Versuchter Pferdediebstahl: Jemmeritzer Pferdepensions-Inhaber fühlen sich von vermeintlichen Tierschützern bedroht

Geht es ums Tierwohl oder doch um Geld?

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Erblickt Corinjo Tom Vester, kommt er gleich angetrabt. Vermeintliche Tierschützer, die das Pferd in der Jemmeritzer Pferdepension unterbrachten, habenmehrfach versucht, es zu klauen. Dabei geht es wohl um Geld.

Jemmeritz. Zaun aufgebrochen, Pferd angeschrien und verletzt, ein anderes musste wieder eingefangen werden, Beleidigungen – Tom und Heike Vester fühlen sich bedroht.

Zum mittlerweile dritten Mal versuchten vermeintliche Tierschützer am Donnerstag, ihnen einen Araberhengst von der Wiese ihrer Jemmeritzer Pensionsranch zu stehlen. Dabei handelt es sich um jenen Tierschutzverein, der das Tier überhaupt erst in Jemmeritz unterbrachte.

Oft fühlen sich Tierschützer im Recht, was ihr Handeln auch mit militanten Methoden betrifft. Geht es tatsächlich um das Wohlergehen eines Tieres, braucht es Menschen, die sich gegen Missbrauch und schlechte Zustände engagieren. Doch was in Jemmeritz aktuell passiert, hat nichts mit dem Wohlergehen des Tieres zu tun. Womöglich aber mit Geld, vermuten Heike und Tom Vester. Denn im Raum stehen unbezahlte Rechnungen und ein Tier, das ebenfalls finanziellen Wert hat.

Zur Vorgeschichte: Die Jemmeritzer wurden vor knapp einem Jahr von der Vorsitzenden eines Tierschutzvereins in der Nähe von Lübeck kontaktiert und gebeten, einen Araberhengst in schlechtem Zustand, der zuvor der Vorbesitzerin entzogen worden war, aus einer Pflegestelle bei Köln kurzfristig zu sich zu nehmen. „Das Pferd war desolat, aber wir haben die Herausforderung angenommen“, erzählen die Vesters. Der Hengst, Corinjo, war abgemagert, fügte sich selbst Verletzungen zu und war verhaltensgestört, hat zum Beispiel „gewebt“. Dabei handelt es sich um ein ständiges Pendeln von Kopf und Hals, es tritt bei Tieren auf – am bekanntesten ist es bei Elefanten –, die in Gefangenschaft leben. Der Kontakt zwischen den Vesters und dem Tierschutzverein war anfangs gut. Und die Entwicklung von Corinjo nahm auch einen positiven Verlauf. Konnte man ihn anfangs kaum berühren, baute er zu seinen neuen Menschen langsam Vertrauen auf. Seit Ende Mai arbeitete ein Tierpsychologe, in Absprache mit dem Tierschutzverein, mit dem Hengst und erzielte gute Erfolge.

Doch dann wendete sich das Blatt quasi ab dem Zeitpunkt, als die Vesters erste Rechnungen stellten. Lange hatten sie darauf verzichtet, weil die Vorsitzende immer wieder betonte, dass ihr Verein wenig Geld habe. Die Vesters sind allerdings keine kostenfreie Pflegestelle, sondern eine Pferdepension und somit Dienstleister. Sie ließen das Tier, als es so weit war, Menschen an sich ranzulassen, entwurmen, impfen und ihm die Hufe bearbeiten. Als sie diese Maßnahmen, die unabdingbar sind, sowie die Kosten für den Psychologen in Rechnung stellten, gab es laut der Vesters von der Gegenseite plötzlich deutlichen Gegenwind. So seien die Notwendigkeit der Behandlungen von der Vorsitzenden angezweifelt worden und plötzlich unterstellte sie den Vesters schlechte Haltung und dem Tierpsychologen Inkompetenz. Wohl am unseriösesten, jedenfalls bis zu den jetzigen Diebstahlversuchen, war das Engagieren einer sogenannten „Tierkommunikatorin“ durch die Vereinsvorsitzende. Mit Hilfe eines Fotos von Corinjo hat das vermeintliche Medium mit dem Tier gesprochen. Corinjo hatte unter anderem zu sagen, dass er sich ganz unwohl und bedrängt fühlt in Jemmeritz, er traurig ist und von dort weg möchte – die AZ hat die Sprachnachricht gehört.

