An L 12-Kreuzung: Fahrerflucht und Körperverletzung

Kein Grund, Unfall zu erfinden

Engersen / Gardelegen. Warum hätten die beiden Unfallgeschädigten den Stress auf sich ziehen und lügen sollen? Das fragte am gestrigen Freitag Richter Axel Bormann im Gardelegener Amtsgericht.

Verhandelt wurde eine Fahrerflucht und fahrlässige Körperverletzung, die sich am 25. April 2017 an der Kreuzung der Landesstraße 12 zwischen Engersen und Kalbe ereignet haben soll.

Aus dem Gericht

Laut der Angeklagten war sie an dem Vormittag aus Richtung Engersen in Richtung Kalbe unterwegs. Am Stoppschild zur L 12 habe sie ordnungsgemäß gehalten und zwei Fahrzeuge passieren lassen. Als kein Pkw mehr zu sehen war, sei sie auf die L 12 abgebogen. An der Westpromenade habe sie ein 51-Jähriger in seinem BMW, in dem auch seine zu der Zeit schwangere Frau saß, überholt, angehalten und sie aufbrausend damit konfrontiert, einen Unfall verursacht zu haben. Laut ihm habe die Angeklagte nicht richtig am Stoppschild gehalten und ihm – er fuhr aus Richtung Klein Engersen in Richtung Kalbe – die Vorfahrt genommen. Um eine Kollision zu vermeiden, habe er eine Gefahrenbremsung machen und gegenlenken müssen, sodass er nach rechts von der Fahrbahn auf den Seitenstreifen auffuhr. Seine Frau klagte danach über Unwohlsein und Schmerzen im Unterbauch. Laut ihr habe die Angeklagte auch angehalten, sei aber dann weitergefahren.

Die Unfallbeteiligten fuhren zur Polizeidienststelle an der Kalbenser Schulstraße. Die beiden Regionalbereichsbeamten konnten keine ersichtlichen Schäden an den Autos ausmachen, bemerkten allerdings Grasspuren im Vorderbereich des BMW. Der Fahrer gab an, nach dem Unfall Lenkschwierigkeiten in seinem Pkw zu haben und eine Werkstatt aufsuchen zu wollen. Die Polizisten fuhren zur beschriebenen Unfallstelle und bemerkten dort Bremsspuren auf der Fahrbahn und eine Reifenspur im Bankett.

Die Verteidigerin der Angeklagten forderte gestern einen Freispruch. So seien vor allem die Aussagen der beiden BMW-Insassen unschlüssig, zum Beispiel, was die Halteposition des BMW nach dem Unfall angehe. Der BMW-Fahrer sei bezüglich der Unfallstelle sehr sensibel, weil er dort „schon ein schlimmes Erlebnis“ durchgemacht habe, so die Verteidigerin. Sie könne an der Verurteilung ihrer Mandantin ein gewisses Interesse vonseiten der beiden Geschädigten wahrnehmen. Denn in zwei Zivilprozessen wurde auf Schadensersatz für einen kaputten Querlenker am BMW geklagt sowie versucht, ein Schmerzensgeld in Höhe von „völlig übertriebenen“ 5000 Euro zu erklagen. Zugesprochen wurden der Frau, die sich einen Tag unter ärztliche Beobachtung stellen ließ, 500 Euro Schmerzensgeld. „Ich möchte, dass das hier geklärt wird. Ich habe weder Fahrerflucht begangen noch das Stoppschild überfahren“, bekräftigte die Angeklagte, die vorher eine Einstellung mit einer Geldstrafe von 250 Euro abgelehnt hatte.

Richter Axel Bormann allerdings verurteilte sie zu 40 Tagessätzen à 60 Euro und einem einmonatigen Fahrverbot. Denn für ihn sei das Kerngeschehen, nämlich die Vorfahrtsmissachtung und das unerlaubte Verlassen des Unfallortes, von beiden Insassen des BMW identisch wiedergegeben worden. Und auch die Spuren seien sichtbar gewesen. Er sehe keinen ersichtlichen Grund, diesbezüglich zu lügen.

Von Hanna Koerdt

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