Irene soll zwischen 1942 und 1945 in Kalbe und Wernstedt gelebt haben

Auf Spurensuche nach der Identität ihrer Mutter

Mädchen auf Polizeifoto mit falscher Identität, die in Kalbe und Wernstedt lebte.
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Mit einem Bericht suchte die niederländische Polizei nach einem Mädchen mit falscher Identität. Ob sie tatsächlich Irene hieß und 1942 bis 1945 in Wernstedt und Kalbe lebte, versucht ihre Tochter rauszufinden.
  • Hanna Koerdt
    vonHanna Koerdt
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„Ich habe immer gedacht, meine Mutter käme aus Ostdeutschland“, sagt Cyrilla van der Donk. Tatsächlich lebte sie wohl nur drei Jahre hier. Das fand die Niederländerin erst nach dem Tod ihrer Mutter heraus. Wer war ihre Mutter? Lebte sie tatsächlich als Zwangsarbeiterin in Kalbe und Wernstedt? Und wie hieß sie wirklich? Das versucht die Tochter jetzt herauszufinden.

Kalbe – „Meine Mutter hat mir als Kind, aber auch als Erwachsene viele Geschichten erzählt über ihre glückliche Jugend und ihre Lebensereignisse im Zweiten Weltkrieg und der Nachkriegszeit. Aber immer ohne Familiennamen und Orte“, erzählt Cyrilla van der Donk im Gespräch mit der AZ. Immer wenn sie Näheres wissen wollte, ging ihre Mutter aber nicht darauf ein. 2015 verstarb sie. Drei Jahre später „wollte ich eigentlich nur wissen, wo sie aufgewachsen war. Vielleicht gab es das Haus noch, wo sie so glücklich war? Vielleicht konnte ich ein altes Schulfoto finden?“, erzählt Cyrilla van der Donk.

Stattdessen stellten sich ihr immer mehr Fragen zum Leben ihrer Mutter. „Mir hat sie immer erzählt, sie sei einem holländischen Ehepaar während der Olympischen Spiele 1928 in Amsterdam gestohlen worden und bei einem deutschen Ehepaar aufgewachsen, welches sie sehr geliebt hat“, berichtet die Tochter und sagt weiter: „Sie hat mir erzählt, dass sie, als sie ihre deutschen Eltern mit elf oder zwölf Jahren verloren hatte, sie mit einem Zettel auf einen Zug nach Magdeburg gestellt wurde. Es gäbe dort eine Tante. Dort ist meine Mutter nie angekommen.“ Im Pass ihrer Mutter stand, dass sie Renée Booveri hieß, auf Postkarten aus den Jahren 1946 bis 1948 steht Irene oder auch Ireentje Bouvri oder Bouvrie. „Ich habe meine Mutter gekannt als Irene van der Donk Booveri.“ Welcher der richtige Vorname ist, ob überhaupt eine Schreibweise des Nachnamens Booveri richtig ist oder ihre Mutter völlig anders hieß, das weiß Cyrilla van der Donk bis heute nicht.

Die Polizei suchte nach dem Mädchen mit falscher Identität

Der Durchbruch ihrer Recherche war ein Zeitungsbericht der Polizei Eindhoven von 1945, den sie im vergangenen Jahr fand. Gesucht wurde die Identität eines Mädchens, das bei der Polizei behauptet hatte, René Booverie zu heißen und am 17. April 1928 als Tochter von Maria Louise Booverie geboren worden zu sein. „Obwohl sie kein Niederländisch spricht, sagt sie, sie sei Niederländerin“, stand in dem Artikel. Stattdessen habe das Mädchen fließend Russisch mit einem ukrainischen Akzent gesprochen und nur sehr wenig Deutsch. Sie habe bei der Polizei ausgesagt, dass sie bei Anna Meijer, geboren in Nackel (Deutschland), in Kiew aufgewachsen sei. Im Mai 1942 sei sie von Kiew nach Wernstedt und Kalbe gekommen, wo sie bis April 1945 bei Bauernfamilien gearbeitet habe. Am 11. April 1945 sei sie nach Brandenburg und dann weiter nach Enschede gebracht worden. Sie sagte aus, sie habe keine Verwandten und wolle nach Belgien, um Freundinnen zu besuchen, die sie in einem Lager kennengelernt habe. Sie hatte keine Papiere, wurde in dem Artikel geschrieben.

„Rückblickend denke ich, sie hat gesagt, dass sie Holländerin ist, weil sie nicht zurück in die Ukraine geschickt werden wollte“, denkt Cyrilla van der Donk. „Mir hat sie immer erzählt, sie sei mit belgischen und französischen Freunden mit einem Traktor mit Anhänger nach Westen gezogen. Sie habe am 17. April 1945 ihren 17. Geburtstag in einem amerikanischen Lager gefeiert.“

Hat sie bei Bauernfamilien in Kalbe und Wernstedt gelebt?

Was genau geschah, konnte Cyrilla van der Donk noch nicht vollständig nachverfolgen. Denn einiges, was ihr ihre Mutter erzählte, „stimmt tatsächlich nicht, aber ich weiß jetzt, das Meiste schon.“ Zum Beispiel, dass sie in Kalbe war. „Ich weiß mit Sicherheit, dass sie in Kalbe an der Milde war, weil ich die zweite Bauernfamilie gefunden habe. Meine Mutter hat mir von der Familie erzählt und konsequent dieselben Vornamen genannt.“ Sie fand mithilfe von Behörden heraus, dass es hier tatsächlich eine Familie gab, deren Mitglieder die passenden Vornamen trugen und die an der Gerichtstraße gelebt hatten. Sie wusste, dass einer der Söhne früh im Krieg gefallen war, auch das stimmte, wie sie bei ihrer Recherche herausfand. Cyrilla van der Donk versuchte, Kontakt mit den Nachfahren aufzunehmen, aber bisher erfolglos, wie sie bedauert. Denn ihre Mutter hatte sich bei der Kalbenser Familie wohlgefühlt.

