Rentner-Ehepaar aus Kalbe fällt auf Schmuck-Aufkäufer rein

Richter: „Ein ganz schlimmes Schlitzohr“

Gerichtsgebäude
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Das Verfahren fand am Gardelegener Amtsgericht statt.
  • Stefan Schmidt
    VonStefan Schmidt
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Das Verfahren gegen einen offenbar etwas windigen Schmuck-Aufkäufer musste im Gardelegener Amtsgericht eingestellt werden.

Kalbe – Axel Bormann ist eine ehrliche Haut. „Ich sage gerne, was ich denke“, erklärte der Richter am Gardelegener Amtsgericht und schaute den Angeklagten direkt an. Am Ende einer etwas merkwürdigen Verhandlung – Tatvorwurf Betrug – gegen eben jenen Alexander K. aus Gelsenkirchen nahm sich der Richter den 32-Jährigen zur Brust. „Ich glaube“, sagte er kurz vor der Urteilsverkündung, „dass das eine ganz böse Sache war“. Der Mann auf der Anklagebank sei „ein ganz schlimmes Schlitzohr“, die Angelegenheit sei „mehr als schofelig“– kurz danach stellte Bormann das Verfahren gegen den Schausteller – er arbeitet an der Schießbude seines Onkels – dennoch ein.

Was war passiert? Alexander K. hatte inseriert. Er kaufe Schmuck und ähnliches auf. Ganz unkompliziert. Und er biete „mehr als ein Goldschmied“.

Diese Annonce las ein Rentner-Ehepaar aus Kalbe. Die 71-jährige Ehefrau rief die angegebene Telefonnummer an. Sie habe Schmuck im Haus, dazu Schreibmaschine, Nähmaschine und Tassen. K. zeigte sich interessiert, wollte gleich am nächsten Tag extra aus Hannover angereist kommen.

Und so kam es auch. Am 25. Juni 2019, nachmittags gegen 16 Uhr, erschien der Interessent in Kalbe. In der heimischen Küche packte die Frau dann den familieninternen Klunker auf den Tisch. Was genau, das wusste die Rentnerin knapp zwei Jahre nach jenem Tag nicht mehr im Detail. Fest steht für sie aber bis heute: Es seien wertvolle Sachen gewesen, „echte Steine“ waren darunter.

160 Euro als Anzahlung

Am Ende stopfte sie den Schmuck in eine Tüte, der spätere Angeklagte nahm sie mit. Und gab ihr 160 Euro, „als Anzahlung“, wie sie betonte. Denn tags darauf sollten K.´s Eltern kommen, denen er direkt aus der Küche Handy-Fotos der Gegenstände schickte. Sie hätten großes Interesse, würden dann nochmals Geld mitbringen.

Bis heute sind die Eltern nicht in Kalbe aufgetaucht. Und als die Rentnerin K. zu verstehen gab, dass die 160 Euro doch reichlich wenig Geld seien, sie sich mehr versprochen hätte, „da wurde er zunehmend unfreundlich“, erzählte sie dem Richter. Dabei habe er ihr am Anfang des Gesprächs in der heimischen Küche noch einen Ring geschenkt, „weil er mich so sympathisch fand“ und er so „begeistert“ von dem gezeigten Schmuck gewesen sei.

„Haben Sie den Schmuck schätzen lassen?“

K. verschwand mit der Tüte und dem Schmuck, dem Rentner-Ehepaar – der Ehemann war während der Verhandlungsgespräche im Garten – blieben 160 Euro. Und der Frust. Zumal es nichts Schriftliches gibt. Keinen Kaufvertrag. Keine Quittungen. Nichts. „Haben Sie denn den Schmuck vorher mal schätzen lassen?“, wollte der Richter wissen. Nein, antwortete die Rentnerin. Kopfschütteln beim Richter: Man müsse doch in solche Verhandlungen gehen mit dem Wissen, was die Schmuckstücke in etwa wert seien, erklärte er ihr. „Ich weiß, dass ich da einen Fehler gemacht habe“, gab die Rentnerin mehrfach zu. Der Richter versuchte sie zu beruhigen: „Sie müssen sich hier nicht immer selbst geißeln.“

Das Rentner-Ehepaar erstattete kurz nach der ominösen „Bares-für-Rares“-Variante in der heimischen Küche Anzeige gegen Alexander K. wegen Betrug. Und selbst als der Beschuldigte die Kalbenserin anrief und ihr 100 Euro bot, wenn sie die Anzeige zurückziehen würde, blieb sie hart. Denn „ich hatte lange an dieser Sache zu knabbern“, gab sie zu.

Am Ende stellte der Richter das Verfahren in Absprache mit der Staatsanwaltschaft ein. Denn ein Betrug konnte dem Angeklagten nicht nachgewiesen werden. Es handele sich um „ein ziemliches Wirrwarr“, die Sache sei „nicht wirklich greifbar“, begründete der Richter die Verfahrens-Einstellung.

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