„Es war einfach eine geile Zeit“

Kalbenser Maik Bock erlebte als NVA-Soldat Wendezeit und Mauerfall

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Während der Wendezeit war der heute 51-jährige Maik Bock, hier mit seinem Gesundheitsbuch, Soldat bei der NVA und erlebte die Wendezeit hautnah mit.

Kalbe – Es herrschte Gefechtsbereitschaft. Maik Bock und seine Kameraden hockten nach Feierabend – „Die Offiziere waren alle schon nach Hause gefahren“ – in einem Waldstück bei Hennickendorf östlich von Berlin.

Im Objekt, das sie bewachen mussten, gab es zwar Fernseher. Aber nur Ost-Kanäle.

„Aber wir hatten Funker dabei“, erinnert sich der Kalbenser, der von Februar 1989 bis März 1990 seinen Grundwehrdienst bei der Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR absolvierte. Also zur Wendezeit. Und somit auch am Abend des 9. November, als die Mauer fiel.

„Uns blieb die Spucke weg“

Und diese Funker hatten herausgefunden wie man trotzdem West-Fernsehen guckt. Auch an jenem 9. November. „Uns allen blieb die Spucke weg“, als die ersten DDR-Bürger nach West-Berlin fuhren.

Vor 30 Jahren leistete Maik Bock seinen Grundwehrdienst im Ingenieuirbauregiment II ab.

Maik Bock ließ sich seinen Personalausweis – vor Ort hatte er nur den Truppenausweis – von Kalbe aus zuschicken. Und fuhr wenige Tag nach dem Mauerfall erstmals nach Dienstschluss in den Westen. „Ausgestiegen bin ich am Bahnhof Friedrichstraße“, erinnert sich Maik Bock, der wenige Tage zuvor 21 Jahre alt geworden war. Irgendwann stand er dann im Westen von Berlin und traute sich nicht, die 100 DM Begrüßungsgeld abzuholen, „weil ich ja noch Soldat war“. Also tauschte er ganz regulär 100 Ost-Mark in 20 West-Mark um. Damit ging er in den Zoo-Palast, einem Kinotempel unweit der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, und schaute sich den Horrorstreifen „Leviathan“ an, „es war mein erster Kinofilm.“ Aber er musste abends um 22 Uhr wieder in der Kaserne sein, „deshalb hatte ich bei meinem ersten Berlin-Aufenthalt wenig Zeit.“

Immer wieder nach West-Berlin

In den Tagen und Wochen danach fuhr Maik Bock regelmäßig nach West-Berlin. Einmal den Ku´damm Fuß rauf und runter, jede hell beleuchtete Schaufensterscheibe angeschaut, dazu die erste West-Currywurst gegessen („Die von Konnopke an der Schönhauser Allee ist aber immer noch am besten“) und das Reichstagsgebäude von der Westseite aus betrachten: „Es war einfach eine geile Zeit damals“, schwärmt Maik Bock heute noch. Während andere NVA-Soldaten Familie hatten, nutzte der noch ungebundene Kalbenser fast seine gesamte freie Zeit, um West-Berlin zu erkunden.

„Geschichte hautnah miterlebt“

Auch an jenem Tag, als am Reichstagsgebäude die Überreste der Berliner Mauer mit schwerem Gerät eingerissen wurden. „Wow, da hat man Geschichte hautnah miterlebt“, leuchten seine Augen noch drei Jahrzehnte danach. Bock, der in zivil gekleidete NVA-Soldat, stand auf der Westseite und fragte einen westdeutschen Grenzer, ob er ihm ein Stück Mauer geben könne. „Du bist doch aus dem Osten“, entgegnete der leicht irritiert. Bock ging noch weiter: „Wir sind sogar Kollegen“, und zeigte ihm seinen NVA-Ausweis – kurze Zeit später hielt der Kalbenser sein ersehntes Mauerstück in den Händen. Deutsch-deutsche Amtshilfe, sozusagen.

200 West-Mark für ein Stück Mauer

Aber nur für wenige Minuten. Dann sprach ihn ein westdeutscher Passant an und bot ihm 200 DM für den von der Mauer abgeklopften Stein. „Ich habe kurz überlegt und dann...“, lacht Maik Bock. „Wir sollten ja den Kapitalismus lernen.“ Von den 200 West-Mark habe er jedenfalls die Tage danach bei weiteren Besuchen in West-Berlin „ganz gut leben können.“ Da war der Verlust des Mauerstücks verschmerzbar. Bock saugte nach wie vor alles auf. So auch die feierliche Öffnung des Symbols der deutschen Teilung, des Brandenburger Tores, wenige Tage vor Weihnachten, als der damalige Bundeskanzler und „Einheits-Kanzler“ Helmut Kohl, mit anderen Politikern im strömenden Regen hindurchschritt. „Ich habe mir das natürlich auch angeschaut“, sagt Maik Bock.

Nach Silvester und somit mit dem Jahresbeginn 1990 wurde es bei der der NVA spürbar lockerer. Verteidigungsminister war nun Rainer Eppelmann – ein Pfarrer. Der genehmigte nun nicht nur lange Haare bei den Soldaten, sondern auch das Tragen eines Schnäuzers. Maik Bock ließ sich einen solchen wachsen – und trägt ihn bis heute. „Der kommt auch nicht wieder ab“, sagt er entschlossen.

Die letzten Wochen seiner NVA-Zeit waren verworren. Das Land und auch die Armee befanden sich allmählich in der Auflösung. Und so verpasste Maik Bock sogar seine eigene Entlassung vom Wehrdienst. Die war längst getätigt, als er im März 1990 vorstellig wurde, um seine Entlassungspapiere abzuholen. Also fuhr er mit dem Zug von Berlin über Wittenberge und Stendal bis Hohenwulsch, von wo aus er zu Fuß etwa 16 Kilometer weit bis nach Kalbe marschierte.

Vorbei war die Armeezeit – in einer Phase, in der Geschichte geschrieben wurde. „Die Zeit damals war echt der Hammer“, zehrt der Kalbenser bis heute von diesen Erinnerungen.

VON STEFAN SCHMIDT

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