Zumindest ein Teil der Behandlungen wurde bezahlt, die Tierschützerin forderte jüngst eine detaillierte Rechnung über alle insgesamt angefallenen Kosten. Bis heute wurde diese Rechnung trotz Zahlungserinnerung und Mahnung nicht bezahlt. Die Vereinsvorsitzende habe Vorwürfe gemacht, dass sie ihren Verein „abzocken“ wollen und damit gedroht, sie wegen „schwerer Tierquälerei“ anzuzeigen.

Fremde wollten Corinjo einfach mitnehmen

Am 30. Juni dann der Tag X. Die Tierschützerin rief Heike Vester an und unterrichtete sie darüber, dass in zwei Stunden eine Frau Corinjo abholen würde. Die Krux: Die Vesters sind nicht seine Eigentümer. Der Tierschutzverein und die Vorbesitzerin klären die Frage des Eigentums aktuell vor Gericht. Trotzdem dürfte der Tierschutzverein das Tier dort unterbringen, wo es ihm beliebt. Wären nicht die offenen Rechnungen bei den Vesters. Nach einem vernünftigen Gespräch mit der angekündigten Frau, die auch keine Beanstandungen hinsichtlich des Tierwohls sah, blieb Corinjo. Sonntag vor einer Woche sahen die Vesters dann plötzlich unbefugte fremde Männer, die über Zäune auf die Wiese zu Corinjo stiegen. Sie gaben an, vom Tierschutzverein beauftragt worden zu sein und Corinjo mitzunehmen. Als Heike Vester und Fadila Lippeck, deren Stute auf der Ranch untergebracht ist, das Tor blockierten, drohte man ihnen, so erzählen die Frauen, dass sie „plattgemacht“ werden würden. Die Polizei wurde eingeschaltet. Und sie gab den Vesters recht, die auf ihr Pfandrecht wegen der offenen Rechnungen bestanden und deshalb Corinjo vorerst behalten.

Diesen Donnerstag dann der erneute Versuch des Pferdediebstahls: Der Zaun zur Wiese wurde aufgebrochen und Corinjo sogar bereits auf eine Ladefläche verfrachtet. Diesmal hätte es fast geklappt, hätte ein Nachbar nicht den Pferdeanhänger an einer seitlichen Feldstraße gesehen und die Vesters informiert. Erneut kam die Polizei und diesmal auch das Salzwedeler Kreis-Veterinäramt nach Jemmeritz. Dieses hat nun entschieden, dass Corinjo in Jemmeritz bleibt. Laut Aussage von Kreis-Rechtsdezernent Hans Thiele liege in Jemmeritz auch keinerlei Verwahrlosung des oder der Tiere vor.

Um Tierschutz geht es seitens des Vereins offenkundig nicht mehr. Denn Corinjo ist durch die Versuche, ihn von der Wiese zu stehlen, erneut in großen Stress geraten. Derjenige, der ihn auf den Anhänger zog, habe ihn währenddessen angeschrien, weil Corinjo sich nicht rühren wollte. Auf dem Anhänger habe das Pferd angefangen, zu randalieren, sodass auch die Veterinäramtsmitarbeiter dazu aufforderten, es sofort vom Anhänger zu holen. Die verheilenden Stellen durch die Selbstverletzungen sind aufgerissen, das Tier hat sich offenbar im Anhänger verletzt. Abgesehen von diesen Geschehnissen fühlt sich Corinjo in Jemmeritz pudelwohl, hat einen guten Bezug zu den Vesters und auf der weitläufigen Wiese Gesellschaft von einer Stute, von der er gar nicht mehr abrücken möchte, obwohl sie sich dem Hengst für ein Schäferstündchen verwehrt. Doch generell könnte man mit ihm züchten, auch wenn die Vesters daran kein Interesse haben, weil sie ausschließlich die Rasse Tennessee Walker züchten. Doch Corinjo ist diesbezüglich einiges wert. Und hier vermuten Heike und Tom Vester auch ein weiteres Motiv des vermeintlichen Tierschutzvereins. Denn einmal hatten die Vesters Corinjo, weil er ein sehr dominantes und brutales Verhalten gegenüber einem Wallach zeigte, chemisch per Chip kastrieren lassen, in Absprache mit der Vereinsvorsitzenden. Doch dann sei sie plötzlich dagegen gewesen und habe angegeben, dies mit möglichen Vertragspartnern der Vorbesitzerin für Deckungen durch Corinjo abklären zu müssen. Das Veterinäramt in Salzwedel hat den Vesters allerdings nun mitgeteilt, dass Corinjo gechipt werden darf und soll.

Corinjo „soll einfach Pferd sein dürfen“, sagen die Vesters. Gleichzeitig befürchten sie aber den nächsten Angriff auf sich und ihre Ranch im „Namen des Tierschutzes“.

Von Hanna Koerdt

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