Als 14-Jährige vom Bauer vor dem Lager gerettet

Nun versucht Cyrilla van der Donk herauszufinden, wer die andere Familie war, die vermutlich in Wernstedt oder Kalbe eine Landwirtschaft hatte. Ihre Mutter muss, wenn ihr Geburtsdatum stimmt, damals 14 Jahre alt gewesen sein. „Meine Mutter hat immer gesagt, der Bauer habe sie gerettet.“ Cyrilla van der Donk hat in ihren Notizen zusammengetragen, dass ihre Mutter, als sie aus Kiew nach Deutschland gebracht worden war, an einem Bahnhof mit Leuten mitgelaufen und so in ein Lager gekommen sein muss. Aus den Erzählungen ihrer Mutter soll es dann wohl so gewesen sein, dass „ein Bauer meine Mutter mitnehmen durfte weil sie nicht auf der Liste für das Lager stand. Er hatte etwas gesagt wie ‚Ach je, die Kleine‘.“ Der Mann nahm sie auf einem Fahrrad mit. Aus weiteren Erzählungen weiß sie Folgendes: Die Familie hatte wohl die Söhne Hermann (verheiratet in Berlin mit Mathilde und Sohn Klaus), Willy (im Krieg in Russland und vermisst) sowie Helmut. Auf der Landwirtschaft hat sie unter anderem Kühe gemolken und mit Pferden auf dem Land gearbeitet. Wenn ihre Arme vom Melken weh taten, sagte die Bauersfrau immer, sie selbst habe schon mit acht Jahren Kühe gemolken. Mit Willy, der an die Ostfront musste, korrespondierte Irene. Wenn er an seine Familie schrieb, fügte er immer ein kleines Stückchen an „Irene“ oder auch „Ireenchen“ bei. Er „habe sie behandelt wie seine kleine Schwester“, erinnert sich Cyrilla van der Donk.

„Meine Mutter hat mir erzählt, dass die Pferde Max und Lotte hießen, dass es elegante Pferde waren, und nicht die üblichen Arbeitspferde, und dass sie zu zweit eingespannt wurden, um auf dem Land zu arbeiten“, sagt Cyrilla van der Donk. Sie müssen auf einem Acker am Hügel gearbeitet haben. „Der Bauer hatte also unter anderem Land mit oder auf einem Hügel. Er hatte einen Splitter im Kopf aus dem Ersten Weltkrieg und deshalb epileptische Anfälle“ hat ihr ihre Mutter erzählt. Vermutlich hat eine Irma Weinknecht während ihres Reichsarbeitsdienstes 1942 auch auf diesem Hof gearbeitet, fand Cyrilla van der Donk durch Recherchen im Deutschen Historischen Museum heraus. Über den Arbeitsalltag selbst, auch bei der Familie in Kalbe, bei der das junge Mädchen damals vor allem im Haus tätig war, erzählte sie nie viel.

Ein Buch über das Leben ihrer Mutter

Mit all den kleinen Erinnerungen, Geschichten und Anhaltspunkten versucht Cyrilla van der Donk, die an einer Universität lehrt, die Lebensgeschichte von Irene van der Donk Booveri zu rekonstruieren und herauszufinden, was wahr ist und wie ihre geliebte Mutter tatsächlich lebte. Inzwischen nicht nur für sich selbst, sondern für ein Buch, welches sie mithilfe des Autors Marcel Maassen über ihre Mutter schreibt. Denn viele Freunde, Familie, Bekannte und Menschen, die sie im Zuge ihrer Recherchen kennenlernte, schlugen ihr immer wieder vor, alles in einem Buch festzuhalten. Sie selbst schlug ein Buch einst ihrer Mutter vor, – damals wusste sie noch nichts über die falsche Identität –, doch ihre Mutter sagte nur: „Nein, es glaubt mir doch eh keiner.“

Zeitzeugen gesucht: Wer erinnert sich?

Cyrilla van der Donk hofft nun, dass sich vielleicht jemand an die Familie aus Wernstedt, Kalbe oder womöglich auch einem der Nachbarorte erinnert. „Vielleicht gibt es noch Verwandte?“, fragt sie sich. Vielleicht leben sogar noch Zeitzeugen, die sich an ihre Mutter erinnern, weil sie ihr begegneten. Und wenn nicht, so hofft sie zu erfahren, wie die Lebensumstände ihrer Mutter vielleicht genau waren, und die anderer Zwangsarbeiter. Eventuell kann jemand berichten, was im April 1945 in Kalbe und Wernstedt vor sich ging und wie ihre Mutter die Altmark tatsächlich verlassen haben könnte. Sobald wie möglich will sich die Tochter selbst einen Eindruck verschaffen, zumindest von den Orten selbst: Sie möchte im Sommer nach Kalbe reisen und damit der noch unvollständigen Biografie ihrer Mutter wieder einen Schritt näher kommen. Wer sich eventuell an Irene bzw. das Mädchen aus der Ukraine erinnert oder an die Bauernfamilie, bei der sie ab 1942 lebte, und ähnliche Hinweise hat, der kann sich melden bei:

Adresse:
Frau Cyrilla van der Donk
Hazenkampseweg 121
6531 ND Nijmegen
(Niederlande)

Email: Cyrillavanderdonk@gmail.com

Telefon: 0031 6 50 85 23 06

oder bei der Altmark-Zeitung unter der Telefonnummer (0 39 07) 70 29 95 212.

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