Aus kulturwissenschaftlicher Sicht: Lisa Wiedemuth sprach in Kalbe über die Arbeit der Künstlerstadt

Entwicklung nur durch Offenheit

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Lisa Wiedemuth (r.) hat Kulturarbeit in Potsdam studiert und ihre Bachelorarbeit zum Thema „Künstlerstadt Kalbe – Erfolgsfaktoren eines Modells für Kulturarbeit auf dem Lande“ am Dienstagabend in den Kalbenser´Ratsstuben vorgestellt.

Kalbe. „Als ich die Arbeit abgegeben habe, war sie eben abgegeben. Jetzt bin ich aber zum ersten Mal aufgeregt“, meinte am Dienstagabend Lisa Wiedemuth vor knapp 30 Gästen in den Kalbenser Ratsstuben.

Dort stellte die junge Frau ihre Bachelorarbeit zum Thema „Künstlerstadt Kalbe – Erfolgsfaktoren eines Modells für Kulturarbeit auf dem Lande“ vor.

Lisa Wiedemuth war 2015 während der Sommercampuszeit die Praktikantin der Künstlerstadt Kalbe. „Die spontane Idee“ zu dem Praktikum, wie sie erklärte, mauserte sich zum echten Glücksfall. Denn sie beschloss, das Projekt Künstlerstadt wissenschaftlich zu beäugen und darüber ihre Bachelorarbeit – die 24-jährige hat Kulturarbeit an der Hochschule Potsdam studiert – zu schreiben. Dafür hat sie sich zunächst mit der Region und dem demografischen Wandel beschäftigt. So habe Sachsen-Anhalt in der Zeit von 1990 bis 2011 ein Fünftel seiner Bevölkerung verloren. Während in Berlin Wohnungsnotstand herrsche, gebe es im ländlichen Raum Leerstand. „Kalbe leidet gerade dreifach darunter“, so Wiedemuth: Es schrumpfe die alternde Bevölkerung, junge Menschen wandern ab und die Gesellschaft „vermännliche“, denn vorzugsweise junge Frauen ziehe es in die Ballungsgebiete. Was kann man tun, um dem entgegenzusteuern? Die Politik versucht es zum Beispiel durch eine Garantie der Grundversorgung, also eine funktionierende Infrastruktur. Wenn man sich aber nur um den Bestand kümmert, sprich, das sichert, was da ist, werde die Rechnung nicht aufgehen. Und auch der Bau einer – durchaus wichtigen – Autobahn ist nicht genug. Es braucht weitere Anreizfaktoren, damit Menschen wieder in die ländliche Region ziehen.

Ein Schlüsselfaktor ist die Kultur vor Ort. Dafür brauche es sogenannte „Raumpioniere“, erklärte Wiedemuth – Menschen, die in einen Raum kommen, sich diesen aneignen und neu gestalten. Ein gutes Beispiel sei in Kalbe Künstlerstadt-Initiatorin Corinna Köbele, die mit dem Projekt versucht, einerseits dem Leerstand entgegenzuwirken – da sind die Galerie der 100 Brücken, das Gebäude an der Rathausstraße, indem ein Kulturhof entstehen soll, das alte Gericht –, und andererseits durch zum Beispiel die offene Bühne während des Sommercampus, das Bänkefest, interkulturelle Essen mit den neuen Bürgern, Kunstausstellungen oder Workshops soziokulturelle Angebote gibt.

Zweifelsohne gibt es noch immer viel Kritik und Ablehnung bezüglich der Künstlerstadt. Nicht jeder habe einen Zugang zur zeitgenössischen Kunst. Nicht jeder müsse ihn haben. Allerdings kann sich „eine Region nur entwickeln, wenn sie sich öffnet. Denn wenn jeder das Gleiche möge, denke und tue, „herrscht Stillstand“, so Wiedemuth. Dass sich schon einige Menschen vor Ort dem Projekt und den jungen Menschen, die während der Campus-Zeit hier arbeiten, gegenüber geöffnet haben, davon berichteten Lisa Wiedemuth Kalbes Ortsbürgermeister Heiko Gabriel und Ralf Schulenburg, einer der Paten der Stipendiaten, sowie Karola Pfandt, die schon mehrfach Stipendiatin war, in ausführlichen Interviews.

Das Patenschaftsmodell ist einer der Erfolgsfaktoren der Künstlerstadt. Vergleichbare Projekte andernorts würden schnell „exklusiv“. Die Künstler bleiben unter sich, zeigen das Geschaffene und das wars. In Kalbe kümmern sich Einwohner direkt um die Stipendiaten. Man lernt sich sofort gegenseitig kennen, akzeptiert einander in aller Verschiedenheit. Die Menschen werden durch ihre Unterstützung, wie zum Beispiel Materialspenden für die Kunstwerke auch „Teil des Kunstobjektes“, so Wiedemuth. Dieses Patenschaftsmodell sei im übrigen, soweit sie recherchiert habe, einzigartig.

Die Prozessbegleitung bei der Entstehung der Kunst ist ein weiterer Faktor: So könne man sich während der Atelierrundgänge tiefer mit den Kunstwerken und Künstlern auseinandersetzen. „Eine Installation? Was ist das?“, meinte Heiko Gabriel. Befasst man sich mit der Entstehung näher und lasse sich darauf ein, „weiß man das mehr zu schätzen“. Auch Corinna Köbele berichtete von einem Zusammentreffen mit einem Bürger, der die Kunst schlichtweg „blöd“ fand, sich aber auf eine Unterhaltung einließ und der anschließend meinte, „na, jetzt find ichs doch irgendwie gut“, erzählte die Künstlerstadt-Initiatorin.

Die Präsenz im Ort ist ein weiterer Faktor: „Was für uns eigentlich ganz wichtig ist: Dass etwas bleibt, wenn die Künstler wieder weg sind“, so Interviewpartner Ralf Schulenburg. Dies beziehe sich nicht nur auf eine Skulptur, die irgendwo steht, sondern auch auf gemeinsame Erinnerungen und Erlebnisse. Die Anwesenheit der Stipendiaten, die mit ganz anderen Augen auf ihre neue Umgebung schauen, führe außerdem dazu, dass Kalbenser das für sie schon Selbstverständliche neu entdecken. Oft habe Heiko Gabriel selbst miterlebt, wie bei Kalbensern plötzlich „historische Erinnerungen“ aufkommen.

Zuletzt hielten noch „spürbare Zwischenerfolge“ das Projekt Künstlerstadt Kalbe am Leben. Man müsse immer wieder neue Energie aufwenden, was mitunter anstrengend sein kann. Doch sichtbare Ergebnisse, Dankbarkeit der Stipendiaten, steigendes Interesse der Bürger seien solche Zwischenerfolge, die dazu motivieren weiterzumachen.

„Schön wäre, wenn in zehn Jahren jemand eine Arbeit über die langfristigen Folgen des Projekts hier schreiben kann“, meinte die Referentin abschließend. Das könnte, betrachtet man die Entwicklung, durchaus geschehen. An Stipendiaten wird es wohl nicht fehlen, denn auch sie profitieren in mehrfacher Hinsicht vom Blick über den (Berliner) Tellerrand: „Erst die Zeit in Kalbe, nicht in Berlin, hat mich gelehrt, auf Menschen zuzugehen, und zwar ohne Vorurteile. Ich habe beruflich und menschlich so viel mitgenommen“, so Wiedemuth.

Von Hanna Koerdt

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