„Es lohnt sich zu begreifen, dass wir aus verschiedenen Staaten kommen“

Redete lange, ohne zu langweilen: Bodo Ramelow, einer der bekanntesten Politiker der Linken. Neben ihm Schwägerin Gisela.

Kalbe - Von Conny Kaiser. Dass er reden kann, hat Bodo Ramelow schon oft im Plenarsaal und in Talkshows wie der von Anne Will bewiesen. Dass er aber auch was zu sagen hat, zeigte der Wahl-Thüringer Donnerstagabend im Kalbenser Klub der Volkssolidarität. Mit einer langen, aber keinesfalls langweiligen Rede zur Lage der Linken im Allgemeinen und zur Lage des Landes im Besonderen fesselte er Dutzende Zuhörer. Eine Resonanz, die sich Sachsen-Anhalts Landespolitiker hier meist nur wünschen können. Aber Ramelow hatte ja quasi Heimvorteil…

„Wenn Du einmal brennst, dann brennst Du wirklich“, sagt Hans-Jörg Krause und lacht seinen Genossen Bodo Ramelow an. Der lehnt sich zufrieden auf dem Stuhl neben Schwägerin Gisela zurück. Anderthalb Stunden hat er zuvor im Kalbenser Seniorenklub geredet. Doch es haben ihm dort nicht nur Senioren zugehört.

Aber wer ist eigentlich dieser eloquente Kerl mit dem kecken Blick hinter rahmenloser Brille? Der 54-Jährige zählt zu den bekanntesten Gesichtern der Partei Die Linke, ist Fraktionschef im Thüringer Landtag und hat dort 2009 als Spitzenkandidat 27,4 Prozent der Stimmen geholt. Seine Fraktion ist die zweitstärkste. Zuvor war Ramelow jahrelang Mitglied des Bundestages und zudem als Verhandlungsführer der PDS bei der Parteineubildung mit der WASG aktiv. Wenn es darum geht, linke Positionen zu vertreten, wird er immer wieder gern von Medienmachern eingeladen. Der Mann ist rhetorisch begabt und scheut sich auch nicht davor, unbequeme Wahrheiten auszusprechen – selbst, wenn sie die eigene Partei betreffen.

So erklärt er zum Beispiel in Kalbe, dass es deren „Kardinalfehler“ sei, „dass wir uns oft in individuellen Wahrheiten verlieren und es nicht schaffen, das Alltagstaugliche in den Mittelpunkt zu stellen.“ Dabei gehe es darum, „neue Antworten auf bestehende Probleme“ zu finden. „Und Veränderung beginnt nun einmal mit links“, so Ramelow.

Sein Name übrigens ist in Kalbe keineswegs unbekannt. In der Region lebt nahe Verwandtschaft des gebürtigen Niedersachsen, dessen Vater aus dem altmärkischen Kricheldorf stammt. Auch wenn in der eigenen Familie nicht oft darüber gesprochen worden sei, dass es da „Geschwister im Osten“ gebe, wollte er eben diese 1982 endlich kennen lernen und sei nach Bühne zu Bruder und Schwägerin gefahren. Und er erinnere sich sehr gut, dass der dortige Kirchenälteste mit ihm erst einmal zur Isenschnibbe gefahren sei und er plötzlich eine ganz andere Sichtweise auf die Aufarbeitung deutscher Vergangenheit erhalten habe, so Ramelow.

Bis heute gebe es durch die unterschiedliche, auch durch die Alliierten bedingte, Prägung Gegensätze in der Weltanschauung diesseits und jenseits der Elbe. „Wir sprechen zwar die gleiche Sprache, meinen aber nicht immer dasselbe“, so der Gewerkschaftssekretär, der erst 1999 einer Partei, nämlich der PDS, beigetreten ist. „Es lohnt sich zu begreifen, dass wir aus zwei verschiedenen Staaten kommen. Vor 20 Jahren ist nicht nur die DDR, sondern auch die BRD zu Ende gegangen. Aber die meisten Westdeutschen haben das noch gar nicht bemerkt“, sagt der Westdeutsche Bodo Ramelow.

Bei seinem Auftritt in Kalbe hat er aber, ganz logisch, auch die bevorstehende Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im Visier und empfiehlt seinen Genossen: „Wenn wir stärker sind als andere, müssen wir den Anspruch haben, den Ministerpräsidenten zu stellen!“ Ramelow spricht aus eigener Erfahrung. Um ihn als Regierungschef zu verhindern, habe sich die Landes-SPD „zum Erfüllungsgehilfen der CDU gemacht. Einen Politikwechsel hat sie damit nicht erreicht.“

Dabei brauche nicht nur das Land Thüringen, sondern die gesamte Republik einen solchen Wechsel, meint Ramelow und spricht von einem Traum. Der handele nicht nur davon, dass sich Deutschland aus allen Kriegen heraushalte, sondern auch davon, dass es endlich eine Schule gebe, „die integriert und nicht selektiert.“ Vorreiter seien da die Finnen. „Und die haben sich das von einem Land abgeschaut, das es nicht mehr gibt…“

Ramelow hat das Land noch kennen gelernt, will es aber keinesfalls zurückholen, wie er betont. Und Schwägerin Gisela lächelt still. Gerade hat sie von der Kreisvorsitzenden Ruth Rothe ihr Parteibuch erhalten. Sie hat den Aufnahmeantrag für Die Linke 2009 ausgefüllt, so wie eine Hand voll andere Kalbenser auch. Und Schwager Bodo ist daran sicher nicht ganz unschuldig.

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