Viele Fragen, aber keine klaren Antworten / „Vor der Haustür eine echte Altlast“

Emotionsgeladener Diskussionsabend zur Bohrschlammdeponie bei Brüchau

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Volles Haus in den Kalbenser „Ratsstuben“: Die Einwohner der Einheitsgemeinde haben wegen der Brüchauer Deponie noch viele Fragen und fordern klare Antworten, die bisher fehlen.

Kalbe / Brüchau. „Dieser üble Schrott kann da nicht liegen bleiben.“ Die Angaben der eingelagerten Stoffe seien „einfach lächerlich“ und die bisher vorgesehene Schließungsvariante, nämlich die Abdeckung mit einer Folie, eine bloße „Kostenminimierung“.

So äußerte sich Dr. Uwe Baumbach am Montagabend in den Kalbenser „Ratsstuben“. Er hat viele Jahre als Gutachter für die GdF Suez E&P Deutschland (inzwischen Engie), die Betreiberfirma der – juristisch korrekt ausgedrückt – „Abfallentsorgungseinrichtung“ Brüchau gearbeitet, die im Volksmund besser bekannt ist als „Bohrschlammdeponie“ oder einfach „Silbersee“ Brüchau. Seine Meinung, wenn auch nicht immer auf eigene Erfahrungen gestützt, teilen viele Kalbenser Bürger. Das wurde am Montagabend beim Informations- und Diskussionsabend zur Schließung des Silbersees deutlich.

Konkrete Antworten auf konkrete Fragen – bisher Mangelware, was den Silbersee angeht. Von 1972 bis 2012 wurden dort verschiedene Toxine eingelagert (bergbaufremde Stoffe bis 1990). Grundlage der aktuellen Schließungsvariante ist eine Liste von Stoffen und Chemikalien, die von 1991 stammt. Doch was wurde von 1991 bis 2012 eingelagert? Und ist die zum Teil nur 70 Zentimeter breite Geschiebemergelschicht, die als Barriere nach unten fungiert, tatsächlich ausreichend, damit das Grundwasser nicht kontaminiert wird? Bürger, Kommune und nun auch die Landespolitik sowie Akteure der Bürgerinitiative (BI) „Saubere Umwelt und Energie Altmark“ bezweifeln das. Zwei „Kleine Anfragen“ hat die Grünen-Landtagsabgeordnete Dorothea Frederking, die zu der Veranstaltung in die „Ratsstuben“ eingeladen hatte, an die sachsen-anhaltinische Landesregierung gestellt (wir berichteten). Die Antworten haben die Bedenken nicht ausräumen können. So machte Christfried Lenz von der BI während der Versammlung noch einmal deutlich, dass in der Beantwortung teilweise ausgewichen oder gar nicht beantwortet, sondern die bereits bekannten Tatsachen lediglich bestätigt werden. So lautet beispielsweise eine Frage (2. Kleine Anfrage): „Wie ist es zu erklären, dass trotz 20-jähriger Einlagerungstätigkeit der Schadstoffgehalt der Deponie gleich geblieben sein soll?“ Antwort: „Die im Endbericht zur ‘Erarbeitung einer Vorzugsvariante zur Schließung der Deponie und Beendigung der Bergaufsicht’ (GICON 5. Februar 2015) angegebene Tabelle berücksichtigt lediglich Schadstoffinventar, das bis 1991 eingelagert wurde. (...)“. Zu denken gebe außerdem, dass ein Gutachten besage, dass die Messungen im Zuge des Grundwassermonitorings keine konkreten Gefährdungen für den Menschen darstellen, weil – und bei diesem Wort ging ein allgemeines Raunen durch den Saal – das Grundwasser im betroffenen Bereich nicht als Trink- oder Gebrauchswasser genutzt werde.

