Doppelte Nutzung von Flächen hat viele Vorteile

Kalbe könnte Modellregion werden: Obstbäume pflanzen mit Agroforst-Projekt

Bei Dolchau gibt es einen ländlichen Weg, der mit Obstbäumen bepflanzt ist.
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In der Einheitsgemeinde Kalbe stehen viele Obstbäume an kommunalen ländlichen Wegen. Der Bestand stirbt aber immer mehr ab. Helfen könnte die Neupflanzung der Gehölze im Zuge eines Agroforst-Projektes.
  • Hanna Koerdt
    vonHanna Koerdt
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Bei Agroforstsystemen werden Flächen kombiniert genutzt – es wachsen Bäume und Sträucher auf Ackerkulturen oder Grünland. Die Einheitsgemeinde Kalbe könnte eine Modellregion werden.

Kalbe – „Ich glaube alle von uns sind hier damit groß geworden, im Sommer auf Apfel- und Kirschbäumen zu hängen“, erklärte am Donnerstagabend Kalbes Bürgermeister Karsten Ruth im Hauptausschuss. Inzwischen aber, das bestätigten auch die Gremiumsmitglieder, sind viele der Bäume an Wegesrändern überaltert, trocken oder tot. Abhilfe könnte ein Agroforst-Projekt schaffen, welches dem Hauptausschuss von Katharina Nabel vorgestellt wurde.

Die Diplom-Biologin bewirtschaftet gemeinsam mit Landwirt Karsten Bauer einen kleinen Acker bei Zierau. Gerne ernten sie auch Äpfel, Birnen und Kirschen von den Bäumen, die am Straßenrand wachsen. Doch das gestaltet sich immer schwieriger, denn der Bestand stirbt ab. Deshalb kamen die beiden auf die Idee, in der Einheitsgemeinde Kalbe ein Agroforst-Projekt zu starten.

Doppelte Nutzung der Flächen

Bei Agroforstsystemen werden Flächen kombiniert genutzt – es wachsen Bäume und Sträucher auf Ackerkulturen oder Grünland, beispielsweise Kuhweiden, „wobei der Flächenanteil der landwirtschaftlichen Nutzung überwiegt“, erklärte Katharina Nabel. Dadurch entstehen „bewusst genutzte Wechselwirkungen“. So kann die doppelte Nutzung zu gesteigerten Erträgen für Landwirte führen, der Boden ist gesünder, es baut sich Humus auf, die biologische Vielfalt nimmt wieder zu, die Gehölze bedeuten eine Anpassung an den Klimawandel und auch für die Landschaftsästhetik und als touristischer Faktor sind sie nicht unbedeutend. Und noch einen positiven Effekt hätten die Pflanzungen: Zunehmend werden kommunale Flächen von einigen Landwirten weg gepflügt. Teilweise so sehr, dass Wege zerstört werden und sich der Unterbau der ländlichen Wege sogar im Acker wiederfindet. Diese Landwirte lassen sich für Flächen, die nicht ihnen gehören, Flächenprämien auszahlen. Und beklagen gleichzeitig bei der Stadt, dass die Wege kaputt sind. Dem könnte entgegengewirkt werden.

Kalbe als landwirtschaftlich geprägte Region, die bereits stark vom Klimawandel betroffen ist, könnte durch das Projekt zukunftsweisend sein. Katharina Nabel erklärte, dass Agroforstsysteme sich aktuell rasant entwickeln, es gibt den sehr aktiven Deutschen Fachverband für Agroforstwirtschaft. Es bestehe immer mehr Interesse bei Flächenbesitzern, in der Politik sowie in der wissenschaftlichen Arbeit. Förderungen sind über die Europäische Union möglich, sie ist aber bislang nicht in die nationale Förderung integriert. Laut der Biologin gibt es in der Bundesregierung aber Bestrebungen, eine Förderung noch in die laufende Förderperiode aufzunehmen.

Pflanzungen über Förderprogramm

Katharina Nabel und Karsten Bauer würden gerne Pflanzungen auf den Flächen der Kommune durchführen, erst einmal zwei oder drei als Praxisbeispiele. Diesbezüglich hatte sich das Zierauer Paar auch schon mit Jörg Kraberg vom Ordnungsamt und Karsten Ruth zusammengesetzt. „Wir haben ein Konzept für einen Antrag für eine Artensofortförderung geschrieben“, erklärte Katharina Nabel. Für Personalstellen und Pflanzungen in diesem und den kommenden zwei Jahren würden Kosten von rund 101 000 Euro entstehen. Bei einer Förderung würde der Eigenanteil der Stadt lediglich zehn Prozent betragen, könnte aber auch durch Eigenleistungen – zum Beispiel der Arbeitskraft des Bauhofes – erbracht werden. Falls sich für das Projekt ein anderer Träger als die Kommune findet, zum Beispiel eine Naturschutzorganisation, dann könnte die Förderung 100 Prozent betragen.

Positive Resonanz, aber auch Fragen

Nach dem Vortrag von Katharina Nabel äußerten sich die Mitglieder des Hauptausschusses mehrheitlich positiv zum Projekt. Karsten Ruth erklärte, dass neben den genannten Vorteilen für die Natur und die kommunalen Flächen auch der Vorteil bestehe, dass die „Kulturlandschaft“ der Region erhalten bliebe und es ein „schönes Imageprojekt“ wäre. Als „zukunftsträchtig“ sah auch Volkmar Erl das Projekt an, und auch Martin Palm sah „Potenzial, nicht nur für die Biologie, sondern auch die Ästhetik“, erklärte der Vienauer, der Landwirt von Beruf ist. Er sprach den Vienauer Ortschaftsrat an, der vor Kurzem tagte und genau diese Problematik der sterbenden Obstbäume rund um Dolchau, Mehrin und Vienau thematisierte (wir berichteten). „Es muss was passieren“, so Palm. Bedenken äußerte Ortrun Cyris, auch wenn sie sich grundsätzlich auch für das Projekt aussprach, bezüglich der Pflege der Obstbäume und Wege, denn „wir haben ja jetzt schon Probleme“. Kalbes Ortsbürgermeister Heiko Gabriel, der als Gast anwesend war, erklärte, dass man nur etwas in „Symbiose mit den Landwirten“ tun dürfe, was auch Dr. Helmut Bender äußerte. Gabriel fand außerdem die Kommune als Projektträger „unglücklich“, denn „wir scheitern ja schon an der Unterhaltung des Parks“. Volkmar Erl entgegnete „die Flächen werden nicht geklaut, wir haben ja die Flächen“. Melissa Schmidt erklärte: „Wir sollten das probieren und ein, zwei Wegebereinigungen machen und uns die Flächen zurückholen“, in der Hoffnung, dass die jungen Bäume nicht einfach umgepflügt werden, wie es teils mit Grenzzäunen schon passiert ist. Jens Mösenthin sagte schließlich, dass dieses Projekt eine Idee sei, die „über den Tellerrand geht. Wir können nicht immer nur über den Klimawandel sprechen, sondern müssen auch mal handeln“.

Zwar gebe es noch bei den Fragen bezüglich der Pflege und des Trägers Klärungsbedarf, so Karsten Ruth, aber der Hauptausschuss sprach sich einstimmig für das Agroforst-Projekt aus. Der Stadtrat berät als Nächstes über das Thema.

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