Ihre Kinder besuchen die Brunauer Grundschule. Und danach den Hort. Aber nach dem Hort stehen die Eltern vor einem Problem.

Nämlich dem, dass ihre Kinder von dort nicht mehr weg kommen – zumindest nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln.

Jan Lukas, Ida, Lenja, Cedric und Moritz sind die ersten Kinder, die seit der Änderung des Schuleinzugsbereiches der Einheitsgemeinde Kalbe in der Brunauer Grundschule eingeschult wurden, und nicht mehr in der Fleetmarker. Zur Schule und zurück kommen die Erstklässler problemlos mit dem Schulbus. Doch nach dem Brunauer Hort fährt kein Bus mehr die Dörfer an, in denen die Kinder, drei aus Badel, eines aus Thüritz und eines aus Jeggeleben, zu Hause sind. Das bedeutet für die Eltern einen enormen Aufwand. Denn sie sind (fast) alle arbeitstätig und können ihre Arbeitsstellen in Salzwedel und Winterfeld nicht einfach zwischendurch verlassen, um ihre Kinder abzuholen.

Deshalb haben sie vorerst eine Fahrgemeinschaft gebildet, bei der mal ein Elternteil abholt, oder die Tante, Opa, Bekannte – je nachdem: „Sie sind alle eingebunden“, sagt Denise Kaiser und Yvonne Roese fügt an: „Man schiebt sich die Kindersitze hin und her.“

Einer bleibt dabei sogar auf der Strecke: Da im Auto nur für vier Kinder Platz ist, kann Jan Lukas Thorenz nicht mitfahren und deshalb vorerst auch gar nicht den Hort besuchen. Mama Jaqueline Thorenz: „Ich habe keine Möglichkeit, ihn abzuholen. Mein Mann arbeitet in Salzwedel. Daher kann Jan Lukas noch nicht in den Hort.“ Und das führt zu einem weiteren Problem: Die gelernte Verkäuferin kann sich auch keine Arbeit suchen, weil sie zu Hause sein muss, wenn Jan Lukas von der Schule kommt.

Die Eltern haben schon nach vielen Lösungen gesucht, stoßen dabei aber an bürokratische und finanzielle Grenzen: „Unser Wunsch war es, einen Hort in der Kita Badel einzurichten“, erzählt Yvonne Roese. Denn die Entfernung sei „ein Katzensprung“ und die Kinder sind dort auch schon gemeinsam in die Kita gegangen. Die Stadt Kalbe habe geprüft, aber „die Kinderzahl ist schlichtweg nicht ausreichend, um einen Hort in Badel zu führen“, erklärt Bürgermeister Karsten Ruth auf Nachfrage der AZ.

Eine andere Möglichkeit sahen die Eltern in einer Anpassung der Buslinien: Sie haben beobachtet, dass am Nachmittag ein leerer Bus der Personenverkehrsgesellschaft Altmarkkreis Salzwedel (PVGS) von Brunau zumindest über Badel und Thüritz fährt. „Das ist richtig, aber auch nicht immer“, so PVGS-Geschäftsführer Ronald Lehnecke. Denn der Bus werde auch als Rufbus eingesetzt, fahre manchmal andere Strecken. Die Hortkinder könnten bei einer Leerfahrt auch nicht einfach mitfahren. Denn wenn ein Unfall passiere, greife keine Versicherung. „Wir würden gerne helfen, aber ich kann nichts machen, was nicht genehmigt ist. An gesetzlichen Zwängen kann ich auch als Geschäftsführer nicht vorbei“, so Lehnecke. Auch mit dem Rufbus, mit entsprechender Zusatzkarte, können die Kinder nicht nach Hause kommen. Denn zwischen dem Ende des Hortes und der ersten planmäßigen Abfahrt eines Rufbusses, „würden die Kinder eine halbe Stunde lang in der Luft hängen“, erklärt Mutter Yvonne Roese. „Auch Rufbusse haben feste Abfahrtzeiten, es funktioniert nicht so, dass man sagt ‘Der kommt, wenn ich rufe’. Man darf das nicht mit einem Taxi verwechseln, Wir bedienen ein großes vernetztes System und müssen gewisse Vorgaben einhalten“, erklärt Ronald Lehnecke.

Die PVGS sichert im Auftrag des Altmarkreises auch den Schülertransport ab. Horte sind allerdings nicht den Schulen zugeordnet, sondern seit das Kinderförderungsgesetz (Kifög) greift den Kindertagesstätten. Die Schulbuslinie, die derzeit nur Jan Lukas von der Brunauer Grundschule nach Hause bringt, kann nicht verlegt werden, da es die Satzung des Landkreises nicht erlaubt. Diese sieht vor, dass Grundschüler spätestens nach Ende der sechsten Stunde nach Hause gebracht werden müssen. Eine spätere Fahrt wäre kein Schultransport, dementsprechend auch nicht mehr Sache des Landkreises.

Eine Verlängerung der Buslinien oder die Absicherung der Heimfahrten durch einen freigestellten Schülerverkehr wären in Zukunft möglich, allerdings „mit nicht unerheblichen Kosten verbunden“, erklärt Kalbes Bürgermeister Karsten Ruth. Und diese würde nicht die Kommune, sondern die Eltern tragen. „Wir können die Kosten nicht übernehmen. Dazu sind wir auch rechtlich nicht verpflichtet. Wenn wir es tun würden, müssten wir dies im Sinne der Gleichbehandlung überall im Kalbenser Gebiet anbieten. Das würde finanzielle Wellen schlagen, die ich nicht unter Kontrolle bekomme“, so Ruth. Auch wenn es nicht Sache der Stadt sei, so könne man den Ärger der Eltern nachvollziehen und sehe auch die Belastung für die Kinder. Deshalb habe Marina Krüger, die in der Stadt für Kindertagesstätten und Schulen zuständig ist, auch Kontakt zur PVGS und anderen Unternehmen aufgenommen, um die Kosten für öffentliche Transporte abzufragen. Die Eltern würden 317,50 Euro pro Kind pro Monat zahlen müssen: „Das kann keiner von uns bezahlen“, so die betroffenen Eltern. Auch ein Gespräch Marina Krügers mit Landrat Michael Ziche habe die Situation nicht ändern können. „Im Moment haben wir einfach keine Lösung“, so Marina Krüger.

Im Frühjahr werden wieder Schulgespräche mit der PVGS stattfinden, an denen neben Schulen auch die Gemeinden teilnehmen können. Dann werden Fahrpläne besprochen und, falls es möglich ist, angepasst. Man wolle dieses Problem dort konkret ansprechen und nach Lösungen suchen, verspricht Krüger.

Von Hanna Koerdt

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