Nach Lenz’ Ausführungen präsentierte Bernd Ebeling, Bauingenieur für Wasserwirtschaft, Unterlagen von Untersuchungen, die unter anderem zeigen, dass der Quecksilbergehalt des Trinkwassers der Ziegelei Brüchau von 1976 bis 1989 stetig stieg. In einem Gutachten von 1993 des Labors für Geoanalytik heißt es außerdem: „Getrennt von den bis jetzt betrachteten Befunden der Grundwasseranalytik, sind die Ergebnisse aus den beiden Grundwassermessstellen Büa T2, 42m und Büa T5, 44 m zu sehen. Aus den Analyseergebnissen dieser beiden Brunnen ist eine klare Beeinflussung durch aus der Grube austretende Stoffe zu erkennen.“ Auffallen würden auch einige Messwerte an Kontrollbrunnen, die je nach Lage im Zu- oder Abstrom unterschiedliche Ergebnisse zeigen. Zu klären sei, so Ebeling, ob die Brüchauer Anlage bereits unter die Strahlenschutzverordnung falle. Als Beispiel führte er das radioaktive Element Radium an: So würde der Gehalt des 226er Radiums an der Grundwassermessstelle T1 (deponienaher Grundwasserabstrom) steigen und habe 2014 seinen höchsten Wert erreicht.

Kurt Schnieber, Präsident des Landesamtes für Geologie und Bergwesen (das LAGB prüft den Abschlussbetriebsplan der vom Betreiber des Silbersees im Zuge der Schließung erstellt wird, und erteilt gegebenenfalls die Genehmigung), bescheinigte zwar, dass insgesamt erarbeitet worden sei, wo Informationsdefizite bestehen, die ausgeräumt werden müssen und dass man sich im Ziel, nämlich die Gefahren für die Gesundheit auszuschließen, einig sei – „Sie haben hier vor der Haustür in Brüchau eine echte Altlast, die Schadstoffe, die darin lagern, sind erheblich...“ – wies aber darauf hin, dass Stoffe nicht nur eingelagert, sondern auch ausgelagert und verpresst worden seien. Nach seiner Meinung werde teilweise „Politik gemacht“, denn man könne „die Grundwasserwerte, die wir im Überwachungssystem messen, nicht mit Werten nach der Trinkwasserverordnung vergleichen. Das ist kein Trinkwasser, deshalb gelten diese Werte nicht.“

Nichtsdestotrotz, so merkte Dorothea Frederking an, gehe es darum, dass im Grundwasser Schadstoffmengen festgestellt worden seien, „und zwar im Abstrom mehr als im Zustrom. Das ist der eigentliche Fakt: Die Deponie ist nicht dicht.“ Weshalb, so Frederking, noch weitere Untersuchungen eingeholt werden müssten, was die Abdichtung wie auch Schadstoffmengen angehe. Dem gab Schnieber auch Recht, betonte aber, dass, was die Abdichtung nach unten angehe, bergbauliches Recht greife, das anders sei als bei Deponien: „Eine 100-prozentige Dichtigkeit schreibt der Gesetzgeber nicht vor.“

An der Diskussion beteiligten sich auch Bürger, wie zum Beispiel Ernst Allhoff, der nach der Schadstoffbelastung der in der Region häufig vorkommenden Hausbrunnen, mit deren Wasser Obst und Gemüse gegossen werden, fragte. Rolf Horn aus Jemmeritz berichtete, wie er zu DDR-Zeiten Fässer mit medizinischen Abfällen zur Brüchauer Grube fuhr. Jürgen Bammel, der in Brüchau wohnt, wollte wissen, wieso vor Jahren eine Spundwand in Richtung Kakerbeck an der Deponie angebracht worden ist.

Nun wird erwartet, „dass unter Einbindung der Öffentlichkeit ein Prozess initiiert wird, an dessen Ende unter Offenlegung und Beantwortung aller ungeklärten Aspekte eine nachvollziehbare und belastbare technische Variante präsentiert wird, die für jetzt und für die Zukunft die einschlägigen Sorgen der Einwohnerschaft des Ortsteils Brüchau und der Umgebung, die im Kontext mit der ehemaligen Deponie stehen, ausräumen“, verlas Kalbes Bürgermeister Karsten Ruth am Montagabend aus einem Positionspapier zur Brüchauer Deponie, die er in diesem Zuge an LAGB-Präsident Kurt Schnieber übergab. Schließlich sei deutlich geworden, dass der Silbersee nicht nur ein „Brüchau-Problem“ sei.

Historisch bedingt habe bei der Errichtung der Deponie zwar keiner weiter nachgefragt. „Die Zeiten haben sich aber geändert. Ich denke, heute hat die Bevölkerung sehr wohl einen Anspruch darauf, in die Problemlösung und in die Diskussion einbezogen zu werden“, betonte Ruth.

In diesem Zuge ist die LAGB dazu aufgefordert, „eine ordentliche und belastbare Datensammlung zu erstellen, die Grundlage für ein Schließungskonzept ist.“

Von Hanna Koerdt

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